Tourismusexperte sieht kein Risiko bei Griechenland-Reisen

Wer diesen Sommer nach Griechenland fährt, wird wahrscheinlich leere Strände vorfinden.
Wer diesen Sommer nach Griechenland fährt, wird wahrscheinlich leere Strände vorfinden.
Rund 30 Prozent weniger deutsche Urlauber werden diesen Sommer in Griechenland erwartet. Grund dafür sind die politisch unstabile Lage des Landes sowie Medienberichte über Deutschenhass. Der Tourismusprofessor und ehemalige TUI-Geschäftsführer Karl Born sieht jedoch keinen Grund, nicht nach Griechenland zu reisen.

Athen. Alexis Tsipras ist auf der Suche nach Verbündeten. In dieser Woche warb der Chef der gefürchteten griechischen Linken in Berlin um die Solidarität der Deutschen. Viele stünden in der bevorstehenden Hochsaison für eine kleine Soforthilfe auf Kreta oder Rhodos mit gepackten Koffern bereit – wären da nicht die Schlagzeilen über die anstehenden Neuwahlen und den Euro-Ausstieg, die Bilder von brennenden Deutschlandfahnen und Nazi-Uniformen. Buchungsrückgänge von bis zu 30 Prozent zeigen: Die Angst der Deutschen vorm touristischen Chaos in Griechenland ist groß. Wir haben mit Karl Born, ehemaliger Tui-Geschäftsführer und Tourismusprofessor im Harz, den Urlauber-Ernstfall für den griechischen Sommer simuliert – mit überraschendem Ergebnis.

Haben Sie Ihren Griechenland-Urlaub schon storniert?

Born: Nein, ich hatte aber auch keinen geplant. Das hängt nicht mit der aktuellen Entwicklung zusammen – ich bin im Urlaub sowieso mehr der Spanien-Typ.

Wenn ich gerne nach Griechenland fahren würde, was wäre da Ihre Empfehlung?

Born: Meine älteste Tochter hat mir dieselbe Frage vor kurzem gestellt. Da war meine Antwort: Selbstverständlich kann man nach Griechenland fahren. Das Wasser ist das gleiche wie immer, das Wetter ist das gleiche wie immer, die Hotels sind die gleichen wie immer und auch die Leute, die dort arbeiten, sind die gleichen. Ich habe nichts von Deutschenfeindlichkeit in einem Urlaubsgebiet gehört. Der Transfer scheint mir der einzig nennenswerte Knackpunkt zu sein: Man muss sich darauf einstellen, dass vielleicht gestreikt wird und man gucken muss, wie man zum Hotel oder zum Flughafen kommt. Beim Urlaubsaufenthalt selbst sehe ich überhaupt keine Nachteile.

Was würde es denn für Touristen bedeuten, wenn Griechenland aus der Euro-Zone ausscheidet?

Born: Ich halte es für absolut unwahrscheinlich, dass Griechenland gleich im Juli aus der Euro-Zone ausscheidet. Die Frage ist eher, was passiert, wenn die nächste Tranche an Griechenland nicht gezahlt wird. Aber auch in diesem Fall bleibe ich bei meinem Urteil: Ich habe überhaupt keine Bedenken Pauschaltouristen zu empfehlen im Juli nach Griechenland zu fahren. Die Veranstalter sind mit ihren Leuten vor Ort und haben dort eine starke Position. Ich würde mir eventuell Gedanken machen, wenn ich unabhängiger Einzelreisender wäre, der alles selbst organisiert.

Welche Probleme könnten denn für die Individualreisenden auftreten?

Born: In den Ferienregionen sind Streiks im Transportwesen, bei Bus- und Taxifahrern, realistisch. Für Pauschaltouristen übernimmt der Reiseveranstalter dann den Transfer, auch wenn es zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Individualreisende und Nutzer von x-Produkten müssen sich individuell um den Transfer kümmern. Wenn dann gestreikt wird, habe ich eben Pech gehabt. Dann muss ich mir im Hotel jemanden suchen, der mich privat fährt. Ob das ohne weiteres möglich ist, hängt natürlich auch davon ab, wo man gerade ist. Ein anderes Szenario wäre, dass die Hoteliers auf Vorkasse bestehen, der ganze Urlaub also bei der Ankunft sofort bezahlt werden soll. Bei Pauschal- und x-Reisen stehen Veranstalter dahinter, deren Personal sich vor Ort darum kümmern kann. Wer sich aber als Individualreisender ein Hotel im Internet heraussucht, hat dann ein Problem. Die Hotels wollen nämlich Bargeld, egal ob die Kreditkartennummer bei der Buchung angegeben wurde. Die Kreditkarte ist ihnen in diesem Fall zu unsicher. Solche Probleme sehe ich aber eigentlich nicht für diesen Sommer. Die EU wird versuchen, Griechenland zumindest diesen Sommer noch über Wasser zu halten.

Kann ich mich für solche Eventualitäten irgendwie wappnen?

Born: Für alle möglichen Szenarien reicht meine Phantasie nicht aus. Aber wenn ich nach Griechenland fahren möchte, ist die Grundsatzüberlegung doch: Entweder ich glaube, das kriegt man hin. Oder ich glaube, da könnte in der Zeit, in der ich Urlaub plane, der ganze Staat zusammenbrechen. Und wer so denkt, der müsste vernünftigerweise seinen Griechenland-Urlaub verschieben.

Könnte es sein, dass durch die Rückkehr zur Drachme alles teurer wird?

Born: Nein, das halte ich für unwahrscheinlich. In Krisenzeiten hat es bei einzelnen Hoteliers immer Preisaufschläge gegeben. Aber im Griechenland-Szenario gibt es keine Begründung dafür.

Wenn es hart auf hart kommt: Kann der Urlaub umgebucht oder storniert werden?

Born: Im Moment werden Sie keinen Veranstalter finden, der Ihnen aus Kulanz eine Umbuchung gibt. Denn die Veranstalter sagen, man kann ohne jeden Hinderungsgrund Urlaub in Griechenland machen. Für Umbuchungen sehe ich also keine Rechtsgrundlage. Etwas anderes wäre es, wenn Griechenland zwei Wochen vor Ihrem Urlaub tatsächlich aus der Euro-Zone austreten würde. Das wäre sicherlich eine so gravierende Änderung der Geschäftsgrundlage, dass man dann sehr wahrscheinlich über Kulanz, kostenlose Umbuchung oder Storno spricht.

Die Buchungsrückgänge haben ja bereits zu Preisnachlässen geführt. Lohnt es sich denn noch länger auf ein Schnäppchen zu warten?

Born: Nein, die Last Minute-Angebote sind meines Wissens schon alle auf dem Markt. Und bei den Buchungsrückgängen muss man fairerweise auch den Kehrwert betrachten. Wenn wir 30 Prozent weniger Urlauber in Griechenland haben als letztes Jahr, dann ist das eine gigantische Zahl. Es heißt aber umgekehrt: 70 Prozent haben immer noch Zutrauen oder ein günstiges Angebot gefunden.

Reichen die 70 Prozent denn, um die Urlaubsgebiete zu füllen oder müssen zum Beispiel Partyurlauber Angst vor leeren Diskotheken haben?

Born: Überall wird weniger Betrieb sein und das kann natürlich auch dazu führen, dass ein Diskobetreiber sagt, er lässt den Laden zu. Aber da kann man sich beim Reisebüro nach den Rückmeldungen von anderen Urlaubern erkundigen. Am Strand können 30 Prozent weniger übrigens ganz nett sein.

 
 

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