Kopenhagens neues Klima

Foto: WR

Mit Bahn und Metro in die futuristische Ørestad. Die dänische Hauptstadt erfindet sich neu

Wie bitte geht's zum Klimagipfel? In Kopenhagen, der Hauptstadt dänischer Gemütlichkeit, der allgegenwärtigen Radler und nun auch des Weltklimas, nimmt man die Metro. Nach zehn Minuten ist die Haltestelle Klimakonferenz erreicht, die Messehallen Bella Center. Man staunt nicht schlecht über die Umgebung, ob nun als Reisender, Klimabewegter oder Schönwetter-Politiker: Unweit vom barock-königlichen, klassizistisch-nüchternen, nordisch-backsteinigen Stadtjuwel erfindet sich Kopenhagen neu.

Skandinaviens größtes Kongresszentrum liegt in der Ørestad, einem Architekturstück, das auf der Insel Amager gerade aus dem Boden gestampft wird. Ein Stück Prärie zwischen Stadt, Meer, Öresundbrücke und Flughafen, das Kopenhagen in den nächsten 15, 20 Jahren kolonisieren will. Schienen wurden verlegt, bevor die ersten Siedler mit Designermobiliar in futuristische Urbanität zogen. „Wir haben aus den Fehlern beim Umbau der Londoner Docklands gelernt und zuerst die Verkehrs-Infrastruktur geschaffen”, zieht Architekt Bo Christiansen einen Vergleich. Bo führt „Architek-Touren” zu den spannendsten Neubauten. Los geht's am eleganten Innenstadtplatz, dem Kongens Nytorv, gerade frisch mit Kopfsteinpflaster auf hyggelig – gemütlich – getrimmt. Hier, wo ab 1839 Hans Christian Andersen wohnte und noch einiges wiedererkennen würde, steigt man in den Metroschacht wie in eine Zeitmaschine. Kaum ist Zeit, den hellen Underground zu würdigen, so zügig klappt der Vierminuten-Takt. Gerade hat man sich daran gewöhnt, dass kein Fahrer den Tunnelblick versperrt, schwebt die Metro plötzlich automatisch als Hochbahn auf Betonstelzen gen Süden. Nach fünf Minuten Fahrt kollidiert sie fast mit einem kobaltblauen Kubus von gut 40 Metern Höhe. Wie eine magnetisierte Kaaba des Malers Yves Klein zieht das neue Konzerthaus des Rundfunks den Zug an. Der Triebwagen rettet sich mit einer Kurve in die Haltestelle DR Byen.

Der Hochbahnhof ist eine tolle Aussichtsplattform für den neuen Medienkomplex. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel hat Kopenhagen ein blaues Wunder verpasst. Eine Kunststoff-Aussenhülle verbirgt ein Auditorium, das je nach Wetterlaune schemenhaft sichtbar ist. Ein Stück Himmel auf Erden also? Bo ist hin- und hergerissen. Er kennt das Gezeter, dass Kreativmensch Nouvel die Materialkosten einfach zu niedrig veranschlagt hat. Politiker und Radioleute blieben aber bis zuletzt blauäugig und der Rundfunk musste am Ende 150 Mitarbeiter und einige Programme dem Bauwerk opfern. „Talentlose Gesamtkontrolle”, urteilt Bo trocken über das Baumanagement.

Tagelang könnte Bo Besuchern die Ørestad vorstellen, dabei ist der 500 mal 5000 Meter große Campus erst zu gut einem Drittel fertig. Passend zum Klimagipfel hat gerade das Crowne Plaza Hotel in Ørestad eröffnet, das mit 2400 Quadratmeter Solarzellen ausgerüstet ist und höchste Klimastandards erfüllt. „Eigentlich sind wir konservativ und diskutieren lange rum, bevor wir etwas bauen”, verrät Bo dänische Debattenkultur. So hat die Sorge um das gemütliche Antlitz der Innenstadt schon manchen Baumeister ausgebremst. Sir Norman Foster etwa wollte der Stadt einen schlanken Hotelturm zwischen Tivoli-Vergnügungspark und Renaissance-Rathaus zaubern, Pläne und Modell waren fertig, da kippte die öffentliche Meinung den kalkulierten Stilbruch. Foster baute stattdessen den indischen Elefanten im Zoo ein neues Heim, natürlich glasbekuppelt wie sein Berliner Reichstag.

Zwei Metrostationen vom blauen Wunder der Konzerthalle entfernt liegen das Bella Center und die brilliante Visitenkarte des neuen dänischen Architektenstars Bjarke Ingels. Bjerget, auf deutsch: Berghaus, ist eine Symbiose aus Apartements und Parkhaus. 80 Wohnungen balancieren auf einer lichten Auto-Kathedrale, mit nach Süden abfallenden Dachterrassen unter einer Lawine aus 20 Efeuarten, die nacheinander blühen. Architektur-Alchemie nennt Ingels die Vermählung des Vorstadttraums von Haus plus Garten mit einem Penthouse-View in verdichteter Urbanität – frisch vom Welt-Architekturfestival als weltbestes Wohnhaus ausgezeichnet. Bjerget hat eine Lochblech-Verkleidung, deren Muster ein Foto des Mount Everest piktografisch umsetzt. Neudänisch und auch etwas holländisch (Ingels hat bei Großmeister Rem Kohlhaas gelernt): Über eine Stahltreppe besteigt man den Berg und blickt ungehindert in die Wohnungen der vis-à-vis liegenden Häuser, die von Ingels mitentworfen worden sind. Hinter Fensterfronten liegen Setzkästen dänischen Interieurs mit Accessoires wie Arne-Jacobsen-Stühlen und Poul-Henningsen-Lampen. Das Streben nach Transparenz und Selbstausstellung wird auf der Rückseite auf die Spitze getrieben: Dreieckige Glasbalkone ragen wie Kanzeln in die Landschaft.

Wie bitte, geht's nach Kopenhagen? Klimafair mit dem Nachtzug. Der kommt aus Deutschland morgens um zehn im Hauptbahnhof an. Gegenüber liegt der berühmte Tivoli, und der ist im Advent in ein gewaltiges, wenig energiebewusstes Glühbirnen-Lichtermeer getunkt, das demnächst allerdings aus Windkraft gespeist werden soll. Tivoli-Gemütlichkeit gehört zum alten Kopenhagen wie die Statue der Kleinen Meerjungfrau. Die allerdings wird ab April den dänischen Pavillion der Welt-Expo 2010 in Shanghai schmücken. Zusammen mit badetauglichem Kopenhagener Hafenwasser und 1500 Fahrrädern. Also doch bloß ein hyggelig-Image für China? Kaum, denn der Pavillion-Designer ist Bjarke Ingels.

 
 

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