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Sonne, Olivenschnaps und Lottoglück in Peschici an der Adria

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Foto: Stephan Brünjes
Peschici ist nicht groß und gilt als verschlafenes Nest. Doch das 4000-Seelen-Dorf hatte gegen Ende des letzten Jahrtausend seine Sternstunde, als gleich 99 Lottospieler das große Los zogen und jeder umgerechnet 300.000 Euro erhielt. Hierher kommen auch noch im Spätherbst letzte Sonnenstrahlen.

Peschici. 

Genau 63 Milliarden, 601 Millionen, 317 Tausend und 318 Lire. Diese Zahl haben sie sich in Stein meißeln lassen. Der bis dahin größte Lottogewinn Europas als Kopie des Überweisungs-Schecks an der Wand des Hauses Nr. 4 im Corso Umberto I: Mammon in Marmor. Darüber der ebenfalls versteinerte Tippschein mit den sechs Richtigen und Zusatz-Zeilen: „In diesem Kiosk hat am 31. Oktober 1998 die Göttin mit den verbundenen Augen 99 Spieler geküsst und so dem ganzen Dorf Peschici 63 Milliarden geschenkt.“ Umgerechnet 32 Millionen Euro, gut 300.000 für jeden. O Kohle Mio!

Die Sonne lässt mildes, warmes Nachmittags-Licht in die unscheinbare Seitengasse fallen, auf die Enotheka, die fleischfarbenen Plastikstühle des Cafes „Roxy“ gegenüber und die grünen Holz-Blendläden am Lotto-Kiosk. Der müsste eigentlich längst offen haben, um kurz nach vier. Immer mehr Männer stromern nervös auf und ab.

Endlich, die Tür schwingt auf. Schon sind alle Wartenden drin. Auch gut 15 Jahre nach „La Vincita“ (der Gewinn), wie sie den Riesen-Reibach hier nennen, ist Goldgräberstimmung spürbar zwischen rosa Plastikspielzeug, Radiergummis, Kulis und deutschen Zeitungen. „Mille Cose“ (Tausend Sachen) heißt der Laden, zugleich Börse für neuesten Dorf-Tratsch. Fernando de Nittis, der grauhaarige Besitzer, eben noch lauteste Stimme im Palaver, wird – nach dem Lottogewinn gefragt – plötzlich einsilbig. Darüber wisse er nichts. Es ist ein offenes Geheimnis in Peschici, dass Fernando die treibende Kraft war, das ganze Dorf in seinen Systemtipp mit unzähligen gleichen Zahlenreihen für alle hinein quatschen wollte und jedem die Anteilsscheine aufschwatzte, trotz minimaler Gewinnchance von 1:622 Millionen. Am Ende stand Fernando als größter Gewinner da, weil er auf einigen Tippscheinen mit sechs Richtigen sitzen geblieben war. Eine ganze Ferienanlage kaufte sich de Nittis, spricht aber nicht gern drüber.

Ein Lottoschein als Wechselgeld

Vielleicht, weil kurz nach dem Lotto-Gewinn Schutzgeld-Erpresser in Peschici gewesen sein sollen? „Geht in die Via Castello“, brummt er. „Da wohnen viele Gewinner.“

Die schmale Gasse mit schneeweiß getünchten Fassaden und blauen Fensterläden hat am Ende eine Castell-Ruine als Namensgeberin – auch für das Hotel nebst Ristorante. Ob er vom Lottogewinn wisse? Der „Al Castello“-Inhaber lächelt verschmitzt: „Klar, mein Sohn hat ja gewonnen, ich selbst auch.“ Und dann erzählt Luigi Fasanella Gewinnergeschichten. Die von Matteo Amato, Hotelbesitzer, Ferrari-Fahrer und ohnehin schon reichster Mann von Peschici: Eine CD kaufte er im Lotto-Kiosk, zahlte mit großem Schein. Fernando de Nittis hatte – angeblich – kein passendes Wechselgeld, gab stattdessen einen Lotto-Schein heraus. Kurz darauf war Matteo um 300.000 Euro reicher. Ebenso wie das Pärchen aus Triest, wider Willen in Peschici auf Urlaub, weil’s mit London und Madrid nicht geklappt hatte. Seitdem kommen die beiden jedes Jahr hierher zu all den anderen Glückspilzen. „80 Prozent der 4000 Einwohner Peschicis haben mitgewonnen“, sagt Luigi Fasanella.

Ein paar Häuser und ein schickes Boot

Der 70-Jährige „Al Castello“-Inhaber hat sich ein paar Häuser in der Straße gekauft und ein schickes Boot, bewirtet weiter Gäste und gibt Kindern aus dem Ort ehrenamtlich Nachhilfe.

Nicht jeder Gewinner ist auf dem Teppich geblieben. Geschichten über Halodris werden im ganzen Dorf erzählt, mit gesenkter Stimme, nicht selten mit einem Restaurant-Namen als heißer Spur. Filomena, die Chefin vom „Pesatrice“, habe zwar den Enkeln was spendiert, vor allem aber einen Großteil ihres Gewinns verbraten – im Lottoladen und an der Börse. Für einen schnellen Alfa und Reisen nach Südamerika soll Piero, einst Kellner vom „Al Trabuco“ alles verpulvert haben – am Ende auch für reichlich Koks. Erst als alles Geld weg und er wieder zu Hause war, habe er erkannt, was für ein Paradies Peschici doch ist.

Schnaps aus Limonen, Orangen und Oliven im „Mamma Mamma“ 

Ganz außen am Sporn des italienischen Stiefels gelegen, oberhalb einer sichelförmigen Bucht, klebt das Dorf terrassenförmig auf einer Felsnase. 100.000 Urlauber, die meisten davon aus Deutschland, braten hier jeden Sommer tagsüber in der Adria-Sonne, kommen gerne in den letzten Wärme-Wochen des Herbstes und schlendern abends durch die Via Castello, probieren Limonolivo, eine lokale Schnaps-Spezialität aus Limonen, Orangen und Oliven im Kramladen „Mamma Mamma“.

Inhaber und Limonolivo-Erfinder Elia Salcuni ist heute noch nicht da, bis 18 Uhr erledigt er seinen Erstjob als Gemeinde-Bibliothekar – und zwar mit links.

Die Verlobte brennt durch

Umstellt von 7000 Büchern in Regalen, Stapeln und Haufen faltet Elia am Festnetztelefon gerade einen Weinhändler zusammen, der seinen Laden nicht rechtzeitig beliefert hat. Parallel wird Elia selbst am Handy gefaltet – von seiner furiosen Frau, weil er vergaß, Mineralwasser zu kaufen. Nebenbei verleiht er noch kurz ein Buch. Stress? Keine Spur! Auf die Frage nach dem Lotto-Gewinn strahlt der kleine, füllige Mann in Schlabberjeans durch seine schmierige Glasbaustein-Brille und redet für die nächste Stunde wie ein zu schnell laufendes Tonband ohne Stopp-Taste. „Si, si“, er habe auch gewonnen – 300.000 Euro. Dann im Jahre 2007 noch mal 100.000 Euro und in einer TV-Show weitere 80.000. Einen Fiat Punto habe er seiner Frau vom ersten Gewinn gekauft und sich einen Ferrari. „Los, anschauen, draußen vor der Tür!“ Elia geht über die Straße, posiert neben einem tannengrünen, dreirädrigen Pritschentransporter und freut sich diebisch über die Fragezeichen in den Gesichtern seiner Besucher. Das Gefährt reiche ihm, weiteres Geld habe er in die Ausbildung seiner Töchter gesteckt. „Das wollte mein Bruder auch“, erzählt Elia weiter – er hat im Lotto-Laden Schreibhefte für seine Kinder gekauft, aber keines der Lose.

Standhaft blieb auch ein junger Mann, gönnte seiner Verlobten kein Los. Sie brannte bald nach „La Vincita“ mit einem der Lottogewinner durch. Elia kennt alle Geschichten der Unglücksraben im Glücksdorf: Die von den Carabinieri, die ein Jahr lang jede Woche tippten – nur in der entscheidenden nicht. Matteo, ein Junge aus Peschici tat es, kaufte sich abends kurz vor acht am Ziehungs-Samstag gleich vier Tippscheine, wurde von seinen Freunden für verrückt erklärt und gab die Zettel wieder zurück. „Da lief die Ziehung schon live im Fernsehen“, sagt Elia.

Dass manch einer gar nicht oder nicht im richtigen Moment mitmachte, dafür hat Elia Verständnis: „800 Euro verdiene ich als Bibliothekar, 100 davon habe ich jeden Monat in den Lottoladen getragen – völlig verrückt!“ Plötzlich muss Elia dringend los. Zum Lottoladen. Die Pferdewetten laufen.