Szenen auf Costa Concordia „wie bei der Titanic“

Wie Augenzeugen aus dem Ruhrgebiet das Drama auf dem Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der italienischen Küste erlebten. Bei dem Schiffsunglück sind mehrere Menschen gestorben. Augenzeugen vergleichen die Katastrophe mit dem Untergang der Titanic.

Essen/Rom. Da liegt sie, die „Costa Concordia“, liegt da wie ein gestrandeter Wal nahe der Einfahrt zum Hafen der Isola del Giglio und in ihrem Inneren suchen Spezialteams nach Vermissten. Es ist eine gefährliche Suche. Nicht nur weil vieles in dem Ozeanriesen auf der Seite liegt, Wege versperrt und Kabinen geflutet sind, sondern auch weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Schiff in tieferes Wasser abrutscht und sinkt.

Fast 30 Stunden sind seit dem Unglück vergangen, da werden zwei Überlebende gerettet. Geräusche führen die Helfer in die Unterdecks zu dem frisch verheirateten Paar aus Südkorea. Am Morgen gelingt es, bis zur Kabine der beiden 29-Jährigen vorzudringen. Stunden später wird auch Marrico Giampietroni, ein Mit­glied der Besatzung befreit. Von einigen anderen Menschen an Bord fehlt nach wie vor jede Spur. Wie viele es sind, weiß niemand. „Mehr als 30“, heißt es am Morgen, „höchstens die Hälfte“, schätzt der toskanische Regionalpräsident Enrico Rossi gestern Nachmittag. Darunter sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes auch mehrere Deutsche.

Ein Ruck ging durch das Schiff "Costa Concordia"

Seit Freitagabend werden sie vermisst, seit die „Costa Concordia“ auf Grund gelaufen ist und für 4229 Menschen ein Traumurlaub zum Albtraum wurde. „Es begann mit einem leichten Vibrieren, das immer stärker wurde“, erzählt Marc Aßhauer aus Mülheim an der Ruhr, der mit Lebensgefährtin Katja Roggenbuck und Tochter an Bord des Kreuzfahrtschiffes war.

Und dann, erzählt Peter Honvehlmann aus Oer-Erkenschwick, „ist ein Ruck durch das Schiff gegangen“. Tassen und Teller fallen aus den Regalen, Tische rutschen von links nach rechts, Leute stürzen von ihren Stühlen. „Wie man das von der Titanic so kennt“, beschreibt es Honvehlmann. Doch dieses Mal ist es kein Eisberg, dieses Mal ist es ein Felsen, der den Rumpf auf beiden Seiten gut 70 Meter aufreißt und Wasser in das Schiff strömen lässt.

Die Passagiere ahnen davon zunächst nichts. „In Durchsagen wurde immer von einem technischen Problem gesprochen“, erinnert sich Aßhauer. Dazu passt, dass plötzlich der Strom ausfällt. Im Schein der Notbeleuchtung kämpft sich Aßhauer noch einmal zu seiner Kabine, rettet Geldbörse, Ausweis und Fotoapparat, dann geht er, trifft sich mit Freundin und Tochter an Deck vor den Rettungsbooten. Costa-Concordia-Unglück

Dort passiert zunächst nichts. „Ein Mitglied der Crew wollte uns sogar in unsere Kabine zurückschicken“, sagt der 38-Jährige. Doch Aßhauer bleibt. Das rettet ihm und seiner Familie das Leben. 45 Minuten dauert es, bis der Kapitän das Signal zur Evakuierung gibt.

„Da wurden die Leute doch recht unruhig.“ Die Mülhei­mer haben Glück. Sie bekommen einen Platz in ei­nem der ersten Rettungsboote, das zu Wasser gelassen wird. „Unsere Kabine wurde kurz darauf komplett geflutet.“

Die Crew versagt bei der Evakuierung der Costa Concordia

„Recht unkoordiniert“, nennt Honvehlmann die Rettungsmaßnahmen in der Unglücksnacht. Andere drücken es weniger freundlich aus, berichten von „kompletter Funkstille aus der Kommandozentrale“, von Personal, das selbst zu verängstigt gewesen sei, um klare Anweisungen zu geben. Sie berichten von Rettungsbooten, die aufgrund der immer stärkeren Schlagseite des Schiffes in den Halterungen festgeklemmt waren und gar nicht zu Wasser gelassen werden konnten, von Menschen, die schreiend ins kalte Wasser sprangen, von halsbrecherischen Abstiegen auf Strickleitern und von Rettungswesten, die schwer zu finden und zu knapp waren: „Es waren so wenige, wir haben sie uns gegenseitig geraubt“, sagt Antonietta Simboli.

Seine Leute hätten rund einhundert Menschen aus dem eisigen Meerwasser vor der Insel gefischt und rund 60 aus dem volllaufenden Wrack herausgeholt, bilanziert Feuerwehr-Einsatzleiter Ennio Aqui­lino am Sonntag.

Da sind die 566 deutschen Passagiere fast alle schon längst wieder in ihrer Heimat. Nach einer Nacht in Schulen oder Kirchen auf der Insel, bringt eine Fähre sie auf das Festland. Von da aus geht es via Rom mit dem Flugzeug nach Deutschland.

Fuhr der Kapitän mit Absicht zu nah an die Küste?

Auf der Insel Giglio suchen sie derweil nicht nur nach Vermissten, sondern auch nach der Unglücksursache. Das Schiff, so viel steht wohl fest, war viel zu nahe an der Küste. „Die Granitfelsen dort sind wie Eisberge: Sie ragen kaum aus dem Wasser, aber sie sind messerscharf“, wissen Einheimische.

Aber warum diese Nähe? Die Leute von der „Lilieninsel“ deuten gegenüber den Reportern eine Erklärung an: Manche Kapitäne manövrierten absichtlich nahe an die Küste, „um die Insel zu grüßen, um die Passagiere unsere bergige Silhouette bewundern zu lassen“.

Die Staatsanwaltschaft je­denfalls hat Kapitän Francesco Schettino in Haft genommen: Mehrfache Tötung wirft sie ihm vor, eine „falsche Route“, ein „ungeeignetes Fahrmanöver“ – und die Tatsache, dass er das Schiff viel zu früh verlassen hat: Um 23.30 Uhr war der Kapitän von Bord. Die letzten Passagiere wurden erst fünf Stunden später gerettet.

 
 

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