Schluss mit dem Winter

Foto: MSG

Bislang war der Gardasee in der kalten Jahreszeit kein Ziel für Touristen. Der Kurort Sirmione zeigt, dass es auch anders geht.

Jeden Tag um 7 Uhr versammeln sich ein paar Neugierige am Hafen von San Benedetto di Lugana und starren hinaus auf den See. Hier, unweit von Sirmione, warten sie auf das kleine Boot der einzigen und letzten Fischerin vom Gardasee.Beim Morgengrauen bringt Rosella Orlandi ihren Fang nach Hause und versorgt die Wartenden günstig mit frischem Fisch.Die 62-Jährige arbeitet allein, knüpft ihre Netze noch selbst von Hand. Es ist ein harter und einsamer Beruf, „wer ihn nicht liebt, wird ihn nicht wählen”, weiß sie. Sie übt ihn aus, seit sie 14 Jahre alt ist. „Meine Mutter wollte, dass ich Schneiderin werde, aber davon bekam ich Kopfschmerzen. Ich muss einfach Seeluft atmen.” Ans Aufhören denkt sie trotz ihres Alters noch lange nicht: „Solange mein Boot fährt, fahre ich mit!”Szenenwechsel. Auch Paolo Marai wird sehnsüchtig erwartet. Die Touristen am Busparkplatz in Sirmione wollen einen Ausflug mit seinem Wassertaxi machen. Das Motorboot, sein ganzer Stolz, fasst bis zu 20 Personen. Früher verdiente er sich sein Brot mühsam in den Fabrikhallen eines großen Teigwarenherstellers.Doch 1991 sattelte er um und entschied sich „für den schönsten Arbeitsplatz der Welt”, wie Paolo lachend sagt.Der 43-jährige Strahlemann ist mittlerweile bestens organisiert: Anfragen beantwortet er professionell am Handy, er ist Mitglied des Verbandes Wassertaxis in Sirmione und verweist stolz auf die viersprachige Website www.sirmioneboats.it, die er zusammen mit seinen Kollegen kreiert hat.

Vergangenheit und Gegenwart, gestern und heute liegen am Gardasee eng beieinander. Während die einen an der Tradition festhalten, erkennen und nutzen die anderen zukunftsträchtige Chancen.Paolo und sein Heimatort Sirmione an der südlichen Uferseite sind ein Musterbeispiel für Letzteres.Im Wandel der Zeit zeigt das etwa 7000 Einwohner starke Städtchen, wo's lang geht und gilt heute als Vorreiter in Sachen Tourismus, Thermen und Wellness.

Immer auf der Suche nach neuen Trends, beschloss es bereits in den neunziger Jahren, das Problem der starken Saisonabhängigkeit zu lösen. Tatsächlich scheint der Gardasee in den dunklen Monaten Winterschlaf zu halten.Die meisten Hotels sind traditionsgemäß geschlossen, die Straßen ausgestorben, fast kein Urlauber ist unterwegs.

„Dabei genügt ein Blick in die Vergangenheit, um das wintertouristische Potential unserer Region zu erkennen”, weiß Filippo Ferné, Präsident der Gesellschaft Thermen von Sirmione. „Viele Künstler und Schriftsteller wie Paul Heyse und D. H. Lawrence genossen um 1900 das mediterran-milde Klima des Gardasees auch in den Wintermonaten.”

Wellness ist der neue Wintertrend

An diese guten alten Zeiten will Sirmione in Zukunft wieder anknüpfen. Das einstige Fischerdorf ist in Italien vor allem als traditioneller Kurort in traumhafter Lage bekannt. Es ragt als Landzunge weit in den See hinein, an der Spitze die Altstadt, die nur über eine kleine Fußgängerbrücke an der prächtigen Skaligerfestung, einer der schönsten Wasserburgen Europas aus dem 14. Jahrhundert, zu erreichen ist.1889 drang der venezianische Taucher Proscopio als Erster zu der Boiola-Quelle vor, aus der in 20 Metern Tiefe ein 69 Grad warmes, schwefelhaltiges, jod- und bromsalzreiches Thermalwasser vor der Halbinsel aus dem Seeboden hervorsprudelt.

Der spätere Bau einer langen Metallrohrleitung machte 1900 schließlich die Eröffnung der ersten Thermalanlage in Sirmione möglich. Mit den drei Hotels Grand Hotel Terme, Sirmione und Fonte Boiola sowie dem neuen Thermen- und Wellnesscenter Aquaria und dem renommierten Restaurant L'Orangerie (empfohlen in Italiens Gourmetführer „Gambero Rosso”) gehört die Gesellschaft Terme di Sirmione S.p.a. heute zu den größten privaten Thermalanlagen Italiens.Gäste lassen sich ihre Atemwegserkrankungen, aber auch Beschwerden wie zum Beispiel Rheumatismus, Arthrose und Venenentzündungen behandeln.

„1996 beschlossen wir, unser 3-Sterne-Hotel Fonte Boiola ganzjährig zu öffnen”, erzählt Ferné. Eine mutige Entscheidung, die weitere Initiativen nach sich zog: Zum Beispiel den Bau des modernen, über 10 000 Quadratmeter großen Thermen- und Wellnesscenters Aquaria im Jahr 2003, „heute unser größtes Zugpferd für den lokalen Wintertourismus”, so Ferné. Die Auslastung ist mittlerweile so gut, dass nun auch das 4-Sterne-Hotel Sirmione das ganze Jahr über Gäste empfängt.

„In Sirmione ziehen alle an einem Strang”, betont der Tourismusreferent der Gemeinde, Giordano Signori. „Deshalb bleiben inzwischen 90 Prozent unserer Restaurants, Hotels und Geschäfte auch in der kalten Jahreszeit geöffnet. „Außerdem rief das Städtchen zusammen mit den umliegenden Seegemeinden Desenzano, Padenghe, Lonato und Pozzolengo den Tourismusverband „Riviera del Garda e Colline Moreniche” ins Leben, dem sich die Thermen von Sirmione sowie viele bekannte Unternehmen und Vereinigungen angeschlossen haben.

Unter dem Motto „Gardasee-Emotionen das ganze Jahr” vermarktet saisonunabhängige Sehenswürdigkeiten und Highlights der Zielregion.Ein faltbarer Kartenführer im Taschenformat, der in den hiesigen Touristenbüros ausliegt, weist den Weg auf der Rundstrecke, die die fünf Städtchen über verschiedene Routen miteinander verbindet.

Zur Auswahl stehen die kunsthistorische Route, die Schlemmerroute sowie die Sport- und Wellnessroute.„Gerade in der Vor- und Nachsaison kommen bei uns Individualreisende, Weinliebhaber und Feinschmecker fernab vom Massentourismus auf ihre Kosten”, so Signori.„Alles ist ruhiger und authentischer, wir können uns einfach mehr Zeit für die Gäste nehmen.”

 
 

EURE FAVORITEN