Mittel gegen Reisekrankheit in Neigezügen entwickelt

Fahrgäste in Neigungszügen dürften in Zukunft keine Probleme mehr mit Übelkeit haben. Ein Forscherteam hat jetzt ein Mittel gegen Reisekrankheit in diesen Zügen gefunden.
Fahrgäste in Neigungszügen dürften in Zukunft keine Probleme mehr mit Übelkeit haben. Ein Forscherteam hat jetzt ein Mittel gegen Reisekrankheit in diesen Zügen gefunden.
Foto: imago stock&people
Neigezüge können schneller fahren als andere Züge, da sie sich in die Kurven legen. Der Nachteil: Viele Passagieren werden während der Fahrt regelrecht reisekrank. Ein Forscherteam hat jetzt die Lösung für das Problem gefunden.

Zürich. Ein Mittel gegen Reisekrankheit in Neigezügen hat jetzt ein schweizerisch-amerikanisches Forscherteam gefunden. Die Züge, die sich in die Kurve legen, können schneller fahren als andere Bahnen. Durch ihre seitliche Neigung wird ein Teil der Fliehkräfte kompensiert, die in den Kurven auf die Wagen wirken: Dadurch gleichen die Züge die geschwindigkeitsabhängige Seitwärtsbeschleunigung der Wagen teilweise aus. Dank dieses technischen Kniffs bleibt in den Kurven beispielsweise der Kaffee im Becher, und Fahrgäste, die im Gang stehen, werden von den Zentrifugalkräften nicht umgeworfen.

Die Kehrseite der schnellen Neigezüge: Viele Passagiere fühlen sich in diesen Zügen unwohl, sie werden regelrecht reisekrank. Der Grund: Ihr autonomes Nervensystem reagiert mit Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Herzklopfen und anderen Symptomen. Warum das so ist, war bisher unbekannt. Anlässlich der Beschaffung von Doppelstock-Zügen durch die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) hat jetzt ein Neurologe von der Universität Zürich zusammen mit Kollegen vom Mount Sinai Hospital in New York sowie mit Ingenieuren der Schweizerischen Bundesbahn den Zusammenhang zwischen Neigungswinkel und Reisekomfort der Passagiere erforscht.

Richtiges Timing ist wichtig

Das Ergebnis: Die Größe des Neigungswinkels ist irrelevant, stattdessen kommt es auf das richtige Timing an, so das jetzt im Wissenschaftsmagazin "The FASEB Journal" publizierte Fazit des Praxisversuchs. An den Testfahrten hatten während fünf Tagen insgesamt 200 Passagiere teilgenommen. Die Hälfte der Passagiere hatte angegeben, dass sie bei Fahrten in Neigezügen reisekrank werden.

Ausschlaggebend für das Auftreten von Reisekrankheiten ist demnach, ob die Neigung der Wagen synchron mit der kurvenbedingten Seitwärtsbeschleunigung erfolgt oder nicht: Wird die Beschleunigung exakt zeitgleich durch die Neigung kompensiert, ist mit den Passagieren alles "im Lot". Erfolgt die Kompensation hingegen mit einer kurzen Zeitverzögerung, können sie reisekrank werden.

Zeitgleich beschleunigen und neigen

Diese Verzögerung rührt daher, dass bisher in der Regel in Echtzeit Messdaten auf Höhe der Lokomotive verwendet worden sind, um die Neigungswinkel der folgenden Waggons zu berechnen. Das führt zu einer etwas verspäteten Neigung vor allem der vorderen Wagen. Die Lösung ist eine leicht durchführbare Modifikation der Software: "Füttert" man den Bordcomputer vorab mit dem Streckenprofil, kann sich die Bahn exakt zeitgleich mit der kurvenbedingten Seitwärtsbeschleunigung neigen - zum Wohle der Passagiere im Zug. Dieser kann jetzt sogar noch schneller fahren, ohne dass den Insassen übel wird. (mp)

 
 

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