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Wandern in den Bergen von Österreich - Sagenhaftes Lech

Sattes Grün – schroffes Grau: Lech Zürs am Arlberg macht selbst aus einem Wandermuffel aus dem Ruhrgebiet einen Aktivurlauber.
Sattes Grün – schroffes Grau: Lech Zürs am Arlberg macht selbst aus einem Wandermuffel aus dem Ruhrgebiet einen Aktivurlauber.
Foto: Lelos
Der Grüne Ring im Österreichischen Lech ist das sommerliche Pendant zum Weißen. Eine Wanderroute mit versteckten Plätzen und rätselhaften Wesen.

Zürs.. Das Wandern ist des Müllers Lust, heißt es in einem alten deutschen Volkslied. Nun ist mein Name weder Müller noch hat der Ruhrpottler in mir von jeher Lust dazu verspürt. Dennoch bin ich in Österreich, in Lech Zürs am Arlberg, und vor mir liegen drei Tage Grüner Ring, ein Wandergebiet, in Themenwege unterteilt, die in eine moderne Sagenwelt entführen wollen. In der Vorstellung offenbaren sich augenblicklich die Höllenkreise aus Dantes Inferno. Jeder stellvertretend für eine der Todsünden – zum Beispiel Gula, die Maßlosigkeit: reuevolle Gedanken ans üppige Frühstück von heute Morgen und an den Weg, der noch zurückgelegt werden muss.

Jede Reise beginnt eben mit diesem ersten Schritt – und den geht zunächst Andreas Vondrak oder kumpelhaft Andy, mein Wanderguide. Ihm folgend wird begreiflich, dass Imagination und Realität selten deckungsgleich verlaufen und die Wanderung in Alighieris Paradiso führt. Das satte Grün der Vegetation, von einzelnen Schneefeldern unterbrochen, wird in seiner Perfektion nur vom eisblauen Monzabonsee übertroffen, der still und starr unerwartet hinter dem ersten Hügel langsam auftau(ch)t.

Garniert wird die Landschaft mit Murmeltieren, die nach Andys Hallo-wach-Ruf wie grau-melierte Billardkugeln auf dem grünen Vlies umherhuschen und in ihren Löcher verschwinden, nicht jedoch ohne vorher einen feixenden letzten Blick zu riskieren, wer sie da aufgewuselt hat. Etwa drei Stunden verläuft die erste Etappe in dieser Zwischenwelt, die von Lech nach Zürs führt – mit Rast in einer Hüttenbibliothek, aus deren Innerem das Bergpanorama für jede noch so kräftezehrende Minute entschädigt und jeden noch so anstrengenden Schritt vergessen lässt.

Auf der Suche nach Sagenwelten am Wanderweg in Österreich

Ein neuer Tag, ein neuer blassblauer Himmel und Andy, der an gewöhnlichen Arbeitstagen den Jetset, Hochadel und die Staatschefs der Welt durch diese Berge lotst, bringen mich heute von Zürs nach Zug.

Außer uns beiden Wandervögeln sind nur die Bewohner des Waldes in ihrer indigenen Sagenwelt unterwegs. Und ich wundere mich über mich selbst. Auf der Suche nach Sagenwelten und rätselhaften Wesen entdecke ich das unbekannte Wesen in mir – eines, das jahrelang im Verborgenen kauerte, jetzt nicht mehr zu bändigen und nach mehr lechzend: mehr Bergkämme, mehr Talsenken, mehr Lech.

Kuhglocken reißen mich aus der Gedankenwelt und ich erblicke den hölzernen Riesen Taurin, der am Hang des Stierlochkopfs kraxelt und verstreute Felsbrocken nach oben trägt. Die Legende besagt, dass der Riese, als er den Berg zum ersten Mal sah, so von seiner Schönheit überwältigt war, dass er es nicht akzeptierte, wenn dieser sich schüttelte und das Gestein von ihm abfiel. Seit jeher versucht er den Idealzustand wiederherzustellen. Eine rastlose Sisyphusarbeit prometheischen Ausmaßes.

Taurin zum Trotz sollte der Wanderer es nicht verpassen, in einer der Almhütten zu rasten und ein Stück Bergkäse mit nach unten zu tragen. Dessen Würze entspringt dem Sammelsurium an Alpenpflanzen – von Enzian bis Edelweiß – die auf den Hochwiesen gedeihen, auf denen die Kühe grasen.

Die letzte Etappe beginnt am Fuße des Arlberg-Gebirgspasses, auf dessen Gipfel das Ziel: die Balmalp. Nur der geübte Wanderer gelangt dorthin, über einen steilen Waldweg, quer durch einen Sagenwald, bewohnt von lauter hölzernen Fabelwesen. Dantes Hölle ist auf den Kopf gestellt: je höher der Wanderer steigt, desto mühsamer der Pfad, und eine weitere Sünde zeigt ihr Antlitz – Acedia, die Trägheit.

Freie Lungen bedeuten gleichsam freien Geist beim Wandern

Die Feierabende auf der Couch, zelebriert mit Freunden, Bier und Chips, rächen sich nun. Aber wo ein Andy, da auch ein Weg: „Mit der Handfläche leicht auf einen Waldameisenbau klopfen. Die versprühte Ameisensäure bläst, wenn du daran schnupperst, die Atemwege frei.“ Freie Lungen bedeuten gleichsam freien Geist, gewappnet um die Erinnerungen an dieses Fleckchen Erde ewig zu konservieren.

Die finale Belohnung folgt hoch oben, wo der Wanderer gerade noch der Versuchung widersteht, die Arme auszubreiten und „Ich bin der König der Welt“ zu rufen. Ein Innehalten kehrt ein, übergehend in eine selige Ausschau auf Gottes Schöpfung – auf Lech am Arlberg, den Ort, der 2004 zum schönsten Dorf Europas gewählt wurde. Dem Österreicher muss damals ein lautes „I werd’ narrisch“ entfahren sein. Dem Ruhrpottler dagegen nur ein leises: „Lech (mich) am Arlberg, is’ dat schön hier.“

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