Rucksack-Touristen ohne Rucksack

Foto: MSG

Die Rucksack-Reisenden, genannt Backpacker, haben sich immer mehr den Pauschaltouristen angeglichen: Sie reservieren, zahlen mit Kreditkarte und haben steigende Ansprüche an ihre Unterkünft. Darauf hat die Branche reagiert.

„Wir sind keine Jugendherberge”, protestiert Doris Schreyvogel, Marketing- und PR-Dame bei Wombat's. „Wir sind ein Hostel.” Musste man vor einigen Jahren noch oft erklären, dass es sich bei „Hostel” nicht um einen Tippfehler handelt, dürfte sich der Unterschied zum Hotel mittlerweile herumgesprochen haben: Es handelt sich um eine preiswerte, mehr oder weniger familiäre Unterkunft in zentraler Innenstadtlage, die von überwiegend jungen Rucksackreisenden, sprich Backpackern, genutzt wird.

Merkmale: Kein Mitgliedsausweis, keine Sperrstunde, kein Massenlager, kein Bad im Gang, dafür viel Raum für soziale Kontakte, Sauberkeit und günstige Preise - so will man die Lücke zwischen Jugendherberge und Hotel schließen.Wobei man fairerweise sagen muss, dass auch einige Jugendherbergen selbst diese Lücke inzwischen schließen. Das Jugendherbergswerk (DJH) hat zur Orientierung vier Kategorien eingeführt, wobei Kategorie I am ehesten den hergebrachten Vorstellungen entspricht, während Kategorie IV ein Haus kennzeichnet, das sich von einem Hostel höchstens noch durch die markenrechtlich geschützte Bezeichnung „Jugendherberge” unterscheidet.

Was in den Backpacker-Hochburgen Australien, Südostasien und USA schon lange Standard ist, hat sich auch im deutschen Beherbergungsmarkt durchgesetzt: Allein in Berlin und Umgebung buhlen mittlerweile rund 70 Hostels um Kundschaft. Neu seit Mitte Februar ist in diesem Reigen Wombat's. Das 1999 von den beiden Österreichern Sascha Böck und Marcus Praschinger gegründete Unternehmen ist bereits in Wien mit zwei Häusern vertreten und seit 2004 mit einem Haus am Münchner Hauptbahnhof.

Internet-Terminal im Eingangsberich

Der Zeitgeist ist in den Hostels unübersehbar. Wer etwa durch den begrünten Innenhof und den von mehreren Internet-Terminals dominierten Eingangsbereich des Wombat's München spaziert, der weiß, dass sich die Backpackerszene nicht mehr mit der von vor 30 Jahren vergleichen lässt. Handytelefonierer in der Hängematte, Laptop-Nutzer am Couchtisch, die gerade ihre neuesten Urlaubsfotos hochladen und ihr Online-Reisetagebuch updaten, sind ebenso selbstverständlich wie der große Flachbildschirm in der Bar, wo regelmäßig Sportsendungen laufen.

Hartschalenkoffer nicht mehr geächtet

Auch ist es längst kein Muss mehr, mit Rucksack, also einem Backpack, zu reisen. Hartschalenkoffer, Sporttaschen und Trolleys - vor Jahrzehnten noch Ausschlusskriterien für die internationale Gemeinschaft der Traveller - lassen heute niemanden mehr aufblicken. Die öffentlichen Räume wie der überdachte Innenhof und die Bar samt Pooltisch und kuscheliger Kissenecke haben ohnehin viel größere Bedeutung. Auf dem Zimmer wird geschlafen - mehr nicht. Gut, das Handyaufladen ist noch wichtig, weshalb man bei Wombat's nun alle Schlafplätze mit einer Steckdose nachrüsten will - eine Reaktion auf die in Internetblogs abgegebenen Meinungsäußerungen der Kundschaft.

Großes Lob spendet die Community hingegen der Bar, die so lange geöffnet hat, wie Bedarf besteht. Die meisten Hostels und auch einige der Jugendherbergen haben rund um die Uhr geöffnet. Bei letzteren gilt zwar im Prinzip noch die „Sperrstunde” um 22 Uhr, von der viele Häuser aber inzwischen Ausnahmen machen - freilich noch mit dem Hinweis, auf die Nachtruhe der anderen bitte Rücksicht zu nehmen. So kann man auch zu unorthodoxen Zeiten einchecken - vorausgesetzt, man hat reserviert.

Die Reiseplanung ist viel gezielter

Zogen die Backpacker von damals einfach los und hatten keine Ahnung, wo sie am Abend schlafen würden, ist das heutzutage oft völlig anders. Durch Reiseführer wie Lonely Planet, durch Mund-zu-Mund-Propaganda und erst recht durch Blogs, Foren und spezielle Internet-Seiten à la hostelworld.com informieren sich die Globetrotter vorab genau über ihre Wunsch-Unterkunft. Viele reservieren Monate im Voraus und bezahlen mit der Kreditkarte - kurzum, sie gehen auf Nummer sicher, fast genauso wie die einst geschmähten Pauschaltouristen.

Für Soziologen ist das keine Überraschung. Denn so gern sich Backpacker über die spießigen „Pauschis” lustig machen, so sehr ähneln sie diesen in vielen Belangen. Bestes Beispiel: Kontaktaufnahmen mit der einheimischen Bevölkerung sind selten, vielmehr bleibt man in seiner idealerweise noch gleichsprachigen Travel Community. Wenig Geld ausgeben? Sicher, das Bett im Zehnbettzimmer für zwölf Euro (es gibt sogar Hostels mit Startpreisen ab sieben Euro) und das All-you-can-eat-Frühstück für 3,50 Euro, das sind wichtige Kriterien. Aber die Ausgaben für Flugtickets, Klamotten, Reiseausstattung und für Diskobesuche erreichen auch bei Backpackern Höchstwerte.

Forschungsobjekt Backpacker

Zu diesen Erkenntnissen kommt auch Jana Binder. Die Kulturanthropologin und Lehrbeauftragte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat mit dem Buch „Globality: Eine Ethnographie über Backpacker” eine aktuelle und umfassende Typisierung der Rucksackreisenden vorgelegt. Darin stellt sie auch einen grundsätzlichen Wandel fest: „In den 70-er und 80-er Jahren war der Rucksacktourismus eine Abwendung von der eigenen Gesellschaft. Heute ist er eher ein Eintritt in die globale Gesellschaft, denn ohne Auslandsqualifikation geht heute gar nichts mehr.”

Diesen Wert begreifen immer mehr Arbeitgeber und immer mehr Reisende. Das ist nicht zuletzt der Grund, warum auch die Backpacker-Gemeinde stetig wächst und demzufolge ein größerer Bedarf an entsprechenden Unterkünften besteht.

 
 

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