Nordlicht-Vorhersage per SMS

Foto: MSG

Der Niederländer Rob Stammes kann, was eigentlich unmöglich ist: das Erscheinen der Polarlichter ankündigen

Wer jetzt die Lofoten ansteuert, muss sich echt beeilen, um noch im Hellen anzukommen: Am 7. Januar ging nach wochenlanger Polarnacht erstmals die Sonne wieder auf - ein Feiertag im hohen Norden, an dem die Kinder schulfrei haben. Aber die Tage sind sehr kurz, zu kurz für eine Landung im Hellen: Das Flugzeug fällt nach einem Multistoppflug nach Svolvaer in ein dunkles Loch, man hätte sich also auch ökologisch korrekt mit Schiff und Zug nach Norden schaukeln lassen können. Kiel, Oslo, Trondheim, Bodö, Svolvaer heißen die Umsteigeetappen. Kreuzfahrtfähre und Nachtzug sind zwei der gemütlichen Vehikel. In Oslo ist sogar Zeit, bei Tageslicht die neue Oper am Hafen zu bewundern, bevor man den Tageszug nach Trondheim nimmt. Nach 55 Stunden Reise geht man entschleunigt in Svolvaer von der Schnellfähre.

„Es ist ja nicht stockfinster hier“, hört man dann Jann Engstadt auf Deutsch über seine Heimatinsel sagen. Das ist der Uhrzeit zufolge am nächsten Morgen, nach einer Nacht in einer urgemütlichen Hütte mit Steg zum Wasser. Im Sommer lässt man hier wohl die ganze Nacht lässig die nackten Beine baumeln, jetzt stakst man mehrlagig verpackt auf vor Frostkälte knackendem Holz. Aber der Blick zum Himmel, der gibt dem freundlichen Jann Recht. Wie mittelblaues Velour mit lachsfarbenem Saum geht so etwas wie Tageslicht auf und fächelt über den Himmel. Schroff gezackte Berge wie aus einem Fantasy-Spiel verstärken riesigen Schneekristallen gleich ein zartes Himmelsleuchten, das von einer Sonne nicht weit unterm Horizont kündet.

Jann weiß, wie man die flüchtigen Dämmerstündchen nutzt. Er bietet winterliche Aktivitäten an. Schneeschuhlaufen, Skifahren, Fotoausflüge. Heute sei Kajakfahren toll, weil kaum Wind weht. Na ja, wo man schon mal dort ist, warum nicht aufs Polarmeer hinauspaddeln. Die Reise ist ja verrückt genug. Mehr als auf Orcas zu treffen, die hier im Winter nach Heringsschwärmen suchen, kann ja nicht passieren. Also in orangene Taucheranzüge geschlüpft, die Kajaks über dünnen Schnee ans Ufer geschoben, hineingepfriemelt und der Sonne entgegengefahren. Die muss doch gleich hinterm Horizont sein, so intensiv, wie es da hinten leuchtet. Meine Güte, im dicken Outfit kann man sich nicht mal kneifen, aber es ist kein Traum: Bei fünf Grad minus im Kajak auf den Lofoten, der zum Greifen nahe Himmel leuchtet gerade wie ein Kirchenfenster und die Berge glühen pink.

Ausflüge mit Jann oder einem Leihwagen erschließen einen Teil der Inselgruppe innerhalb der wenigen Dämmerstunden. Ziele sind die Insel Gimsoy, auf der eisiges Polarnachtgolf gespielt werden kann. Wärmer ist's um die Feuerstellen im formidablen Winkingermuseum in Borg, 60 Kilometer südlich von Svolvaer, das einen der größten Höfe nordischer Herrscher wiedererstehen ließ. Einen besonderen Weg durch die atemberaubende Landschaft aus Bergen und gefrorenen Seen bietet das Aufspüren einiger der 33 faszinierenden Outdoor-Kunstwerke der Skulpturlandskap Nordland an, etwa des Spiegelpavillions von Dan Graham an der E 10 bei Lyngvaer. Alle Künstler haben eine kreative Hommage an die Landschaft zwischen 68 und 71 Grad Nord geschaffen. Sie wirken im schwachen Sonnenwiderschein auf winterlich karger Szenerie unmittelbarer als im Sommer.

Das Lofoten-Nightlife findet am Himmel statt. Was man immer schon über das Polarlicht wissen wollte, erfährt man eine Stunde nördlich von Svolvaer im Örtchen Laukvik. Seit 2005 haben die Holländer Rob und Therese Stammes aus ihrem Haus ein Mekka für Polarlichtjünger gemacht. Schon auf der Fahrt dorthin flammt immer wieder ein grüngelbes Feuerwerk über den Nachthimmel. Rob ist ein knorriger Mitfünfziger mit Rauschebart, wie er im Polarforscherbuch steht. „Als Kind habe ich Berichte über Arktisfahrer verschlungen“, sagt der Elektroinstrumentenbauer.

Im Haus sieht es aus wie eine Kreuzung zwischen Funkerbude, Spacelab und Geheimdienstzentrale. „1989 habe ich mein erstes Instrument gebaut, um Kontakt mit der Atmosphäre aufzunehmen.“ Mit zahlreichen Aufnahmegeräten horcht Rob die Erdatmosphäre ab. „Mein Receiver hängt sich an einen TV-Transmitter in Litauen, der das Geräusch brennender Sterne aufzeichnet.“ Die Signalwelt, die als Knacken und seismologische Ausschläge auf Papier in Laukvik eingehen, setzt Rob sogar in Vorhersagen über zu erwartende Lichterscheinungen um. Ein SMS-Abonnement informiert nicht nur Insulaner über bevorstehende Sonnenwind-Spektakel. Das private Radarsystem für Polarlicht erstaunte selbst Dr. Asgeir Brekke, Professor für Kosmische Physik in Tromsö. „Er war über meinen Erfolg mit geringen Mitteln sehr erstaunt.“

Elektromagnetische Störungen mit Nordlichtcharakter benötigen acht Minuten, um von Robs Magnetometer aufgezeichnet zu werden. Dann werfen sich die Stammes und interessierte Besucher in wattierte Jacken und Hosen und gehen ans Wasser. Nachbarn kommen hinzu, Kameras werden auf Stativen festgedreht, dann beginnt die Nacht der langen Lichter. Farben peitschen, wabern und quellen über den schwarzen Himmel, besonders eben in der dunklen Jahreszeit. Der Himmel ist wieder zum Greifen nahe und niemand wünscht sich in diesen Stunden irgendein störendes Tageslicht.

 

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