Mit der historischen Pferdebahn die Nordseeinsel Spiekeroog erkunden

Eine der letzten Pferdebahnen Europas fährt auf der Nordseeinsel Spiekeroog.
Eine der letzten Pferdebahnen Europas fährt auf der Nordseeinsel Spiekeroog.
Foto: dapd
Auf der Nordseeinsel Spiekeroog fährt eine der letzten Eisenbahnen Europas, die von einem Pferd gezogen wird. 15 Minuten dauert die einfache Fahrt. Doch die meisten Touristen genießen die nostalgische Reise so sehr, dass sie Hin- und Rückfahrt buchen.

Spiekeroog. Manchmal ist Molly zickig. Dann steht eine der letzten Eisenbahnen Europas, die von einem Pferd gezogen wird, still. Molly, das norwegische Fjordpferd, möchte mitunter auf halber Strecke umdrehen, rechts abbiegen oder einfach nur fressen. "Sie ist halt ein Charakterpferd", sagt Sabine Friedrichs. Die 53-Jährige ist die Besitzerin von Molly und Museumsbahn. Wenn das Tier nicht rumzickt, bewegt die Bahn Gäste vom Zentrum der Nordseeinsel Spiekeroog zum Westend und wieder zurück.

"Moin Molly", begrüßt Urlauber Torsten Faske das Pferd am Bahnhof. Der 50-Jährige aus der Wesermarsch hat schon mehrfach ihre Dienste in Anspruch genommen. Heute hat er auch noch seine Frau, die Eltern und drei Hunde mitgebracht. Damit ist die nächste Fahrt der Museumsbahn schon zu einem Viertel ausgebucht. Nur 16 Sitzplätze stehen zur Verfügung. Geübte Spiekeroog-Touristen wissen das und machen es sich schon 30 Minuten vor der Abfahrt im offenen Abteil bequem. Fahrkarten gibt es nicht. Wer zu spät kommt, muss draußen bleiben.

Lange und kuriose Bahngeschichte

Das kleine autofreie Eiland in der Nordsee hat eine lange und kuriose Bahngeschichte. Von 1934 bis 1945 besaß es den einzigen Flughafen der Welt, dessen Passagiere von einer Pferdebahn abgeholt wurden. Die Geschichte der Westend-Route ist noch älter. 1885 eröffnete die Strecke zum damaligen Herrenbadestrand. Weil die Geschlechter damals noch getrennt voneinander schwimmen gingen, mussten Frauen 500 Meter vor dem Ziel aussteigen, und zu Fuß zum Damenbadestrand laufen.

Maximalgeschwindigkeit: Sieben Stundenkilometer

1981, kurz nach der Stilllegung, eröffnete Hans Roll mit einem 100 Jahre alten Pferdebahnwagen aus dem Stuttgarter Straßenbahnmuseum die Museumsstrecke als Touristenattraktion. Seit fünf Jahren hält eine Frau die Zügel in der Hand. Sabine Friedrichs ist gelernte Erzieherin, zog der Liebe wegen auf die Insel und veränderte sich auch beruflich, nachdem sie einen Kutschschein gemacht hatte. Mit einem Glockenschlag bereitet die Kutscherin ihre Fahrgäste auf die 1,3 Kilometer lange Reise vor. Es folgt die obligatorische Sicherheitseinweisung.

"Das Gänseblümchen-Pflücken während der Fahrt ist verboten. Schwimmwesten befinden sich unter den Sitzen", sagt Friedrichs. "Kinder werden gebeten, sich nicht aufs Pferd zu setzen und es nicht mit Muscheln oder Quallen zu füttern", fügt sie an. Anschließend wird Molly angeleint. Mit einem Ruckeln setzt sich der Waggon in Bewegung. Molly ist heute überhaupt nicht zickig. Stoisch geht sie auf einem Trampelpfad rechts neben den Schienen ihres Weges und zieht die Bahn mit einer Maximalgeschwindigkeit von sieben Stundenkilometern hinter sich her. Für den Fall, dass mit ihr doch einmal die Pferde durchgehen, hat Sabine Friedrichs immer eine Hand am Bremshebel. "Damit wir das Pferd nicht überholen", sagt sie.

Bald hat Molly Winterpause

Die Bahnreise geht vorbei an verwitterten Stellungen aus der 300 Jahre zurückliegenden französischen Besatzungszeit, Gänsen, Heckenrosen und Mückenschwärmen. Auch die Brücke über dem Deichtor passiert Molly problemlos. Nach 15 Minuten ist das Ziel in Sicht. "Willkommen an der Haltestelle zum Wilden Westen", sagt Friedrichs. Einige Fahrgäste steigen aus, um am Strand entlang zurück ins Zentrum zu laufen. Die meisten werfen aber nur einen kurzen Blick auf die See und steigen wieder ein. Sie haben Hin- und Rückfahrt gebucht.

Derweil bereitet die Kutscherin ihr Pferd mit Möhren und Wasser auf den Heimweg vor. Oft muss Molly in diesem Jahr nicht mehr ran. In einem Monat geht die Saison für Stute und Museumsbahn zu Ende, wenn das Deichtor wegen Sturmflutgefahr geschlossen werden muss. Wann genau das sein wird, weiß Friedrichs nicht. "Irgendwann ist das Tor zu, dann ist Schluss", sagt sie. Lange kommt Molly aber nicht auf das Abstellgleis. Zum Saisonstart im Frühjahr wird sie wieder ihre Bahnen ziehen. (dapd)

 
 

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