Ons - Eine unberührte Inselidylle im Atlantischen Ozean

Ons ist im Winter oft wochenlang vom Fesland abgeschnitten.
Ons ist im Winter oft wochenlang vom Fesland abgeschnitten.
Mittlerweile ist die Insel Ons bis auf wenige Ausnahmen nur noch im Sommer bewohnt. Dann bietet sie Besuchern jedoch ein Stück unberührter Natur.

Ons.. Der Fischer Cesario ist der einzige, der auf der nordspanischen Atlantikinsel „Illa de Ons“ ein Moped besitzt. Von seinem Feldsteinhaus im Südosten des Eilands fährt der 72-Jährige auf einem Sandweg die Küste entlang – vorbei an kleinen Maisfeldern, weißen Stränden und von den Gezeiten flach geschliffenen Felsen, die sich langsam im grünblauen Meer verlieren. Schon von weitem ist unten im Dorf das Knattern des betagten Zweirads zu hören. Jeder weiß dann: Cesario kommt, um an der Mole in sein Boot zu steigen oder auf ein Schwätzchen in eine der Bars einzukehren.

Der Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht und der karierten Schiebermütze auf dem Kopf genießt große Anerkennung bei den Insulanern. Weil er seinen eigenen Kopf hat und allen Schwierigkeiten zum Trotz genau so lebt, wie er es sich vorstellt. Weil er geblieben ist, während fast alle anderen gegangen sind. Viele kennen ihn seit ihrer Kindheit – jener Zeit, als die Ons noch das ganze Jahr über bewohnt und „Tourismus“ ein Fremdwort war.

Heute ziehen die meisten den Winter über auf das Festland, kommen dann vom Frühjahr bis zum Herbst zurück, um die Insel quasi wie eine Alm auf dem Atlantik zu bewirtschaften. Sie vermieten Unterkünfte an Urlauber, die hierher kommen, um zu baden und zu wandern. Sie hängen ihnen Zettel an die Zimmertüren, die auf die wenigen Tagesstunden verweisen, an denen ein laut ratternder Generator die Illa mit Strom versorgt.

Sehnsuchtsort wie aus dem Bilderbuch

Und sie servieren hausgemachte regionale Köstlichkeiten, vor allem Fisch und Meeresfrüchte, damit kennt man sich hier aus. Palmira, die Wirtin des ältesten Restaurants am Ort, hat 2012 sogar den Preis für Galiciens besten Oktopus gewonnen, für ihren im Kessel gegarten „Pulpo en caldeira“.

Schön ist es auf diesem gerade mal vier Quadratkilometer großen Felseneiland, das zum Nationalpark der Galicischen Atlantikinseln gehört. Mit seiner üppigen Vegetation, dem Blick, den man von den Anhöhen aus über die benachbarten Inseln und in die fjordartige Ria de Pontevedra hinein hat, ist es ein Sehnsuchtsort wie aus dem Bilderbuch. Schmale Wege schlängeln sich über einen weiten, sattgrünen Bergrücken zum weißen Leuchtturm hinauf. Von dort aus geht der Blick hinüber zur steilen, von der Brandung des Atlantiks zerklüfteten Westseite des Archipels, wo zahlreiche Seevögel über den Wellen ihre Kreise ziehen.

Purpurroter Ozean

Im Sommer bringen Fähren vor allem Gäste aus Vigo und dem Umland, die ein paar ruhige Stunden oder Tage in unverbauter Natur verbringen wollen. Autos sind hier strikt verboten. Nur die Nationalpark-Mitarbeiter sind motorisiert und zwei Mini-Trecker scheppern gelegentlich mit einem mit Lebensmitteln voll beladenen Hänger von der Mole zu den Häusern hinauf. Wer sich zu Fuß auf Entdeckungstour begibt, der kann Kormorane beobachten, verschiedene Delfinarten, ab und an Schildkröten. Es existiert eine ungewöhnlich große Artenvielfalt oberhalb wie unterhalb der Meeresoberfläche. Und in manchen Nächten passiert es sogar, dass sich der Atlantik in Strandnähe purpurrot verfärbt – ein Leuchten, das unzählige Mikroalgen erzeugen sobald sie bewegt werden.

Cesario freut sich jedes Jahr auf den Winter. Dann nämlich hat die Ons nur noch vier feste Bewohner: Ihn, seine Frau sowie den Bruder und die Schwägerin, die am anderen Ende der Insel leben. Als regelmäßige Besucher kommen lediglich der Leuchtturmwärter und die Nationalparkangestellten, die im achttägigen Schichtdienst arbeiten und sich auf Spezialschiffen zum Einsatzort bringen lassen. Wenn den Insulanern irgendetwas fehlt, wenn Post oder Päckchen transportiert werden sollen, dann helfen sie aus.

Während der Fischer am Fuße der Mole steht und Köderfische für seine Krakenfallen vorbereitet, erzählt er von dieser stillen, rauen Jahreszeit: „Dann bist du hier ganz alleine, das ist toll. Und die Insel ist eine vollkommen andere.“ Schon im Sommer kann die Überfahrt bei stärkerem Wind eine abenteuerliche Schaukelpartie sein. Die Fährmänner haben an solchen Tagen gut zu tun, um den Passagieren vom schwankenden Schiff auf den Anleger zu helfen. Im Winter gibt es oft wochenlang gar keine Verbindung zum Festland und damit auch keinen Arzt, keine Apotheke, keinen Laden. Aber Cesario ist daran gewöhnt, dass der Atlantik sein Leben bestimmt.

Als er am Abend sein Moped in Gang bringt, erwartet ihn oben am Haus schon Victoria, seine Frau. 70 Jahre ist sie alt und steht mit einem schweren Sack in der Hand auf einer Holzleiter. Die Leiter lehnt am Hórreo, einem jener für Galicien typischen steinernen Speicher, in dem die Familien seit ewigen Zeiten ihre Vorräte aufbewahren. „Da hinten haben wir ein kleines Feld, auf dem bauen wir alles an, was wir brauchen. Kartoffeln, Paprika, Tomaten, Zwiebeln.“ Die Frau wischt sich kurz die Hände an der Kittelschürze ab und gibt den Blick ins Innere des Bauwerks frei. Gut gelüftet und sicher vor Ratten und Mäusen hat sie ihre Schätze aufgestapelt. „Du musst von allem etwas haben. Wenn du nichts hast, kannst du nichts essen.“ So einfach ist das.

Wettkampf um den besten Platz am Ofen

Vor der Küchentür stehen Eimer mit trockenem Brot für die Hühner, daneben eine schlichte Bank. Auf der nimmt sie Platz, streichelt einer Katze über den Rücken und erzählt von ihrer Kindheit. Davon, wie die Jungs und Mädchen an kalten Tagen zur Schule gerannt sind, um vor dem Unterricht den besten Platz am Ofen zu bekommen. Und davon, wie sehr alle zusammengehalten hätten. Früher, als hier noch Hunderte lebten. „Wenn ein Fischer mal krank war, dann haben die anderen seine Familie mit versorgt.“

Einsam fühle sie sich heute trotzdem nicht. Victoria blickt zufrieden über das weite Blau des Atlantiks. „Hier auf der Insel bin ich geboren und hier möchte ich irgendwann begraben werden. Gleich da vorne am Meer. Das ist mein Zuhause.“

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