Lawinengefahr auch in Skigebieten nicht zu unterschätzen

Auch bei strahlend blauem Himmel können sich im Winter gefährliche Lawinen lösen.
Auch bei strahlend blauem Himmel können sich im Winter gefährliche Lawinen lösen.
Immer wieder werden Skifahrer auf der Piste von Lawinen überrascht. Um das Risiko gering zu halten, werden vielerorts Sprengungen durchgeführt.

Essen.. Zwei Nachwuchs-Skirennläufer aus den USA starben Anfang des Jahres bei einem Lawinenunglück. Seitdem gab es in Vorarlberg in Österreich und im Schweizer Kanton Wallis weitere Todesopfer – ein Skifahrer verunglückte in Tirol und überlebte wie durch ein Wunder. Es sind nur einige Beispiele, die aber zeigen: Die Lawinengefahr ist ein ständiger Begleiter im Skiurlaub. Ein Gespräch mit Alfred Spötzl, Betriebsleiter Nebelhornbahn in den Allgäuer Alpen, über die richtigen Vorsichtsmaßnahmen, den Umgang mit Sprengstoff und Wettervorhersagen.

Herr Spötzl, wie oft schauen Sie eigentlich am Tag den Wetterbericht?

Alfred Spötzl: Das hängt natürlich auch ein wenig davon ab, wie stabil die Wetterlage ist. Bei Verhältnissen wie derzeit, wenn es sehr stürmisch ist, dann sicher bis zu 20 Mal am Tag. Lawinenlagebericht, Wetter, Windtendenzen, all so was.

Woran erkennen Sie denn, ob Lawinengefahr besteht?

Spötzl: Das hängt von extrem vielen Faktoren ab.

Eine Rolle dürfte das Wetter spielen.

Spötzl: Genau. Auch wenn kein Schnee gefallen ist, gibt es bei starkem Wind, wie wir ihn zuletzt hatten, sehr große Verfrachtungen. Der Schnee liegt dann einfach woanders. Dadurch entsteht lokale Lawinengefahr, auch an Hängen, wo es eigentlich nie gefährlich ist. Man kann sagen: Der Wind ist der Baumeister der Lawinen. Ein ganz wichtiges Thema sind auch die Temperaturen: Wenn es wärmer werden soll am nächsten Tag, droht der Schnee seine Festigkeit zu verlieren.

Wie steht’s denn um den eigentlichen Schnee?

Spötzl: Es ist ein zweiter Punkt. Natürlich sagt die Schneebeschaffenheit, die Konsistenz, etwas über das Gefahrenpotenzial aus. Aber viel wichtiger noch ist der Schneedeckenaufbau.

Das müssen Sie erklären.

Spötzl: Es können Gleitschichten entstehen, auf denen Neuschnee, der darauf fällt, abrutschen kann. Diese Gleitschichten entstehen, wenn es geregnet hat und sich Eis bildet. Oder Raureif bei einer klaren Nacht. Das beobachten wir permanent.

Arbeiten Sie anhand der Wetterdaten, oder ist so was auch mit bloßem Auge zu erkennen?

Spötzl: Wetterdaten sind gut, überall stehen Messstationen, die Angaben zum Wind, zur Luft- und Schneetemperatur liefern. Daraus kann man Rückschlüsse über den Schneedeckenaufbau ziehen. Aber natürlich gehen wir mit der Schaufel raus und erstellen selbst Schneeprofile. Dann sehen Sie diese Schichten sofort.

Was passiert konkret, wenn Ihr Team auf einem Hang Lawinengefahr ausgemacht hat?

Spötzl: Die Lawinenkommission beurteilt tagtäglich die Lage an den Hängen, die für die geöffneten Pisten und Wege von Belang sind. Besteht Lawinengefahr, wird der Gemeinde Meldung gemacht. Die Lawinenkommission empfiehlt und die Gemeinde sperrt dann Piste und Wege. Wir von der Bergbahn setzen diese Sperrung dann in die Tat um und versuchen anschließend, die Lawine künstlich auszulösen.

Mit Sprengstoff.

Spötzl: Das ist eine Möglichkeit. Dann wird ganz klassisch in den Lawinenhang eine Sprengladung gesteckt. Das geht zu Fuß…

…begeben Sie sich dann nicht in Lebensgefahr?

Spötzl: Nein, nein. Diese Arbeit geht nur im Team. Und wir alle sichern uns ab, wenn wir draußen am Berg sind. Man entwickelt ja auch eine gewisse Routine, man weiß, wo die Grenzen sind. Es ist ein harter Job, erst recht wenn es so stürmisch ist wie zuletzt. Das geht an die Substanz. Aber unsere Sicherheit steht ganz oben an. Es ist wie bei einer Bergtour: Man braucht einen guten Seilpartner.

Die andere Möglichkeit...

Spötzl:...ist ein relativ neues Verfahren, Gasex, wobei das auch nicht mehr so neu ist: Das ist ein Gas-Sauerstoff-Gemisch, das in einem Rohr zur Explosion gebracht wird. Dadurch entsteht eine Druckwelle, die dann wiederum die Lawine auslöst. Das ist ganz praktisch, weil an den Hängen, die besonders häufig betroffen sind, diese Rohre fest installiert sind. Und man kann die Explosion vom Büro aus zünden. Das tun wir durchaus auch präventiv, weil der Schnee, den wir heute im Tal haben, uns morgen keine Sorgen mehr macht.

Wie oft sprengen Sie denn in einer Wintersaison im Schnitt?

Spötzl: Das hängt vom Winter ab. Bei einem strengen Winter sind es aber sicher 200 bis 300 Sprengungen.

Das ist viel. Skiurlauber bekommen das aber nicht mit.

Spötzl: Nein. Wir sprengen sehr früh am Morgen. Oder bei Wetterverhältnissen, bei denen der Gast sowieso lieber in die Sauna geht.

Wie verhalten sich die Winterurlauber richtig?

Spötzl: Wichtig ist zu allererst, dass man auf den geöffneten Pisten bleibt. Die sind sicher. Aber: Eine geöffnete Piste bedeutet eben nicht, dass es zehn Meter daneben auch noch sicher ist. Das ist ein ganz großer Trugschluss. Die Pisten werden von der Lawinenkommission beurteilt, nicht aber der freie Skiraum außerhalb. Wenn man die geöffnete Piste verlässt, ist die Situation zehn Meter daneben dieselbe wie zehn Kilometer daneben.

Wie oft mussten Sie es erleben, dass jemand verschüttet wurde?

Spötzl: Zu meiner Zeit hier am Nebelhorn Gott sei Dank nicht ein Mal. Auf den Pisten sowieso nicht, aber auch nicht abseits. Die letzten Vorfälle sind mindestens 25 Jahre her. Aber in den Allgäuer Alpen insgesamt kommt das jedes Jahr leider vor.

Wie wird denn der Winter in dieser Saison noch?

Spötzl: Das wäre toll, wenn man das wüsste. Aber man kann wirklich nur sagen, wie der Winter war. Nie, wie er sein wird. Prognosen lassen sich für vielleicht fünf Tage anstellen, der Rest ist Spekulation und das habe ich mir abgewöhnt. Bislang war der Winter geprägt von Kapriolen: Zu warm, dann viel Schnee, jetzt der Sturm.

Alle reden vom Klimawandel. Sie auch? Sind die Berge gefährlicher geworden?

Spötzl: Ich glaube nicht. Der schlimmste Sturm, den ich erleben musste, ist 15 Jahre her. Vor drei Jahren hatten wir einen fantastischen Winter. Jetzt haben wir zwei Jahre, die etwas mager angegangen sind. Gleichzeitig gab es in Südtirol sehr viel Schnee. Ich denke, es ist alles nur Wetter, auch wenn ich es nicht beurteilen mag. Die Kapriolen habe ich alle schon mitgemacht, das ist viele Jahre her. Die Natur sagt nach drei kalten Wintern eben: ,Jetzt mache ich mal drei warme’.

Haben Sie im Winter auch mal ein Wochenende?

Spötzl: Das ist nicht planbar und im Kopf ist man nie frei. Am ehesten mal durchschnaufen kann man, wenn Hochbetrieb auf den Pisten ist. Das bedeutet nämlich, dass alles läuft. Dass alles in Ordnung ist.

Und im Sommer sind Sie dann im Urlaub.

Spötzl: Die freien Tage kann man sich tatsächlich eigentlich nur in der warmen Jahreszeit nehmen. Aber der Sommer ist die Zeit, in der neue Anlagen für den Winter geplant oder auch gebaut werden. Zudem haben wir genauso viele Gäste wie im Winter, hier gibt es einen starken Wandertourismus. Es ist also immer was zu tun.

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