Lange Schnitzertradition in Erbach im Odenwald

Mit dem internationalen Handelsverbot für Elfenbein war auch das Ende des klassischen Handwerks in Erbach besiegelt. Seither wird mit Ersatzmaterialien gearbeitet.
Mit dem internationalen Handelsverbot für Elfenbein war auch das Ende des klassischen Handwerks in Erbach besiegelt. Seither wird mit Ersatzmaterialien gearbeitet.
Foto: Stephen Morrison
Der Handel mit Elfenbein aus Elefantenzähnen ist seit rund 30 Jahren verboten. Elfenbeinschnitzer weichen auf älteres Material aus: Mammut.

Erbach. Es ist filigrane Handarbeit. Auf Bruchteile von Millimetern gearbeitete Kunstwerke. Das Werkzeug ähnelt dem eines Zahntechnikers und der Werkstoff ist auch ein Zahn: Elfenbein. In der kleinen, beschaulichen Kreisstadt Erbach im Odenwald sitzt Dominik Schott an seiner Werkbank und restauriert eine kleine Jesus-Statue. Ein Arm, ein Stück vom Fuß und winzige Teile der Dornenkrone müssen überarbeitet werden. Der 37-jährige Geselle arbeitet in der Mammut-Werkstatt und Elfenbeinschnitzerei seines Vaters Jürgen Schott - Meister seines Faches und Inhaber eines der letzten Elfenbeinschnitzerei-Betriebe in Deutschland.

Elfenbeinstadt Erbach

Das rund 13 500 Einwohner zählende Erbach, das sich selber Elfenbeinstadt nennt, war einst ein Zentrum des filigranen Handwerks in Deutschland. Auch heute noch gibt es in der Kleinstadt und der Odenwald-Region Zeugnisse dieser Tradition, neben der Werkstatt von Jürgen Schott mit Verkaufsladen gibt es im Erbacher Schloss ein Elfenbeinmuseum mit Kunstschnitzereien. Im benachbarten Michelstadt ist nach Angaben von Rainer Bücking vom Deutschen Elfenbeinverband im bayerischen Altötting die deutschlandweit letzte Schule, die noch heute Elfenbeinschnitzer ausbildet. „Die Absolventen nehmen das aber als Trittbrett.“ Viele würden weitergehende Ausbildungen zum Beispiel in Richtung Design machen.

Auch der Werkstoff hat sich geändert. Der durch das Artenschutzübereinkommen seit rund 30 Jahren verbotene Import von Elefantenelfenbein zwang Schnitzer zum Umdenken. Jürgen Schott arbeitet mit Mammutelfenbein. Sein Material kommt aus Russland, wo der Klimawandel in der sommerlichen Tau-Phase in Sibirien die mächtigen Zähne des Elefanten-Urahns in den Permafrostböden freilegt. „Der Mammut ist eine ausgestorbene Art, der unterliegt nicht dem Artenschutz.“

Mammut-Elfenbein aus Russland

Nach dem Schutz der Elefanten und dem Importverbot für Elfenbein Ende der 1980er Jahre sei er nach Russland geflogen und habe dort eine Tonne Fragmente von Mammut-Stoßzähnen geordert. Kostenpunkt damals: Zwischen 350 000 und 380 000 Mark. „In den letzten 30 Jahren sind auch die Russen westlicher geworden und damit auch die Preise“, sagt der 60 Jahre alte Schnitzer-Meister.

„Wir verarbeiten Elefantenelfenbein nur noch für Restaurationen und Sonderanfertigungen“, erzählt Schott, der sein Geschäft zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen betreibt. Das seien genau dokumentierte Altbestände aus der Zeit vor dem Artenschutzübereinkommen. Ein Schwindel sei nicht möglich. Ob 10 000 Jahre altes Mammut oder Elefant, das Elfenbein lasse sich unterscheiden. Mammut habe spezielle Einfärbungen und wie bei Holz eine spezielle Maserung. Zudem sei der Zahnschmelz dicker als beim Elefanten. „Man kann Elefantenelfenbein nicht als Mammut deklarieren.“

Heute sei sein Betrieb die letzte Meisterwerkstatt in Erbach. Dazu gebe es noch einige Designer. Sein Vater, der die Werkstatt 1949 gründete, habe noch 50 Angestellte gehabt. „Früher gab es in Erbach in jeder Straße ein Geschäft.“ Bücking zufolge gab es um 1900 Hunderte Elfenbeinschnitzereien in ganz Deutschland. Heute sind es noch ein knappes Dutzend. „Erbach hat eine große Elfenbein-Tradition.“ Dort sei die Produktion von Schnitzereien mehr oder minder industrialisiert worden.

Elfenbein-Museum im Erbacher Schloss

Von der Tradition erzählt auch das Elfenbein-Museum im Erbacher Schloss. In mehren Räumen sind in beleuchteten Glasvitrinen rund 400 Exponate aus Elfenbein ausgestellt - darunter Erbacher Rosen und Jagdbroschen, mit denen die Stadt bekannt wurde. Im 18. Jahrhundert seien die Schnitzereien eher etwas für betuchte Sammler gewesen, sagt die wissenschaftliche Leiterin des Museums, Edda Behringer. Im folgenden Jahrhundert seien dann mehr Alltagsgegenstände für das betuchte Großbürgertum gefertigt worden. „Das war eine Prestigefrage.“ In der „Schatzkammer“ des Museums sind zahlreiche dieser Arbeiten zu sehen: Hirsche, Büffel, Brieföffner, Fächer, Haarspangen oder auch eine aus einem Stück gefertigte Pferdebrücke mit rennenden Tieren.

Die Elfenbeinverarbeitung brachte Graf Franz I. zu Erbach-Erbach (1754-1823) in die beschauliche Stadt. „Als er es einführte, war es eigentlich schon ein Auslaufmodell“, sagt Behringer. Damals sei eher Porzellan gefragt gewesen. Vermutlich aber habe der hochgebildete Adlige auf seinen Reisen das Handwerk selber erlernt und die Schnitzkunst als Wirtschaftsfaktor in den Odenwald gebracht. Auch Arbeiten des Grafen - Schnupftabakdosen - sind im Museum ausgestellt. Bei der Weltausstellung in Wien 1873 habe eine Erbacher Rose einen Preis bekommen. „Heute lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wo die ist“, sagt Behringer.

Mit dem internationalen Handelsverbot für Elfenbein war auch das Ende des klassischen Handwerks in Erbach besiegelt. Seither wird mit Ersatzmaterialien gearbeitet. Doch die waren auch schon vor dem Elfenbein Werkstoffe für Kunstgegenstände. Behringer: „Die Geschichte der Kunst des Menschen beginnt mit Mammut-Arbeiten vor 30 000 bis 40 000 Jahren.“ (dpa)

 
 

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