"Peace Line"-Schutzmauer in Belfast ist Touristenattraktion

Olaf Tarmas
In Belfast steht die sogenannte "Peace Line", eine Mauer, die den katholischen von dem protestantischen Stadtteil trennt.
In Belfast steht die sogenannte "Peace Line", eine Mauer, die den katholischen von dem protestantischen Stadtteil trennt.
Eine sieben Meter hohe Mauer trennt den katholischen und den protestantischen Stadtteil von Belfast. Die "Peace Line", welche die verfeindeten Viertel voreinander schützen sollte, ist mittlerweile zu einer Touristenattraktion geworden, für die die verfeindeten Viertel sogar zusammenarbeiten.

Belfast. Poff! Der Schneeball zerplatzt an der Mauer. „Die Waffenruhe ist vorbei!“ schreit ein Junge. „Frieden! Frieden!“, kreischen zwei Mädchen. Aber es ist zu spät: Ein Schneeballhagel geht auf sie nieder. Halb amüsiert, halb betreten steht unser Führer Ben daneben – schließlich befinden wir uns an einem Gedenkort. Eine Plakette aus schwarzem Granit an der Mauer listet die Namen der „Aktivisten“ auf, die in der Zeit des Nordirland-Konflikts ums Leben kamen – auf irisch-republikanischer Seite, schließlich befinden wir uns im katholischen Stadtteil Falls Road. Die Protestanten haben ein eigenes Memorial, auf der anderen Seite der Mauer.

Die Mauer: Das sieben Meter hohe Ungetüm ist ein Teil der so genannten „Peace Line“, die seit 1969 die ärmeren katholischen und protestantischen Stadtteile Belfasts voneinander trennt. Die fröhliche Schneeballschlacht ist eine rein katholische, denn auch gut 15 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, in dem beide Seite ihren Frieden miteinander gemacht haben, gibt es nicht allzu viele Kontakte zwischen den Bewohnern der einst verfeindeten Viertel. Fotos an der Mauer zeigen ausgebrannte Reihenhäuser und Doppeldeckerbusse, die als Barrikaden quer über der Straße liegen. Das war in den 70er Jahren, zur schlimmsten Zeit der so genannten „Troubles“. Doch die Gärten der Reihenhäuser, die an die Mauer grenzen, gleichen auch heute noch Stahlkäfigen – ein Schutz vor Steinen und Brandsätzen, die Unbelehrbare über die Mauer werfen könnten.

Ein spektakuläres Erlebniscenter

Von einem Rückbau der „Peace Line“ wollen die meisten Anwohner nichts wissen, noch immer werden zwei der fünf Stahltore in der Mauer jeden Abend um neun Uhr geschlossen. „Wir fühlen uns sicherer damit, vor allem nachts.“ Ben war in seiner Jugend selbst in Auseinandersetzungen verstrickt, worin genau, sagt er nicht. Heute fährt er Belfast-Besucher in „Black Taxis“ durch beide Viertel und erzählt vom „longest running conflict“ in Europa, von den technischen Daten der Mauer und von den Geschichten, die sich hinter den Namen auf ihr verbergen. „Black Taxis“ sind alte Londoner Cabs, die damals den öffentlichen Verkehr aufrecht erhielten, weil die Busse als Anschlagsziel ihren Dienst eingestellt hatten.

Diese Heftigkeit der Auseinandersetzungen ist Geschichte. In der Innenstadt hat sich die Situation dramatisch verbessert, die alte Hafenstadt blüht unter einem kleinen Tourismus-Boom auf. Zum 100. Jahrestag des Untergangs der in Belfast gebauten „Titanic“ öffnete 2012 ein spektakuläres Erlebniscenter rund um den Mythos des Dampfers seine Pforten im neuen Hafen-Stadtteil „Titanic Quarter“. Dass es in den ehemaligen Problemvierteln wie Falls Road und Shankhill noch nicht ganz so entspannt zugeht, tut dem anschwellenden Touristenstrom keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Mauer und vor allem die „Murals“, die zahlreichen politischen Wandgemälde, sind dabei, zur führenden Attraktion zu werden. Ist das Bürgerkriegsvoyeurismus?

"Walking Tours" nicht nur im eigenen Territorium

Seamus Kelly von der irisch-republikanischen Organisation „Coiste“ nimmt den meisten Besuchern ihr echtes Interesse ab. Seamus ist ehemaliger „Aktivist“, der lange Jahre im berüchtigten „Maze“-Hochsicherheits-Gefängnis interniert war. Mittlerweile hat er sich ganz der Versöhnungsarbeit verschrieben. Mit „Coiste“ organisiert er Treffen mit den ehemaligen Feinden. Bei einem Becher Tee im gälischen Kulturzentrum „Culturlann“ an der Falls Road erzählt er, wie schwer es den meisten – auch ihm – nach wie vor fällt, den ehemaligen Feinden zu begegnen. Das stetig wachsende Interesse der Touristen bietet da beiden Seiten eine willkommene Möglichkeit, ihre Geschichte darzustellen – und nötigt sie zugleich zur Kooperation. Viele der Führer haben ebenfalls lange im Gefängnis zugebracht, „unsere Guides sind lebende Geschichte“.

Die „Coiste“-Guides bieten ihre „Walking Tours“ aber nur durch das eigene Territorium an. Immerhin arbeiten sie mit ihrer Partner-Organisation auf der protestantischen Seite, „Epic“, zusammen. An einem der fünf Stahltore übergeben die „Coiste“-Führer ihre Gruppen an Guides der anderen Seite, die dann in ihrem Viertel ihre Version des Konflikts erzählen. Wie ist die Sicherheitslage bei solchen Spannungen, die sich an bestimmten Jahrestagen auch im vergangenen Jahr in gewalttätigen Auseinandersetzungen äußerten?

Für die Touristen kein Problem, sagt Seamus Kelly. Und auch Ben erklärt, dass Belfast heute für Touristen eine der sichersten Städte in Europa sei – die Schneeballschlacht sei das Gefährlichste gewesen, was er in den letzten Jahren erlebt hätte.