Start-up in Österreich produziert Schnee in Wolkenkammer

Die Anlagen der Firma Neuschnee erzeugen echten Schnee in künstlichen Wolken.
Die Anlagen der Firma Neuschnee erzeugen echten Schnee in künstlichen Wolken.
Jeden Winter werden viel Wasser und Energie für Kunstschnee gebraucht - besonders in der Alpenregion. Das Unternehmen Neuschnee hat eine Alternative.

Perchtoldsdorf.. Die Wintersaison steht vor der Tür und für viele Wintersportregionen beginnt in diesen Wochen erneut der Kampf, der Unbeständigkeit des Winters Herr zu werden, Kunstschnee zu erzeugen, wo die Natur sich nicht bitten lässt. Das Tiroler Start-up Neuschnee will es schneien lassen – Geschäftsführer Michael Bacher über Verschwendung und Schneemänner.

Herr Bacher, die Wintersaison steht in den Startlöchern, wie optimistisch sind Sie, dass überhaupt Schnee liegt?

Michael Bacher: Momentan ist es tatsächlich ein wenig skurril. In Obergurgl läuft der Betrieb eigentlich schon, in großer Höhe liegt auch schon Schnee, aber ansonsten sieht man vor allem noch grüne Wiese.

Das ist dann oft das Stichwort, um die Schneekanonen anzuwerfen. Sie wollen es mit Ihrem Start-up bald aus einer Wolke rieseln lassen. Was spricht denn gegen die Schneekanone?

Bacher: In erster Linie war es der Anreiz, Schnee so zu produzieren, wie es die Natur uns vorgibt. Wir haben uns gedacht: Wenn es in einer natürlichen Wolke möglich ist, Eiskristalle wachsen zu lassen, dann sollten wir es doch auch schaffen. Mit dem Unterschied, dass der Prozess in unserer künstlichen Wolke um einiges intensiver abläuft, damit man in einem relativ kleinen Volumen vergleichsweise viel Schnee produzieren kann. Unser Ziel ist es, ausreichend Schnee zu produzieren, damit die Skigebiete glücklich sind. Im Labor produzieren wir zehn Liter Schnee pro Stunde. Aber das sind natürlich keine Quantitäten, die ein Skigebiet zufrieden stellen.

Noch einmal nachgehakt: Kunstschnee stünde ja eigentlich reichlich zur Verfügung. Warum betreiben Sie diesen Forschungsaufwand?

Bacher: Es gibt zwei Gründe. Da ist die persönliche Motivation: Mir bereitet die Abfahrt auf Naturschnee mehr Spaß, und wir haben herausgefunden, dass dies die vorherrschende Meinung ist. Doch die Skigebiete setzen aufgrund der besseren Planbarkeit immer mehr auf Kunstschnee. Dann gibt es den technischen Aspekt: Das Verfahren der Schneeproduktion, das momentan etabliert ist, geht neben einem sehr hohen Energiebedarf für den Betrieb der Schneekanonen auch sehr ineffizient mit der Ressource Wasser um. Das ist für uns in Österreich noch kaum relevant, weil wir ausreichend Fließgewässer und ausreichend Quellen in hohen Lagen haben. Aber in den Westalpen, zum Beispiel in der Grenzregion Italien und Frankreich, dort herrscht eher trockenes Klima vor, und dort ist die Wasserverfügbarkeit ein großes Thema. Und dieser ineffiziente Umgang mit Wasser ist etwas, was man unserer Meinung nach ändern sollte.

„50 Milliarden Liter Wasser werden in Österreich im Jahr für Kunstschnee verpumpt“

Warum arbeiten Schneekanonen eigentlich so verschwenderisch mit Wasser?

Bacher: In erster Linie hat dies mit Verdunstung zu tun. Bei der konventionellen Technik ist Wasserdampf nur ein Abfallprodukt. Von offizieller Seite heißt es, 15 Prozent des eingesetzten Wassers gingen verloren. Aus inoffiziellen Quellen, also in Gesprächen hört man, dass es 40 Prozent und mehr sind. Für das einzelne Skigebiet mag das kein K.O.-Kriterium sein. Umgerechnet auf die gesamte Wassermenge, die in Österreich für die Schneeerzeugung verpumpt wird, ist das aber gewaltig.

Nennen Sie doch mal eine absolute Zahl.

Bacher: Wir sprechen von 50 Millionen Kubikmeter (50 Milliarden Liter, die Redaktion) Wasser im Jahr, die für Kunstschnee verpumpt werden. Wenn 40 Prozent davon dann nicht als Schnee auf der Piste landen, und das auch nicht hinterfragt wird, ist das bedenklich. Aber dieser Punkt wird dem Tourismus und dem Ziel, Wertschöpfung zu generieren, untergeordnet.

Für alle Geisteswissenschaftler unter den Wintersportlern erklärt: Warum ist Verdunstung bei Ihrer Technik kein Thema?

Bacher: In der geschlossenen Wolkenkammer gehen die Verluste de facto gegen Null. Bei uns ist Verdunstung aber sogar erwünscht, weil die Wassertropfen, die wir in die Kammer hineingeben, in kalter Umgebung Wasserdampf abgeben und uns so einen Baustein für die Schneeproduktion liefern. Die dritte Phase von Wasser, kleinste Eispartikel, blasen wir anschließend in die Wolke. Weil das Eis auf den Wasserdampf wie ein Magnet wirkt, bindet es den Dampf, wächst und wird zu Pulverschnee, den wir auch in der Natur finden, in den wir hineingreifen können.

Zehn Liter pro Stunde im Labor, wie wollen Sie einmal ganze Skigebiete beschneien?

Bacher: Für den Winter 2017/18 wollen wir am Markt sein. Uns schweben zwei Szenarien vor: Stationäre Anlagen, die Schnee produzieren, der vom Rand auf die Piste geworfen werden kann, um ihn dann zu präparieren. Der zweite Plan ist, Beschneiung mobil zu machen. Das Verfahren zeichnet sich eben auch dadurch aus, dass wir wenig Wasser benötigen und mit wenig Energie auskommen. Unser Ziel ist es, die Anlagen soweit zu optimieren, dass wir sie auf mobile Plattformen setzen können. Die sollen dann, wie ein Roboter, selbstständig im Skigebiet herumfahren.

Das dürften mehrere „Wolken“ pro Skigebiet sein, die entsprechend investieren müssten.

Bacher: Das sind natürlich Fragen, mit denen wir auch konfrontiert werden. ,Wie viele Anlagen brauchen wir denn für das Skigebiet?‘ Ich kann dann derzeit immer nur sagen: Wahrscheinlich sehr viele. Wir können es im Moment noch nicht abschätzen, zumal es auch eine Frage der Anwendung ist: Möchte ich Fun-Parks präparieren oder Tiefschneepisten?

Investitionen, die sich aber allein schon durch das Energiesparpotenzial rechnen könnten.

Bacher: Ja, das ist gegeben. Ein Beispiel: 20 Prozent der Fläche des Skigebiets von Ischgl nicht mit konventioneller, sondern mit Wolkenkammern zu beschneien, würde eine Kostenersparnis aufgrund des niedrigeren Energie- und Wasserverbrauchs von 700.000 Euro pro Saison bedeuten. Mit Zahlen halten sich die Skigebiete gerne bedeckt, aber das stützt sich auf Zahlen der Wirtschaftskammer Österreich.

Sind Sie auf Ihrem Pulverschnee schon mal Ski gefahren, wenigstens auf ein paar Quadratmetern?

Bacher: Nein, aber wir haben einen Schneemann gebaut. Mit unserem Schnee kann man auch spielen, mit normalem Kunstschnee nicht.

 
 

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