Mit dem Fahrrad durch den grünen Ruhrpott von Essen nach Hattingen

Simone F. Lucas
Der Ruhrtal-Radweg folgt dem Fluss von der Quelle bis zur Mündung.
Der Ruhrtal-Radweg folgt dem Fluss von der Quelle bis zur Mündung.
Das Ruhrgebiet hat sich gemacht - lange vorbei sind die Zeiten rauchender Schlote und stinkender Brühe. Besonders gut lässt sich dieser Wandel vom Fahrrad aus begutachten, auf dem Ruhrtal-Radweg, der den Fluss von seiner Quelle bis zur Mündung begleitet. Wir sind ihm von Essen bis Hattingen gefolgt.

Essen. Die Räder stehen schon bereit, eines wie das andere. Stabil sehen sie aus, ein wenig klotzig vielleicht für meinen Geschmack, aber sie passen in die Landschaft. Wir sind schließlich in der Metropole Ruhr, der Wiege der Industriekultur. Der Himmel ist blau, das färbt auch ein bisschen auf die Ruhr ab, der wir auf dem Ruhrtalweg folgen. Aber zuerst führt uns Holger Lippeck, unser Guide in neongelber Sicherheitsweste, auf die Margarethenhöhe. Diese Stadt in der Stadt muss man gesehen haben, meint er.

Recht hat er. Diese Gartenstadt-Stiftung der Margarethe Krupp für „minderbemittelte Bürger“ wirkt so gar nicht wie eine Arbeiter- oder Werkssiedlung. Dafür sorgte schon die Stifterin, die 1906 das 65 Hektar große Gelände für mehr als drei Millionen Goldmark erworben hatte. „Ein Schnäppchenpreis“, meint die Kunsthistorikerin Cornelia Kresper, die sich intensiv mit der Geschichte der Margarethenhöhe auseinandergesetzt hat.

Margarethe Krupp, damals erst kurz verwitwet und – wie zu jener Zeit üblich – als Frau eher aufs Private verwiesen, hatte eine klare Vorstellung von „ihrer“ Siedlung. Auf keinen Fall sollte die Margarethenhöhe wie eine Arbeitersiedlung wirken. Ziegen, Karnickel und Tauben zu halten war deshalb verboten.

Möblieren aus dem Katalog

Die Häuserfronten mit den kleinen Vorgärten wirken denn auch eher bürgerlich. Georg Metzendorf, damals der jüngste Architekt in Deutschland, durfte „sämtliche Bauvorschriften missachten“ (Kresper). Er entwarf auch multioptionale Möbel, mit denen sich schon damals die Wohnungen „aus dem Katalog möblieren“ ließen. In der kleinen Musterwohnung kann man sehen, wie sich Stühle, Tische und Schränke durch variable Accessoires verändern ließen.

Nebenan im Hauseingang sitzen zwei ältere Männer, trinken Bier und schauen neugierig auf unsere Gruppe. Wer hier wohnen wollte, musste alles offen legen: Einkommen, Religionszugehörigkeit, Familienstand und mehr. Das taten die Menschen freiwillig, sie mussten nicht ausspioniert werden. Waren die Wohnungen doch ebenso zweckmäßig wie günstig und ruhig gelegen dazu.

Blumenkisten vor Edeka

Singles waren unerwünscht, ebenso Menschen aus anderen Kulturkreisen. Das wird inzwischen nicht mehr so streng gesehen. Doch bis heute sind, so meint unsere Kunsthistorikerin, „die Wohnungen heißbegehrt“. 776 Häuser gibt es auf der Margarethenhöhe, viele wurden nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut, andere ganz neu errichtet.

Und die Stiftung baut weiter – inzwischen allerdings nicht mehr im Stil einer Gartenstadt. Auch die Restriktionen von früher sind Vergangenheit. Damals gab es zwar viele Läden, aber keine Kneipe. Man wollte den Alkoholkonsum nicht fördern. Auch öffentliche Abfallkörbe fehlten, um nicht Obdachlose anzuziehen. Heute geht’s lockerer zu: Das Gasthaus am kleinen Markt hat Sonnenschirme draußen stehen und im Edeka, vormals Konsum, stehen die Gemüse- und Blumenkisten vor der Türe. Ja, die Zeiten ändern sich.

Braune Brühe ist Vergangenheit

Ganz besonders an der Ruhr. Wo früher eine braune Brühe floss, tummeln sich heute wieder Fische. Man könnte sogar baden gehen in der Ruhr. Aber weil die Strömung zu stark ist, sollte man das besser lassen, meint Rad-Guide Lippeck, nachdem wir von der Margarethenhöhe über den Gruga-Park hinaus geradelt sind in die grüne Umgebung von Essen. Am Horizont in Richtung Steele stehen geballt Hochhäuser. „So hat man sich in den 1950er-Jahren Stadtentwicklung vorgestellt“, schimpft der studierte Landschaftsarchitekt: „Abreißen und Hochhäuser hinstellen.“ Aber das war wohl nicht nur im Ruhrgebiet so.

In der anderen Richtung aber umfängt uns Natur, breit strömt die Ruhr dahin, und das Blau des Himmels spiegelt sich im Wasser. Grün sind die Wiesen drumherum, bunt gesprenkelt von allerlei Blumen. Wir sehen Eisvögel im Gebüsch und Kormorane im Wasser, in der Auenlandschaft weiden Kühe. „Wir sind hier in der Metropole Ruhr“, sagt Lippeck und grinst. „Sie hören zwar das Rauschen der Ruhr, aber nichts vom Verkehr.“ Den Triumph kann der Mann mit dem Radhelm und der dunklen Sonnenbrille nicht allzu lange auskosten. Kurze Zeit später holt uns die Stadtrealität wieder ein – mit Presslufthammergetöse.

Wasserkraftwerk am Ruhrtal-Radweg liefert seit 1989 wieder Strom 

Hier will niemand verweilen, und wir folgen unserem Führer über das historische und holprige Pflaster der ehemaligen Treidelpfade und den Kunstpfad Ruhr. Mütter mit Kinderwagen kommen uns entgegen, Jogger mit und ohne Hund und solche mit und ohne Hemd, Nordic Walker und andere Radler. Es kann ganz schön eng werden auf dem Ruhrtal-Radweg. So wie es wohl früher eng werden konnte auf der Ruhr, als sie noch als Transportweg diente für Salz, Getreide und vor allem für Kohle.

Eng wird es gerade auch an der Schleuse beim denkmalgeschützten Wasserkraftwerk Horster Mühle, der früheren Karbidfabrik Vogelsang. Eine Jugendgruppe überwindet kreischend mit Kanus die Bootrutsche. Holger Lippeck hat Mühe, gehört zu werden. Doch was er erzählt, ist spannend: Dass das Blau aus der Blaufärbemühle einst dazu genutzt wurde, die Sklavenkittel in North Carolina zu färben. Dass der Unternehmer Wilhelm Vogelsang, der das Fabrikgelände und die gleichnamige weiße Villa am anderen Ufer ersteigert hatte, sich nicht dem sogenannten Carbidsyndikat anschließen wollte und deshalb 1932 die Fabrik stilllegen musste. Dass ein Bauunternehmer 1985 die ganze Anlage zum symbolischen Preis von einer D-Mark erwarb und Millionen investierte. Und dass das Kraftwerk seit 1989 wieder Strom liefert.

Viel "Einzigartiges" im Eisenbahnmuseum

Es gibt viele solcher Geschichten entlang der Ruhr, an der sich Fabriken und Hochöfen aneinander reihten wie am Rhein die Burgen. Auch im Eisenbahnmuseum von Bochum-Dahlhausen, das wir nach einer kühlen Fahrt durch einen dunklen Tunnel erreichen, spielen Kohlebau und Stahlindustrie eine wichtige Rolle. Der Historiker Marc Grollmann, blond und bärtig, sprudelt geradezu vor Begeisterung, als er uns seine Schätze im größten privaten Eisenbahnmuseum Deutschlands zeigt.

Das Adjektiv „einzigartig“ fällt fast bei jeder Lokomotive, die Grollmann so zärtlich betrachtet, als wäre es seine Allerliebste. Wir bewundern denn auch gehörig die Petroleumlok („ein Allesfresser“) und die Lokomotive von 1918 („unser ganzer Stolz“), den Schienenstraßenbus, der letztlich an der Realität gescheitert ist, und das „Schweineschnäuzchen“, den Wismarer Schienenbus. Am Ende scheint der Mann, der sich auf Technikgeschichte spezialisiert hat, zufrieden, obwohl er uns gerne noch viel mehr gezeigt hätte.

2018 schließen die letzten Zechen

Aber wir wollen ja noch weiter, vorbei am Museum Henrichshütte bis nach Hattingen. Drei „Eisenmänner“ empfangen uns vor der alten Stadtmauer. Die Skulptur des polnischen Künstlers Zbigniew Fraczkiewicz aus dem Jahr 1996 soll den „Kampf um den Stahlstandort Hattingen“ symbolisieren, erklärt Holger Lippeck. 1987 schon war dieser Kampf verloren: Mit dem letzten Abstich im Dezember endete Hattingens Geschichte von Stahl und Eisen. Hinter der Stadtmauer und rund um die Pfarrkirche mit dem schiefen Turm erwartet uns ein Bilderbuchstädtchen aus Fachwerkhäusern mit engen Gassen und kleinen Plätzen, auf denen wir gerne verweilen würden. Doch die Zeit drängt, es reicht gerade noch für einen kleinen Bummel zum auffallenden Bügeleisenhaus, heute Museum, und zum Alten Rathaus.

35 Kilometer haben wir hinter uns. Und dank Holger Lippeck wissen wir jetzt, dass Ruhrpott und Natur sich nicht ausschließen. Das Ruhrgebiet, nicht erst seit dem Kulturhauptstadtjahr im Wandel, hat sich vom hässlichen Entlein zum Schwan gemausert. Das ist auch gut so. Denn 2018 werden auch die letzten zwei Zechen schließen. „Dann ist’s vorbei mit der Kohle“, sagt Holger Lippeck und schaut dabei ganz zuversichtlich aus.