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Mit Artor im Märchenwald

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Foto: MSG

Auf dem Pferderücken entlang der alten Säumerpfade durch den Nationalpark Hohe Tauern.

Sie hießen Samer oder Säumer, waren Fußgänger mit Lastpferden und galten im Mittelalter als die Spediteure der Alpen. Noch bis ins 19. Jahrhundert zogen sie mit ihren Pferden über schmale Pfade, steile Pässe und enge Schluchten, um aus Italien Öl, Wein, Käse und Salz zu holen. Sie transportierten bis zu 150 Kilo auf ihren Pferden über die Berge und versorgten jene, zu denen keine Straßen oder Flüsse führten. Und heute? Fast vergessen, aber nicht im Mölltal.

Hier wird die Abenteuerlust geweckt. Im Schlosshotel ist wieder der „Geist” der Säumer eingekehrt. Dafür sorgt Anton Sauper. Der Schlosswirt und Wanderrittführer hat die alten Traditionen wiederbelebt und zieht mit seinen Haflingern über die alten Pfade. Das Beste: Jeder kann mitreiten. Vorausgesetzt, er hat keine Höhenangst.

Toni ruft : „Aufi geht’s” – das ist Österreichisch für „nach oben”, „obi” sagt man, wenn es wieder runter geht. Ich bekomme Artor. Mein blondes Alpenpferd soll seine Vorzüge ausspielen. „Es ist trittsicher und bewegungsfreudig”, verspricht Toni.

Jetzt geht es erst mal bergauf. Durch Kuhherden und dichte Nadelwälder, die Landschaft gleicht einem Märchenwald. Das Moos ist grün, der Himmel blauer als in jedem Reiseprospekt, die Luft hat fast Geschmack. Toni erzählt, dass man hier Teile von „Sieben Jahre Tibet” mit Brad Pitt gedreht hat, weil’s hier ein bisschen so aussieht wie da. Nach etwa zweieinhalb Stunden kommen wir an die andere Seite des Gradentals, vor uns liegt das Gradenmoos. Ein Weg schlängelt sich durch eine gelb-grüne Fläche, die umgeben ist von etwa 20, vielleicht auch 30 Dreitausendern, der so genannten Schobergruppe, von der Sonne angestrahlt. Inge springt mit ihrem Wallach und Toni mit seinem Niki über einen Baum, der halb schräg über dem schmalen Weg hängt. Wir wollen wissen, wie weit es noch ist. „Nicht mehr so weit wie am Anfang”, sagt Toni.

„Macnhmal denke ich: Ich komm hier nie mehr runter“

Wir reiten weiter, an einem kleinen Bach entlang. Weil es jetzt flach ist, fällt den Haflingern das Laufen ganz leicht. Wir können das, was wir sehen und hören, auch mal auf uns wirken lassen: die Grüntöne des Mooses, das Rauschen der Wasserfälle, das Pfeifen der unsichtbaren Gemsen und die raue, unwirkliche Berglandschaft um uns herum. Mit dem Genießen hat es allerdings bald ein Ende, denn plötzlich wird der Weg gnadenlos.

Bergauf kraxeln ist vor allem Quälerei. Für jeden und ohne Ausnahme. Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Jeder Schritt des Pferdes verlangt willentlichen Druck durch Waden und Schenkel. Nach ein paar Stunden drücken die Muskeln von alleine. Wenn man nicht mehr ans Treten denkt, dann hat man es geschafft. Plötzlich machen Schmerzen Freude, und die sachten Schmerzen euphorisieren.

Es biegt sich eine Kurve nach der anderen, es wird höher und steiler und hört einfach nicht mehr auf. Toni sagt so wenig Hilfreiches wie: „Immer nur nach vorn schauen und die Pferde laufen lassen.” Ich könnte heulen und glaube, den anderen aus der Gruppe geht es genauso. Warum sind wir hier? Wer hat von uns verlangt, da hochzukraxeln? Doch dann ist alles vergessen. Hinter der Steilstufe liegt ein Bergsee, dessen Farbe locker mit der Südsee mithalten kann. An seinem Rand wächst Wollgras, Blumen mit Millionen von kleinen weißen Blüten. Die Sonne scheint, und im Hintergrund sieht man die Nossberger Hütte.

Je höher man kommt, desto karger wird die Natur. Bis schließlich nur noch Fels und Flechten bleiben, bis ein Schneefeld überquert wird und auf der anderen Seite Italien ist. So müssen sich die Säumer gefühlt haben. An manchen Stellen scheuerten sich die Karrenspuren tief in den Fels. Weiter geht es in der kalten Stille Schritt um Schritt nach oben, die Murmeltiere verschwinden, eine Dohle krakeelt, und Wolken schieben sich vor die Sonne.

Nadelspitze Zypressen kitzeln den Himmel. Wir können den Keeskopf sehen, weit weg. „Heute haben wir den Berg für uns”, ruft Toni. Wir vertrauen unseren Pferden, obwohl es immer steiler und vor allem felsiger wird. Es gibt kaum noch Pflanzen, nur noch nackten Stein, rein vegetationsmäßig wandern wir mit den blondmähnigen Füchsen von der Taiga durch die Tundra bis nach Grönland. Der Nebel kriecht uns hinterher, und eine Zeit lang sieht es so aus, als müssten wir ganz ohne Sicht weiterwandern, aber irgendwann bleibt er zurück. Entweder ist der Nebel nachsichtig, oder die Pferde sind einfach schneller.

Uns fehlen noch 281 Höhenmeter bis zum Gipfel. Doch irgendwann kommen Zweifel, der Hintern schmerzt, im Knie sticht es. Ein Pass und noch ein zweiter, auf der Karte nur zwei Fingerbreit mit enggestaffelten Höhenlinien. Was, wenn Toni sich vertan hat? Wir klettern mit unseren Haflingern zwischen ein paar Felsbrocken durch, und plötzlich ruft Toni: „Wir sind oben!” Um uns herum ist nichts. Nur klare Luft und die anderen Berggipfel. Nichts zum Festhalten, nichts zum Anlehnen, keine Straße, die auf der anderen Seite runtergeht.

Wenn wir gedacht hatten, das Schlimmste sei vorbei, haben wir uns getäuscht. Rauf ist anstrengend, abwärtsreiten ist die Hölle. Manchmal denke ich: „Ich komm hier nie mehr runter.” – „Natürlich”, sagt Toni, „das schaffst du genauso, wie du hochgekommen bist.” Die Haflinger sind wahre Profis und kennen ihr Gelände. Keine noch so enge Serpentine ist ihnen zu schmal, kein noch so steiler Abhang ist ihnen zu abschüssig. Und wenn es zu alpin wird, steigen wir einfach ab und lassen die Pferde allein gehen. Sie meistern die Kletterpassagen oft besser als wir Reiter, die ungelenk hinter ihnen hertapsen. „Wir haben unsere Pferde ausschließlich für diese Trails trainiert”, sagt Toni. Irgendwie sind wir dann plötzlich wieder auf 2700 Metern. In der Schoberger Hütte werden wir von Anni, der Wirtin, empfangen.

Nach einem letzten Blick auf den Keeskopf steigen wir ins Tal hinunter. Die Pferde werden langsam hungrig und müde. Ich will endlich mal wieder was anderes sehen als nur Berge. Als es schon dunkel wird, erreichen wir Tonis Hotel. Ich steige ab, streichele Artor und blicke hinauf zum Großglockner. Er ist schneebedeckt und gewaltig und sieht unbezwingbar aus.