Marseille drei Jahre nach der Kulturhauptstadt

Helge Sobik
Marseille ist wie eh und je. Nur mit ein bisschen mehr Farbe.
Marseille ist wie eh und je. Nur mit ein bisschen mehr Farbe.
Foto: Christian Guy
Marseille ist herb, wirkt abweisend – dadurch, dass diese Stadt so unentschlossen scheint. Das hat sich auch nach dem Kulturhauptstadtjahr nicht.

Marseille. Es ist keine Stadt, die einen auf Anhieb willkommen heißt. Keine, die sofort eine Wärme ausstrahlt, kaum dass man zwischen ihren Häuserschluchten unterwegs ist. Keine, die einen anlacht, umarmt und die man ab sofort selber nicht mehr loslassen will. Mediterran ist sie nur am alten Hafen, französisch überall ein bisschen, afrikanisch und arabisch vielerorts.

Marseille ist herb, wirkt abweisend – dadurch, dass diese Stadt so unentschlossen scheint: irgendwie zwischen allen Stühlen. Mit Fassaden wie am Champs-Élysées in Paris, von denen mancher noch immer die frische Farbe fehlt. Mit Märkten zwischen jenen nackten Prachtbauten, deren Waren auf dem Fußweg oder der Straße ausgebreitet sind wie in Afrika: Gemüse auf ­Plastikplanen, Kleidung in Folie direkt aus dem Pappkarton. Marseille fehlt ­jede Lieblichkeit, Marseille ist geschäftig, laut, temporeich.

Wo sie führen,da lächeln sie

Marseille ist kriminell – nicht mehr als anderswo, was Taschendiebstahl und Rempeleien angeht, aber sehr, was das organisierte Verbrechen angeht. Eine Zeit lang war es ruhiger geworden, doch dann erschossen sich die Gangster wieder gegenseitig von fahrenden Motorrädern aus und konterkarierten die ersten Schlagzeilen vom neuen, vom friedlichen Marseille, aus dem alles ­Böse rechtzeitig zum Jahr als Europäische Kulturhauptstadt herausrenoviert sein sollte. Das war 2013. Es ist Geschichte und Marseille ist wie eh und je. Nur mit ein bisschen mehr Farbe.

Da ist es schön, dass es solche Leute wie Ann-Claude gibt, die ihren Nach­namen nicht nennt, Ende 30 ist und für diese Stadt zusammen mit ein paar ­Dutzend Gleichgesinnten das Lächeln über­nommen hat. Es sind Leute, die Fremde an diesen Moloch heranführen und ihnen den weichen Kern hinter der rauen Schale zeigen. Es sind Menschen, die Berührungsängste mit dieser Stadt nehmen wollen. Nirgendwo passt ihre Idee besser hin als hierher: Sie ­nennen sich „Marseille Greeter“, weil die französische Version jener „Begrüßer“ viel zu kompliziert auszusprechen wäre und weil es das, was sie tun, schon in anderen Städten gibt und all das vor zwei Jahrzehnten in New York seinen Anfang nahm.

Ihre selbst gestellte Aufgabe ist es, Fremden auf zweistündigen Spazier­gängen durch ihr Lieblingsviertel ihre jeweilige Heimatstadt nahezubringen. Dabei gilt: Die Führungen kosten nichts, und die Greeter arbeiten nicht nur ehrenamtlich, sie müssen für ihr Tun sogar eine – wenn auch geringe – Jahresgebühr an ihre hiesige Dach­organisation Marseille Provence Greeter zahlen. 60 Freiwillige aus den unterschiedlichsten Berufen sind dabei, führen ganz nach Wahl durch die hauptsächlich von Nord- und Westafrikanern bewohnten Banlieues, die Problemvororte mit ihren hässlichen Hochhauskomplexen. Oder durchs Zentrum, durch das ehemalige Schmugglerviertel Panier am alten Hafen oder durch den Szene-Stadtteil mit dem Cours Julien in der Mitte. Und wo sie führen, dort lächeln sie. Denn wer dabei ist, macht diese Aufgabe mit Begeisterung, und das mindestens ein-, im Schnitt zweimal im Monat.

Viel Wandel aus Eigeninitiative

Auf diese Weise wird jede Führung erst für denjenigen ins Leben gerufen, der anfragt. Er kann mitbringen, wen er will, sofern er dies seinen Greeter vorher hat wissen lassen. Aber die Greeter-Organi­sation selber verschiebt keine weiteren Gäste in eine Gruppe. Manchmal führt Ann-Claude deshalb sogar nur Einzelpersonen, manchmal auch Paare oder Familien, ab und zu eine kleine Gruppe aus Freunden, die gemeinsam angefragt haben.

Und wenn Ann-Claude zum Zug kommt, dann geht es immer ins Panier und zum Cours Julien – weil sie zeigen will, wie lebendig diese Stadt ist. Noch vor zehn Jahren galt das Panier als Ecke, die man meiden sollte: zu viele Ganoven, viel zu viel Kleinkriminalität, viele Schmuggler allenthalben in den kleinen und oft engen Gassen oberhalb des alten Hafens.

Inzwischen hat nicht nur die Stadt viel ­getan, die Lebensqualität in dem Viertel zu verbessern. Vieles geschah auch aus Eigeninitiative der Bewohner. Das ­Panier hat sein Gesicht gewandelt, und inzwischen haben dort etliche kleine Geschäfte neu aufgemacht, originelle Boutiquen, schräge Läden, sogar einige Pensionen und Cafés.

Der Wandel hat nicht nur Vorteile

Die Menschen gehen nun gerne ins Panier, die aus Marseille und auch die von anderswo. Aber: „Der Wandel hat nicht nur Vorteile“, erzählt Ann-Claude: „Die Mieten, die nur knapp über null lagen, sind inzwischen gewaltig gestiegen. Und Menschen, die hier ihr halbes Leben verbracht haben, sind weggezogen, andere eingezogen.“ Auch Speku­lanten haben nach dem Viertel gegriffen. Gerade erst ist am Rande des Panier ein Luxushotel entstanden.

Warum Ann-Claude solche Führungen als Greeter macht? Sie lacht: „Weil ich mir Jahreszahlen nicht merken kann und deshalb für herkömmliche Führungen gänzlich ungeeignet bin. Ich habe aber eine Erin­nerung für Gefühle. Und hier zeige ich das Gefühl meines Viertels. Das liegt mir, daran habe ich Freude.“ Sie umarmt kurz die Kellnerin ihres Lieblingscafés, läuft in den Laden an der Straßenecke, um der Verkäuferin Hallo zu sagen, winkt ihre Gruppe zu sich, stellt die Besucher vor. Was alle dabei spüren: Dass dieses schroffe Marseille Herz haben muss. Weil die Menschen es haben.

Und zwei Stunden später fühlt sich diese Stadt ganz anders an. Plötzlich ist eine düs­tere Straße nicht mehr dunkel, sondern Heimat der Anwohner. Enorm laute Musik ist nicht mehr etwas, worum man einen Bogen macht, weil man nicht weiß, wie die Menschen drauf sind, die so wenig Rücksicht auf die Nachbarn zu nehmen scheinen. Sie ist plötzlich der Lebensrhythmus dieser Stadt. Und auch ein afrikanischer Markt ist nichts seltsam Fremdes in Südfrankreich mehr, sondern er gehört plötzlich hierher. Die herbe, abweisende Großstadt hat eine Seele bekommen. Im Vorbeigehen. Weil jemand zum Hingucken angeleitet und das mit Herzblut getan hat.

Ist Marseille dennoch so etwas wie die Schattenseite der Côte d’Azur? Ihr Anfang oder vielleicht ihr Ende? Marseille ist gänzlich anders, aber im Schatten steht diese Stadt deshalb nicht. Wo hört die Côte d’Azur eigentlich auf, und wo beginnt sie? Und gehört Marseille überhaupt noch dazu? Darüber herrscht Uneinigkeit. Und die Antworten auf diese Frage reichen vom entschiedenen „Selbstverständlich!“ bis zum empörten „Natürlich nicht!“ – dazwischen gibt es nur wenig. Was Ann-Claude dazu sagt: „Ist es nicht egal?“