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St. Moritz – Zwei Leben mit krassen Gegensätzen

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St. Moritz.. 

Sein Gesicht erzählt von einem anstrengenden und harten Leben in den Bergen: Die Falten graben sich ein, umrahmen dunkle, schmale Augen. Doch der lange, graue Rauschebart macht das Gesicht weich und ein verschmitztes Lächeln kommt ihm ab und an über die Lippen. Zurückgezogen lebt Renato Giovanoli auf seinem Hof. 15 Schweine und ein paar Katzen leisten ihm Gesellschaft. Ein Einsiedler. Einer der letzten Bauern der Gegend.

Versteckt wohnt er hinter den Bergen, im Weiler Pila nahe Maloja. Eine halbe Stunde vom schicken St.Moritz entfernt, wo die High Society jetzt wieder mit Champagnergläsern in der Hand den Polo World Cup verfolgt.

Der Bauer im weißen Metzgermantel, grüner Armeehose und Pudelmütze schüttelt den Kopf und schaut auf die beschützenden Berggipfel rund um seinen Bauernhof: „Ich könnt‘ nie in der Stadt leben.“ Er ist kein Mann der vielen Worte. Er braucht sein Tal, seine Ruhe und Abgeschiedenheit. Der 77-Jährige ist auf dem Hof geboren. Unter einer Dachtraufe baumeln Salamiwürste und Bündnerfleisch zum Trocknen. In dritter Generation räuchert Giovanoli Salami und Salsize, eine Wurstspezialität des Engadins. „Andere verraten ihr Rezept, ich nicht“, grummelt er in seinen Bart.

Am Rande der Glamourwelt – aber doch mittendrin

Schon der Urgroßvater verwandelte auf dem Maloja-Pass Schwein und Wild in Köstlichkeiten. Stolz zeigt er seine winzige Rauchkammer im Stall. Sie ist mit Würsten behangen, es riecht würzig, fleischig und nasskalt, vermodert. 24 Stunden lang werden die Trockenwürste über glimmernden Wacholderzweigen und Sägemehl heimischer Tannen geräuchert, dann gepresst und getrocknet. Während der Metzger die Würste prüfend einzeln durch die Hand gleiten lässt, erzählt er von harten Wintern während des Krieges, wie er oft eingeschneit und abgeschnitten von der Außenwelt gewesen sei: „Da hab‘ ich mit Speck und Brot überlebt.“ Doch jedes Mal habe er sich auf den Sommer „mit all den Farben“ gefreut, wenn er mit den Schweinen wieder raus auf die dunkelgrüne Alm konnte.

Und wer führt die alte Familientradition einmal weiter? Traurigkeit kriecht in seine Augen: „Meine älteste Tochter ist ein Stadtmensch“, sagt der Vater von vier Kindern leise. „Ich mach’ so lang weiter, bis es nicht mehr geht.“ Doch beklagen will er sich nicht. „Es ist, wie‘s ist.“ Und fit ist er noch alle Male: Dafür sorgt die viele Arbeit. Nur schlachten tue er schon lange nicht mehr selbst.

Giovanoli ist stolz auf seine Biowurst und verkauft sie an kleine Restaurants und Privatleute. Nicht an die großen Hotels, „dann ist ja mit einem Schlag alles weg“. Der bescheidene Bergmensch wird wohl nie ein großes Stück des Kuchens abbekommen wie die Hoteliers im nahen St. Moritz, in dem der Wintertourismus vor 150 Jahren erfunden wurde – und doch scheint der Bauer glücklich zu sein. Er nimmt den Bauboom der letzten Jahre nur aus der Ferne wahr: Rund 160 Hotels gibt es in ganz Engadin St. Moritz, knapp 13 000 Hotelbetten.

„Ich erfülle Wünsche.“

Jemand der am Rande der Glamour-Welt steht, sich aber bestens auskennt mit Pelzmantel-Trägern, mit Arabern, die sich per Privatjet in den weltberühmten Ferienort auf 1800 Metern einfliegen lassen, arbeitet seit 2008 in einem der sieben Fünf-Sterne-Häuser des Oberengadiner Ortes. Michael Thumsch ist Concierge im Kempinski Grand Hotel des Bains, dem alten Traditionshaus von 1864. Der 36-Jährige spricht fünf Sprachen und definiert sein Aufgabenfeld ganz klar: „Ich erfülle Wünsche.“

Und das oft schon lange, bevor der Gast anreist. Ob das nun die letzten Weihnachtsgeschenke für einen Russen sind oder die Helikopter-Bestellung für die arabische Großfamilie.

Concierge – nicht nur der, der die Prada-Tüten abholt

In seinem ersten Winter sei er von Privatjets und Hubschraubern noch beeindruckt gewesen, doch jetzt buchen er und seine drei Kollegen täglich fünf Flüge für die Gäste aus den Emiraten oder Russland genauso selbstverständlich, als ob’s eine Tischreservierung sei. Alltag.

Wird man da nicht neidisch auf dieses Leben im Überfluss? Der frühere Oberkellner zieht seine Krawatte gerade, streicht sich über die kurzen Haare und verneint: „Man muss jedoch mit seinem eigenen Leben zufrieden sein. Und Neid verdrängen, sonst kann man die Hotelgäste nicht gut betreuen.“ Und der offenherzige Rheinländer ist oft mehr als ein Concierge, „eher Seelsorger und nicht nur der, der die Prada-Tüten abholt“. Da stehe man den Gästen meist näher als anderen Angestellten im Hotel, unterhalte sich mit ihnen auch über Persönliches.

„Ich lebe ja nicht in dieser Welt, ich arbeite nur in ihr.“

Und doch findet der Düsseldorfer nach seiner neunstündigen Schicht genügend Abstand zu dieser Welt: „Ich lebe ja nicht in dieser Welt, ich arbeite nur in ihr.“ Und das mit höheren Gehältern, so dass er gut davon leben und sogar sparen kann. Ein Stück des Kuchens? Für Thumsch bestimmt.

In seiner Freizeit geht er mit seinen Kumpels snowboarden. Direkt hinter seiner Arbeitsstätte zieht er sich das Board unter die Füße. Das Skigebiet Corvatsch mit der neun Kilometer langen Hahnensee-Abfahrt liegt vor der Tür. Insgesamt werden den Wintersportlern in St. Moritz 350 Pistenkilometer mit einer großen Auswahl an familientauglichen, breiten aber auch extrem anspruchsvollen Abfahrten geboten. Das sonnenverwöhnte Oberengadin ist die größte Wintersportregion der Schweiz. „Bis weit in den Mai hinein haben wir Schnee“, erklärt Bergführer Werner.

Die Gäste haben sich verändert

Er zieht jedoch das etwas ruhigere Örtchen Pontresina vor. Der erfahrene Skilehrer lebt schon seit 45 Jahren im Engadin. Die Gäste haben sich sehr verändert, findet er. „Ich will nichts mit diesen Schickimicki-Leuten zu tun haben, die mit der Limousine durch St. Moritz düsen und Juwelen kaufen.“ Das liegt wohl auch Bauer Giovanoli sehr fern, der lieber gemütlich unter seiner Dachtraufe sitzt – und die Reife seiner Salsizewürste prüft.