Taurusgebirge: Ein Wintersporterlebnis der besonderen Art

Dagmar Gehm
Ein Wintererlebnis der besonderen Art bietet Erciyes bei Kayseri, mit den längsten Abfahrten der Türkei.
Ein Wintererlebnis der besonderen Art bietet Erciyes bei Kayseri, mit den längsten Abfahrten der Türkei.
Keine Wartezeiten an den Liften, bestens präparierte Pisten: Das bislang bei Wintersportlern eher unbekannte Taurusgebirge hat einiges zu bieten.

Essen. Skifahren würde den meisten zum Stichwort „Urlaub in der Türkei“ sicher nicht auf Anhieb einfallen. Doch es gibt schlagende Argumente für den jungen Wintersport im Taurusgebirge. Ganz oben steht der Preis: Selbst mit Flug kostet das Gesamtpaket etwa die Hälfte weniger als in den Alpen, inklusive idealer Bedingungen wie Pulverschnee, bestens präparierter Pisten, modernster Liftanlagen, Ski- und Snowboardausrüstung. Garniert wird alles mit der Herzlichkeit der Gastgeber, die den bisherigen Mangel an Après-Ski durchaus wettmacht. Ein Wintererlebnis der besonderen Art bietet Erciyes bei Kayseri, mit den längsten Abfahrten der Türkei an der Flanke eines erloschenen Vulkans.

Orientalische Teppiche auf der Sitzbank neben bunten Plastikkissen zum Chillen vor dem Kamin – ein Lokal namens „Arlberg Café“ stellt man sich anders vor. Immerhin gibt es hin und wieder Apfelstrudel und Käsknöpfle, ansonsten erinnert nur das Skimuseum mit dem Sitz einer alten Sesselbahn, Holzskiern und Lederstiefeln an die österreichische Herkunft des Inhabers Mehmet Eğlenceoğlu. Als Einjähriger ist er mit seinen Eltern nach Lech am Arlberg gekommen, wo sein Vater Selim Arbeit als Schuhmacher beim berühmten Skistiefel-Hersteller Strolz fand. 22 Jahre lang habe er dort gelebt, erzählt Mehmet.

1983 war Mehmet der erste Snowboardfahrer Österreichs, fuhr G-Slalom und wurde Trainer der türkischen Ski-Nationalmannschaft. Später brachte er sein Knowhow als Entwicklungsberater des neuen Skizentrums Erciyes ein. Vom Potenzial des Erciyes Dagi, dem Erciyes Berg, ist er überzeugt: „Bald wird das Skigebiet eine Mischung aus St. Anton, St. Christoph und Lech“. Schon jetzt erfreut sich sein Café an der Talstation Tekir Kapi großer Beliebtheit. Im Untergeschoss hat der Experte einen Skishop zum Leihen und Kaufen eröffnet, inklusive trendiger Sportmode.

Markanter Orientierungspunkt

Kein Weg und keine Abfahrt scheinen vorbeizuführen am Arlberg, hier mitten in der Türkei. Auf den sanften Hängen oberhalb der Caféterrasse üben Anfänger unter Anleitung von Skilehrern der Snow Academia (einige von ihnen waren Mitglieder der Nationalmannschaft), und auf dem überdachten Zauberteppich lernen die ganz Kleinen. Daneben brettern lachende Paare oder Familien mit Plastikrodeln bergab, Skiläufer wedeln über die Piste Tekir Kapi – eine der drei Talstationen in Erciyes, die neue Moschee auf der anderen Straßenseite als markanten Orientierungspunkt im Blick.

Rund 350 Millionen Euro investiert man in eine Zukunft als internationaler Wintersportort und in ein Skigebiet auf 2800 bis 3370 Metern Höhe, das als schneesicher gilt von Anfang Dezember bis April. Bis zur Wintersaison 2017/18 soll der Ort, der bislang aus fünf Hotels, einigen Restaurants und Shops besteht, mit einem Alpendorf aus 21 Boutiquehotels ergänzt und die Bettenzahl auf 5000 aufgestockt werden. Mit einer vierten Talstation steigt die Anzahl der bisherigen 102 Pisten-Kilometer dann auf insgesamt 200 – mehr als in den übrigen Skigebieten der Türkei.

Keine Wartezeiten an Lift oder Gondeln

Schon heute gibt es keine Wartezeiten an Liften und Gondeln – den modernsten jenseits der Alpen. Eine natürliche Halfpipe nutzen Snowboarder zum Crossen, oft sind die Abfahrten bunt betupft von Snow Kitern, die mit aufgeblähten Segeln talabwärts wehen. Und manchmal heizen abseits der Pisten Guides mit Gästen auf Snowmobils über die Berge. Alle Hänge des zehn Kilometer breiten Skigebiets sind durch Querabfahrten vernetzt, ein Gratis-Shuttlebus verbindet stündlich die drei Talstationen miteinander. Bis auf 3360 Meter geht es von der mittleren Station Hisarcik Kapi hinauf, mit anspruchsvollen Steilhängen, auf denen das Herz von Fans tiefschwarzer Abfahrten höher schlägt.

Von einem ein Kilometer langen Gletscher ist der Vulkan gekrönt. Sein 3917 Meter hoher Gipfel lässt sich per Tourenski erreichen oder per Helikopter. Auf jeden Fall lockt eine ungebremste Abfahrt von rund 2000 Metern durch butterweichen Schnee. Wer nicht ganz so hoch hinauf will, genießt die Aussicht vom Rundcafé Lifos an der Bergstation der Gondelbahn auf die Stadt Kayseri, die sich meist schneelos vor den weißen Bergen ausbreitet.

Wintersport in der Türkei – vieles scheint so vertraut, und manches ist vollkommen anders. Hütten und Eisbars sucht man vergebens. Statt Après-Ski wird zweimal pro Woche auf beleuchteter Piste Nachtskilauf am Tekir Kapi angeboten. Nightlife findet eher in den Hotels statt.

Nach dem Skifahren lohnt sich auch ein Ausflug ins 25 Kilometer entfernte Kayseri, um in der riesigen Shoppingmall Forum Kayseri internationale Designermode zu günstigen Preisen einzukaufen oder im Grand Basar, dem zweitgrößten der Türkei nach Istanbul, orientalischen Düften und anderen Verlockungen zu erliegen. Wenige Autominuten sind es von Erciyes zu den umliegenden Dörfern wie Hisarcik, wo es noch einen alten Ortskern und eine Moschee gibt. Lokalkolorit wird manchmal auch in Erciyes geboten, wenn ein Fackelzug zum See geführt wird und Papierlaternen in den Nachthimmel steigen. Ein romantischer Moment, der dem aufstrebenden Wintersportort eine Seele einhaucht.