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North Island ist Umweltprojekt und exklusive Luxus-Robinsonade zugleich

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85 Riesenschildkröten leben auf der Seychelleninsel North Island – und teilen sich die Insel mit zahlreichen Jetset-Touristen. Mit Hilfe der zahlungskräftigen Gäste soll die Insel irgendwann einmal wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt und der Tropenwald renaturiert werden.

Seychellen. 

„Wenn er sprechen könnte, was würde er uns erzählen?“ Linda Vanherck nähert sich Brutus, der Riesenschildkröte. Die belgische Biologin hat ihren ältesten Schützling nun schon ein paar Tage lang nicht mehr gesehen. Die Welt, in die Brutus geboren wurde, gibt es nicht mehr. Und in all den Jahrzehnten tat Brutus allein das, was er seit seiner Geburt Tag für Tag und noch heute tut: Er schob seinen schweren Panzer über die Seychelleninsel North Island, graste im Schatten von Kokospalmen, sah die Sonne über dem Indischen Ozean auf- und untergehen und seine Welt schien die gleiche zu bleiben.

Etwa 150 bis 160 Jahre schätzt Linda das Alter der Riesenschildkröte. Eine enorme Zeitspanne, in der auch auf North Island die Zeit nicht stillstand. Brutus wurde Zeuge wie sich seine Insel erst im Schildkrötentempo und dann wie im Jetflug von einer abgeschiedenen Kokosplantage zu einer Trenddestination von Superreichen veränderte.

Eine ungewöhnliche Frau

Wer mit Linda Vanherck North Island erkundet, lernt eine ungewöhnliche Frau kennen, die ihr Leben dem Umweltschutz verschrieben hat. Inspiriert von Zoologen wie Dian Fossey träumte sie schon als Kind davon nach Afrika zu reisen, studierte Biologie und forschte ab 1989 über Tierverhalten an der Universität Kapstadt. Sie zog nie wieder nach Belgien zurück, arbeitete als Guide in Nationalparks und war lange für Umweltprojekte der UN in Afrika zuständig. Das Arche-Noah-Projekt auf North Island lockte sie 2005 auf die Seychellen. „Auch jetzt noch begeistert mich das Konzept“, sagt sie.

Vom frühen 19. Jahrhundert bis in die 70er Jahre war North Island eine Kokosplantage. Nach dem Zusammenbruch der Kopraindustrie wurde die Insel verlassen. Auf dem Eiland vermehrten sich Ratten, Katzen und Schweine und rotteten die einheimische Tierwelt fast völlig aus. Nur Brutus und wenige weitere Riesenschildkröten überlebten.

Luxus soll Geld für den Umweltschutz einbringen

1997 kaufte eine Eignergruppe um den Detmolder Unternehmer Wolfgang Burre die verwilderte Insel und beschloss, sie zum Deluxe-Ökoresort umzuwandeln. Ein behutsam in die Landschaft eingefügtes Hotel sollte das Geld für das Arche-Noah-Projekt einbringen, das zum Ziel hat, den ursprünglichen Tropenwald zu renaturieren, so dass seltene und ehemals auf North Island heimische Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum zurückerhalten. Nach und nach wurden die tierischen Eindringlinge ausgerottet. Die Insel ist heute wieder rattenfrei. Mittlerweile leben dort 85 Riesenschildkröten.

Nicht weit von der inseleigenen Baumschule hat Linda ihr Büro in einer Hütte eingerichtet. In der Mitte stehen zwei große Styroporboxen. „Na, wie sieht es denn heute bei euch aus?“ begrüßt sie eine Kiste mit der Aufschrift „Unbekannt VII“. Die Box enthält das komplette Gelege einer Karettschildkröte, das Linda hierhinein umschichten ließ, als das Nest am Strand weggespült zu werden drohte. In der zweiten Kiste sind die ersten Schildkröten bereits geschlüpft. Noch liegen sie erschöpft im Sand, sobald sie zappelig werden, werden sie ins Meer entlassen.

Es ist die Mischung aus ehrgeizigem Umweltprojekt und exklusiver Luxus-Robinsonade, die North Island schnell zur Lieblingsdestination des internationalen Jetsets werden ließ. Ökotourismus ist unter den Reichen längst in Mode. Die elf Gästevillen entlang des Hauptstrands von North Island sind in der Vegetation kaum auszumachen, obwohl jede über 450 bis 750 Quadratmeter verfügt. Sie wurden fast nur aus natürlichen Materialien errichtet.

Zahlungskräftige Gäste

Über die Gäste wird strengstes Stillschweigen bewahrt, doch kursieren zahlreiche Boulevard-Berichte, wonach Brad Pitt und Angelina Jolie, Julia Roberts und Paul McCartney bereits hier gewesen sein sollen. Salma Hayek verbrachte hier ihre Flitterwochen, die Beckhams sollen zu ihrem zehnjährigen Hochzeitstag die Insel gemietet haben. Jetzt plant laut Presseberichten das Prinzenpaar Kate und William hier Honeymoon zu feiern. Der Hamburger Insel-Makler Farhad Vladi bestätigt, dass er North Island an die britische Krone vermietet hat. Den Termin behält er für sich.

Linda scheint das Aufsehen um die Stars nicht zu interessieren. Aber sie erzählt gerne kuriose Geschichten: Von Edeltouristen, die ihr Mineralwasser aus Fidschi einfliegen ließen, von einer Dame, die mit 40 Paar Schuhen auf der Barfuß-Insel landete und von einem erbosten Bräutigam, der in der ersten Nacht der Flitterwochen mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden wollte. „Die meisten Gäste verhalten sich aber unspektakulär und interessieren sich sehr für die Ökologie“, sagt sie. Sie weiß, dass das Arche-Noah-Projekt ohne zahlungskräftige Gäste nie sein Ziel erreichen wird, die Insel irgendwann einmal wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Bis zur Rückkehr dauertes viele Jahre

Am nächsten Morgen ist es soweit. Linda taucht mit einem Plastikeimer am Strand vor den Gästevillen auf. Elf der frisch geschlüpften Karettschildkröten sind in der Nacht aktiv geworden und nun reif für die Wildnis. Linda kippt den Behälter vorsichtig auf den weichen Korallensand und die Schildkrötenkinder beginnen instinktiv, den Wellen entgegen zu jagen.

Vor den Schildkröten liegt die ganze Weite des Ozeans, wo sie einen Großteil ihres Lebens verbringen werden. Wenn sie Raubfischen, Seevögeln, Fischernetzen und der fortschreitenden Meeresverschmutzung entkommen können, werden sie irgendwann zur Eiablage an den Strand ihrer Geburt zurückkehren. Forscher schätzen, dass es bis zu 30 Jahre dauern kann, bis eine erwachsene Schildkröte zum ersten Mal das Wasser verlässt, um in den Sand, in dem sie einst das Licht der Welt erblickte, ein Nest zu graben.

Die Beckhams, Brangelina, Kate und William wird man bis dahin womöglich auf North Island vergessen haben. Aber vielleicht schiebt dann eine Riesenschildkröte namens Brutus noch immer ihren schweren Panzer über die Tropeninsel, ganz so wie sie es jetzt gerade tut und vor Urzeiten schon tat.