Burma boykottieren oder buchen

Foto: MSG

Nach den Unruhen im Spätsommer 2007 sind Reisen wieder möglich. Ob man es tut, muss jeder selbst entscheiden.

Er lächelt freundlich, als er ins Sucherbild der Kamera läuft, entschuldigt sich dann beim Touristen, fragt nach dessen Woher und Wohin, beantwortet bereitwillig Fragen, sogar persönliche. Nur seinen Namen mag der junge Mönch nicht nennen.

Verständlich, denn rund um die Shwedagon-Pagode in Rangun soll es noch immer von Spitzeln der Militärregierung wimmeln. Er ist 19 Jahre alt, hat seinen Master in Englisch gemacht, ist danach für zwei Jahre in ein Kloster eingetreten. Und „natürlich” reihte er sich im Spätsommer 2007 in die Protestzüge der Mönche ein. „Als die Soldaten kamen, bin ich gerannt”, berichtet er,

„ich konnte entkommen. 200 aus meinem Kloster sitzen immer noch im Gefängnis.” Was nun werden soll? Unsicher hebt er die Schultern. Irgendwann will er nach Thailand gehen, „um dort zu arbeiten, bis es hier weiter geht”. Ist die Rückkehr überhaupt möglich? „Natürlich, die grüne Grenze funktioniert in beiden Richtungen.”

Dass Burma-Reisende an den Pagoden in Rangun und Mandalay von Mönchen angesprochen werden, geschieht in diesen Wochen oft. Denn die Männer in den rostbraunen Kutten interessiert brennend, was das Ausland über ihre vorerst gescheiterte Rebellion denkt und wie die Welt reagiert.

In Burma weiß die Bevölkerung davon so gut wie nichts: Die der Zensur unterworfenen Medien bringen nur schönfärberische und nichtssagende Verlautbarungen des Militärregimes, ausländische Fernsehsender sind allenfalls in den großen Hotels zu empfangen, haben zudem ihre Burma-Berichterstattung nahezu eingestellt. E-Mails und Internet funktionieren zwar, werden aber zweifellos überwacht - wer von einem Hotel-PC aus ein ausländisches Medienportal aufsucht, muss lange Antwortzeiten hinnehmen, wer in eine Suchmaschine „Myanmar” eingibt, könnte einen Systemabsturz erleben.

Wer in diesen Wochen durch das ärmste Land Asiens reist, begegnet wenigen Touristengruppen, aber einer wissbegierigen Bevölkerung, der Besucher herzlich willkommen sind. Ein 18-jähriger Informatik-Student, der auf dem Mandalay-Hügel die Mitglieder einer deutschen Reisegruppe anspricht, erläutert: „Wir wurden hier zwar Augenzeugen der Ereignisse, aber sonst wissen wir so gut wie nichts. Was das Ausland betrifft, haben wir nur Vermutungen - und das, was Touristen uns hier berichten. Deshalb begrüßen wir, dass wenigstens einige wieder nach Burma reisen.” Sanktionen und Boykott-Aufrufe haben den Burma-Tourismus getroffen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch etwa fordert von in Burma tätig werdenden Unternehmen den Nachweis, dass durch ihre Geschäfte keine Menschenrechte verletzt werden. Exil-burmesische Gruppen rufen lautstark zum touristischen Boykott auf: Tourismus, der der breiten Bevölkerung zugute komme, könne es in Burma erst geben, „wenn die Menschen frei am Ge-schäft partizipieren und die Entwicklung mitbestimmen können. Wenn demokratische Verhältnisse herrschen”, so die Koalition der gewählten Abgeordneten im Exil.

Zwar ist nicht einmal annähernd nachweisbar, dass und wie Sanktionen die seit 45 Jahren regierenden Militärs treffen. Unübersehbar ist jedoch, dass an touristischen Schwerpunkten wie dem Inle-See und der Region Bagan vor allem Kleingewerbe und Bevölkerung leiden: Hotels, Restaurants und Busbetriebe beschäftigen weniger Personal, und die Einnahmen der bettelarmen Seidenweber, Holzschnitzer, Kunstschmiede, Zigarrendreher und Souvenirhändler sind drastisch zurückgegangen. Die Folge: Die Aufdringlichkeit von „Verkäufern” grenzt an Bettelei.

Zu den schuldlos Betroffenen gehören auch zwei Deutsche. Der aus Aachen stammende frühere Surfbrett-Fabrikant Bert Morsbach (70) hat in den Bergen am Inle-See zusammen mit dem Moselwinzer Hans Leiendecker (49) das erste burmesische Weingut aufgebaut. Ihre Weiß-, Rosé- und Rotweine setzt die vor sieben Jahren gegründete Kellerei Ayathaya bei 80 gehobenen Restaurants und Hotels im Lande ab. Zum Jahresende 2007 werde in der Bilanz erstmals eine „schwarze Null" stehen, hatten sie ihren internationalen Geldgebern versprochen.

Weil die Kundschaft seit Oktober nur noch wenige Flaschen bestellte, wird - so Morsbach - „der Break Even nun frühestens Ende 2008 erreicht”.

Geführte Gruppenreisen sind in Burma seit Mitte Oktober wieder möglich. Während unserer zweiwöchigen Rundreise erlebten wir auf der Route Rangun - Inle-See - Mandalay - Bagan - Rangun keine Demonstration, keinen Polizeieinsatz. An Pagoden, Klöstern und Märkten war kaum Sicherheitspersonal zu sehen, Militär nur in Rangun nach Sonnenuntergang. Nach Angaben eines langjährigen Burma-Reiseleiters „funktioniert das Land wieder wie früher”.

Das heißt: Wenn der Strom nachts mal wieder ausfällt, müssen Hotels auf Generatoren umschalten. Wir trafen auch Einzelreisende aus Deutschland, deren Programme einwandfrei abgewickelt wurden; sie mussten allerdings alle Inlandsflüge und Unterkünfte vorab über eine in Rangun ansässige Agentur buchen und bezahlen. Wer per Mietwagen durchs Land reisen will, was wegen der miserablen Straßenverhältnisse nicht ratsam ist, muss für die gesamte Reise einen Begleiter akzeptieren - und für ihn bezahlen.

Politisch herrscht Stillstand im Lande. Alle Gespräche zwischen Militär und Opposition blieben bisher ebenso ohne reale Ergebnisse wie die Visiten von Uno-Beauftragten. Die Benzinpreiserhöhung um 100 Prozent - Auslöser der Proteste im Spätsommer - hat die Regierung zum Teil zurückgenommen, doch der Energiemangel hat Burma fest im Griff: Ohne besondere Bezugsberechtigung ist Kraftstoff an städtischen Tankstellen kaum erhältlich; auf dem Land wird Diesel am Straßenrand und auf Märkten aus Fässern in Literflaschen umgefüllt.

Obwohl Burma seinen Erdölbedarf vollständig aus eigenen Vorkommen decken könnte, muss es rund die Hälfte des benötigten Öls auf dem Weltmarkt zu Barrel-Preisen um 100 Dollar kaufen. Denn der mächtige Nachbar China pocht auf langfristige Verträge, die ihm als Gegenleistung für den Bau einer Raffinerie Öllieferungen zu 23 Dollar pro Barrel garantieren. Daran können keine Sanktionen etwas ändern, ebenso wenig an der Vetternwirtschaft und den Schwarzmarktgeschäften, bei denen Jade, Edelsteine und Teakholz im großen Stil und mit Wissen der Militärs ins Ausland verschoben werden.

Es muss jeder, der in dieses landschaftlich wie kulturell so wunderbare Land reisen will, mit sich selbst ausmachen, ob er Burma boykottieren oder buchen will. Wir waren da und haben es nicht bereut. Denn Touristen können in Burma helfen: mit Auskünften, die Hoffnung vermitteln, und mit manchem Dollar.

 
 

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