Schwarzes Öl auf weißem Sand

Juan Castro Olivera

Floridas Tourismus-Sektor steht vor einem Fiasko: Der heranziehende Ölteppich vertreibt die Urlauber aus dem Paradies

Die Strände im Nordwesten von Florida zählen zu den schönsten in den USA. Glänzend weißer Quarzsand säumt die Küste. Das Wasser ist so klar, dass Urlauber beim Schwimmen sogar die Fische beobachten können. Über dem Ozean kreisen Pelikane, die sich im Sturzflug in die Fluten werfen, um Fische zu fangen.

Doch die Tage dieser Strandidylle scheinen gezählt: Unablässig treiben Wind und Meeresströmung den Ölteppich in Richtung Florida, die ersten Ausläufer erreichten nun die Küste. „Die Telefone klingeln nicht mehr, die Leute machen keine Reservierungen”, sagt Laura Lee vom Fremdenverkehrsamt der Küstenstadt Pensacola im äußersten Nordwesten Floridas. Hotels, Restaurants, Bootsverleiher, Ausflugveranstalter – sie alle hätten „Angst vor dem Sommergeschäft”, sagt Lee. Wie es weitergehen soll, weiß sie nicht: „Wir warten ab von Tag zu Tag.”

Die wirtschaftlichen Folgen der Ölpest sind unabsehbar. Waren zunächst vor allem die Fischerei und Meeresfrüchtezucht betroffen, bedroht der Ölteppich durch seine Ausbreitung in Richtung Florida das Kerngeschäft des US-Fremdenverkehrs. Der Tourismus ist im Nordosten Floridas der wichtigste Erwerbszweig, Industrie gibt es in diesem gemächlichen Winkel der US-Südstaaten kaum. Der gesamte Bundesstaat zieht im Jahr normalerweise rund 80 Millionen Urlauber an, der Umsatz der Branche liegt bei 65 Milliarden Dollar (54 Milliarden Euro). Und: Mehr als eine Million Arbeitsplätze hängen von der Branche ab.

Die Ölkatastrophe kommt zudem zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt: Florida war besonders schwer von der Rezession in den Vereinigten Staaten betroffen, das Platzen der Immobilienblase war in dem früheren Boom-Staat viel mächtiger ausgefallen als anderswo. Die Landesregierung von Florida hat bereits 35 Millionen Dollar vom Ölkonzern BP erhalten, die sie vor allem für eine Werbekampagne nutzt. Bislang lautete die Botschaft: Unsere Strände sind sauber, das Öl ist woanders. Nun ist diese PR-Botschaft deutlich komplizierter geworden: „Wir müssen erklären, wo das Öl ist und wo es nicht ist, so dass die Leute verstehen können, dass der Großteil von Florida davon gar nicht betroffen ist”, sagt Gouverneur Charlie Crist.

Besonders schmerzhaft für die Menschen in der Region ist die Machtlosigkeit angesichts dieser Giftbrühe. Beispiel Pensacola. Langsam und in kleinen Dosen lädt der Ozean seine giftige Fracht am Strand von Pensacola ab. Jede Welle, die über den weißen Sand des Badeorts im Nordwesten Floridas schwappt, lässt kleine Ölklumpen zurück. Mal sind sie groß wie Erbsen und mal wie Hühnereier.

Als die Urlauberin Robin Woolsey vor einigen Tagen nach Pensacola kam, war das Strandleben noch wunderschön, wie sie berichtet. „Inzwischen ist die Lage ziemlich hässlich”, sagt sie. „Wenn man ins Wasser geht, fühlt man das Öl, es ist klebrig.” Woolsey ist enttäuscht von ihrem ersten Florida-Urlaub. Überall bleiben die Ölklümpchen kleben: An den Fußsohlen der Badegäste, an Sandalen und Schuhen. Es klebt auf verhängnisvolle Weise auch am Image Floridas als Ziel für den ungetrübten Traumurlaub am Strand.

Seit das Öl aus dem lecken Bohrloch im Golf vor einigen Tagen die Traumstrände des Urlaubsstaats erreicht hat, sind tausende Helfer im Einsatz, um zu retten, was zu retten ist. Viel können sie nicht ausrichten, auch nicht die chemischen Lösungsmittel, die mancherorts zur Auflösung des Öls eingesetzt werden. „Bei diesem schwer verklumpten Öl sind diese Lösungsmittel völlig wirkungslos”, berichtet Michael Sole von Floridas Umweltschutzbehörde. Zudem sei das Lösungsmittel selbst sehr giftig – und könnte somit die empfindlichen Korallenriffe im Süden des Bundesstaats bedrohen.

Und so suchen einige hundert Arbeiter derzeit in Zehnertrupps den Strand von Santa Rosa Island bei Pensacola ab. Bezahlt werden sie vom Ölkonzern BP, dem die havarierte Ölplattform gehört. Angeleitet werden sie von Experten der US-Nationalparkverwaltung NPS. „Wir wollen sicherstellen, dass der Säuberungseinsatz hier so wenige ökologische Spuren hinterlässt wie möglich”, sagt NPS-Mitarbeiterin Katie Wahan. Das Öl sei ein schwer berechenbarer Gegner: Meeresströmungen, Winde und Wellengang bestimmten letztendlich, wo das Öl angespült werde. „Die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Wir kontrollieren die Strände regelmäßig und werden schnell aktiv, wenn irgendwo Öl gemeldet wird.”

Die Arbeit ist personalintensiv. Wahan kam aus dem fast 2000 Kilometer entfernten Pennsylvania zum Kriseneinsatz nach Florida. Selbst aus dem Yosemite-Park im fernen Kalifornien wurde NPS-Personal zum Stranddienst abkommandiert. Wahan weiß, dass die Folgeschäden der Ölkatastrophe noch lange auf der Region lasten werden. In Regierungskreisen ist von Jahren die Rede, bis Ökosysteme und Lebensräume wiederhergestellt seien. Katie Wahan will sich von solchen Perspektiven nicht einschüchtern lassen. „Wir müssen es versuchen”, sagt sie. „Es gibt nur eine begrenzte Zahl solcher Strände. Unsere Aufgabe ist es, sie zu schützen und zu bewahren.”

Info: Visit Florida (Verkehrsbüro), 0621/5 61 54 42, www.visitflorida.com/deutsch