Wie die Reisebranche auf die politischen Krisen reagiert

Exklusive Entspannung: Tui will seinen Kunden wieder mehr Vielfalt bieten, Kern des Angebots sollen aber Marken wie Robinson bleiben.
Exklusive Entspannung: Tui will seinen Kunden wieder mehr Vielfalt bieten, Kern des Angebots sollen aber Marken wie Robinson bleiben.
Foto: Tui
Reisen in Zeiten globaler Krisen: Sebastian Ebel, Deutschland-Chef von Tui, spricht im Interview über Chancen und Risiken für Veranstalter.

Essen.. Mit dem Sommer 2015 leitet Sebastian Ebel die Geschäfte bei Deutschlands führendem Reiseveranstalter, der TUI Deutschland GmbH. Vor der weltgrößten Reisemesse ITB, die in der kommenden Woche in Berlin startet, sprachen wir mit dem Top-Manager über die aktuelle Buchungszurückhaltung der Deutschen und die Chancen und Risiken für die Reiseveranstalter in diesen Krisenzeiten.

Herr Ebel, die Geschäfte laufen nicht gut. Viele Deutsche haben bislang auf ihre Buchungen für die Sommersaison verzichtet, weil sie verunsichert sind. Reiseziele wie Tunesien, Ägypten und die Türkei lassen sich kaum noch oder nur mit starken Preisnachlässen an den Mann bringen. Es dürfte noch ein hartes Jahr werden.

Sebastian Ebel: Natürlich ist es schöner in Zeiten zu arbeiten, in denen es relativ einfach ist, Reisen zu verkaufen. Diese Situation haben wir derzeit tatsächlich nicht. Dennoch sehe ich für uns eine riesige Chance. Wir können uns von anderen abheben, wenn in einer unsicheren Welt Themen wie Service und Kundenorientierung stärker in den Mittelpunkt rücken. So haben wir den Marktanteil um fast einen Prozentpunkt auf über 21 Prozent gesteigert.

Dennoch liegen auch bei Ihnen die Buchungen gegenüber dem Vorjahr im Hintertreffen.

Ebel: Es ist richtig, dass gerade die Familien mit Kindern noch unentschlossen sind. Aber ich beobachte insgesamt ein sehr agiles Verhalten des Marktes, das mich durchaus positiv stimmt. Zum einen stellen wir gerade fest, dass wieder mehr Buchungen in den Reisebüros getätigt werden und dafür die Online-Portale verlieren. Und die Buchungen für ein Reiseziel wie Ägypten, die sehr stark zurückgegangen waren, ziehen langsam wieder an.

Unverändert schwierig ist die Situation in der Türkei. Hier beträgt der branchenweite Rückgang über 30 Prozent zum Vorjahr. Helfen jetzt nur noch drastische Preissenkungen, um die Saison einigermaßen zu retten?

Ebel: Zunächst gilt es, dass wir die Wahrnehmung für das Reiseziel wieder schärfen und in der Kommunikation deutlich machen, dass die touristischen Regionen an der türkischen Riviera und Ägäis in punkto Liberalität und Weltoffenheit Reisezielen wie Spanien in nichts nachstehen. Auch mit Blick auf die Sicherheit gibt es laut Auswärtigem Amt keine Einschränkungen.

Die Nerven liegen dennoch blank. Dies erkennt man auch an dem Vorwurf des türkischen Tourismusministers, der Ihnen und den anderen Reiseveranstaltern unterstellt, sie würden bewusst die Buchungen zurückhalten, um die Preise zu drücken. Ist dem so?

Ebel: Nein, das ist definitiv nicht so. Die Preise wurden bereits vor Monaten von den türkischen Hoteliers reduziert, weil der komplette russische Markt weggebrochen ist. Da auch die Nachfrage aus Deutschland mittlerweile erheblich hinter dem Vorjahr zurückliegt, sind die Preise natürlich mehr denn je unter Druck. Aufgrund der Konflikte an der Grenze zu Syrien sind Urlauber derzeit zurückhaltender. Der Terroranschlag in Istanbul hat diese Entwicklung nochmal forciert. Trotz der aktuell schwierigen Situation bin ich optimistisch, dass die Urlauber noch in diesem Jahr an die türkischen Strände zurückkehren. Die hohe Qualität der türkischen Hotels, die attraktiven Preise und die Tatsache, dass andere Urlaubsländer in der Hochsaison ausgebucht sein werden, sorgen dafür, dass sich die Buchungszahlen noch spürbar erholen.

Für Tunesien-Reisen scheinen auch Preissenkungen nicht mehr zu helfen. Die RIU-Hotels ziehen sich aus dem nordafrikanischen Land komplett zurück. Hätte das gebeutelte Land nicht mehr Solidarität verdient?

Ebel: RIU ist in Tunesien ein Sonderfall: Unser Hotelpartner war durch das Attentat in Sousse maximal betroffen. Der Schock sitzt immer noch tief. Die Entscheidung wurde nicht leichtfertig getroffen. Unabhängig davon zählt die Tui seit Jahrzehnten zu den verlässlichsten Unternehmen in der Reisebranche – für Kunden wie auch für Partner und Länder. Das gilt auch für Tunesien: Trotz des massiven Nachfragerückgangs wird ein erheblicher Teil unseres Angebotes weiter aufrechterhalten, beispielsweise der Robinson Club auf Djerba.

Sie leiten erst seit dem Sommer 2015 die Geschäfte bei der Tui in Deutschland und haben schon den ersten großen Strategiewechsel verkündet und umgesetzt. Die Tui, so Ihre Entscheidung, versteht sich nun wieder als Massenanbieter. War das nötig?

Ebel: Der Begriff „Masse“ trifft es nicht. Es geht vielmehr darum, dass wir die Wünsche unserer Kunden nach mehr Vielfalt und Auswahl bedienen. Wir hatten in Deutschland zuletzt Verluste beim Marktanteil und dem Ergebnis, da musste gehandelt werden. Daher habe ich für unsere deutschen Veranstalteraktivitäten entschieden, dass wir die sehr eng gefasste Ausrichtung auf exklusive Hotels korrigieren und die Auswahl für den Kunden wieder deutlich vergrößern. Wir haben aktuell über 30.000 Hotels in den Systemen, darunter auch erschwingliche Häuser im Drei-Sterne-Segment. Den Kern unseres Angebotes bilden allerdings weiterhin unsere exklusiven Hotelmarken wie etwa Robinson, Riu und Magic Life. Das sind eigene Hotelmarken des Konzerns.

Sie haben wie Ihr Konzernchef Fritz Joussen zuvor mehrere Jahre im Top-Management von Vodafone gearbeitet. Dabei sind doch Telekomunikation und Tourismus zwei völlig verschiedene Branchen.

Ebel: Und trotzdem kann man sehr viel übertragen. Unter der Führung von Fritz Joussen wurde Vodafone zum Marktführer, weil wir an die Kraft der Marke geglaubt und enorm in die Marke investiert haben. Auch bei der Tui stärken wir wieder unsere Marke und werden unser Unternehmen absehbar auch europaweit nur noch unter der einheitlichen Marke Tui führen. Im globalen Wettbewerb mit anderen Big Playern wie etwa Expedia oder Booking führt daran kein Weg vorbei.

Diese Entscheidung geht einher mit dem Wegfall nationaler Veranstaltermarken wie beispielsweise Arke in Holland, wo die Umstellung auf TUI erst kürzlich erfolgte. Auch in Deutschland wurden Hotelmarken wie Viverde und Puravida oder auch die Preiswertmarke Discount Travel vom Markt genommen. Ist diese Markenbereinigung nun abgeschlossen?

Ebel: Während die OneBrand-Strategie in unseren europäischen Märkten weiter planmäßig umgesetzt wird, gibt es in Deutschland derzeit keine neuen Pläne. Mit unserer Dachmarke Tui sowie airtours im Luxus- und 1-2-Fly im Budget-Bereich, decken wir weite Teile des Marktes ab. Andere Zielgruppen bedienen wir mit unseren Spezialisten: etwa mit Gebeco und Dr. Tigges im Bereich der Studien- und Erlebnisreisen oder TUI Ferienhaus und atraveo im boomenden Markt für Ferienhäuser.

Die Vielfalt und Komplexität im Tourismusgeschäft ist und bleibt also ungleich höher als im Telekommunikationssektor?

Ebel: Das ist unbestritten. Gleichzeitig habe ich bei Vodafone gelernt, dass es klüger ist, wenige Dinge zu tun, diese dafür aber richtig. Dieses Prinzip habe ich beibehalten.

Das ist ja interessant. Aus ihrem Unternehmen hört man, dass Sie sich im Gegenteil sehr für die Details interessieren und sich immer wieder einmischen.

Ebel: Wenn etwas nicht läuft, schalte ich mich ein. So habe ich beispielsweise im Fall von Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten sehr intensiv daran mitgearbeitet, dass wir die Verlustzone verlassen haben und nun wieder glänzend dastehen. Ich bin von Hause aus eben Controller und schreibe dieses Wort auch gerne mal mit „K“. Wenn es dann aber wieder läuft, ziehe ich mich zurück und gewähre durchaus große Freiräume.

Die Reisewelt hat sich durch die neuen technischen Möglichkeiten bereits dramatisch gewandelt und wird sich weiter verändern. Inzwischen stellt sich sogar die Frage, ob Reiseveranstalter überhaupt noch benötigt werden. Woher nehmen Sie perspektivisch die Existenzberechtigung für dieses eher traditionelle Geschäftsmodell?

Ebel: Auch wenn globale Buchungsplattformen äußerst erfolgreich sind, bleiben diese Unternehmen reine Vermittler. Sie haben also keine eigenen Hotelzimmer. Auf Dauer werden Booking & Co. vermutlich selbst durch die großen digitalen Player wie Google und Facebook unter Druck geraten. Wir als Tui agieren hingegen als integrierter Tourismuskonzern und sind kaum zu kopieren: Wir haben eigene Hotels bekannter Marken wie Riu oder Robinson, eigene Kreuzfahrtschiffe, Flugzeuge und Reisebüros, durch die wir direkten Zugang zu unseren Kunden haben. Unsere persönlichen Kontakte zum Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette und unsere starke Marke in Kombination mit den technologischen Möglichkeiten sind auch künftig unser Alleinstellungsmerkmal.

Ihr Arbeitspensum ist enorm. Neben Ihrem Job als Geschäftsführer der Tui Deutschlands sind Sie auch noch Mitglied des Vorstandes der TUI AG sowie der Präsident von Eintracht Braunschweig. Und ganz nebenbei sind Sie auch noch fünffacher Familienvater. Wie werden Sie all dem gerecht?

Ebel: Um ehrlich zu sein, gelingt dies nicht immer. Die zeitliche Belastung ist schon enorm und oft genug kann ich nur bitten und hoffen, dass mein Umfeld dafür Verständnis hat.

Und im Urlaub, können Sie da wenigsten abschalten?

Ebel: Also ohne iPad und Blackberry geht es bei mir auch im Urlaub nicht. Natürlich weiß ich, dass das rational gesehen nicht unbedingt richtig ist. Aber ich kann nicht anders und ich tue das ja auch freiwillig. Da ich eine sehr große Familie habe, sind wir eher im Ferienhaus als im Hotel. In einem Hotel wäre wohl auch die Gefahr zu groß, dass ich alles umkrempeln würde (lacht).

 
 

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