Kochen wie vor 100 Jahren

Die Capachica-Halbinsel in Peru wird von vielen Touristen besucht.
Die Capachica-Halbinsel in Peru wird von vielen Touristen besucht.
Foto: Contzen
Auf der Capachica-Halbinsel können Touristen tief in das Leben der Peruaner eintauchen – ohne Folklore, aber mit viel Tradition. Mit dem Essen dauert es aber ein bisschen.

Lima..  Der Milchwagen, der an der Straße ins weizengelbe Nirgendwo hält, wirkt völlig fehl am Platz. Sonias Handy auch. Denn eigentlich lebt die 23-Jährige am Rand des Titicacasees wie vor 100 Jahren. In einer einfachen Lehmhütte stehen ein Bett und eine schlichte Holzbank, an der Wand hängt ein Jesus-Poster. Es gibt kein heißes Wasser, keinen Strom, keine Heizung. Und trotzdem ist Sonia Mamani eine kleine Berühmtheit auf der peruanischen Capachica-Halbinsel. Bis in die Hauptstadt Lima haben ihre Kochkünste sie schon gebracht. Ohne Folklore, aber mit viel Tradition will die junge Frau nun auch die Herzen der Touristen erobern.

Am frühen Morgen ist es kalt auf rund 3800 Metern Höhe. Doch Sonia trägt die typische Tracht der Quechua-Frauen von Capachica: Einen dicken, gelben Wollrock, eine bestickte Bluse, dazu den Hut mit zwei bunten Pompons. Die nackten Füße stecken in Sandalen. Die Aufregung ist der jungen Köchin anzumerken – noch nie haben Ausländer sie Zuhause besucht. Trotzdem oder gerade deshalb wird hier keine Show für Touristen geboten. Sonia ist echt. Genauso wie es ihre Liebe zur traditionellen peruanischen Küche ist.

Natürlich gibt es rund um den Titicacasee jede Menge Touristen-Restaurants, die frische Forelle als lokale Spezialität auf den Teller bringen. Die Peruaner selbst jedoch gönnen sich den Fisch eigentlich nur an besonderen Festen und Feiertagen. Sonia dagegen kocht, was die Einheimischen essen – bodenständige, hauptsächlich vegetarische Gerichte für ihre Familie, die Nachbarn, aber auch neugierige Touristen, die sich Zeit für kulinarisches Neuland nehmen.

„Slow Food“ im wahrsten Sinne des Wortes

„Es ist wichtig, die Tradition zu bewahren“, sagt Sonia mit einem schüchternen Lächeln. „So kann ich Touristen unsere Kultur näher bringen, ihnen zeigen: Das ist Peru.“ Abseits all der Pizzerien, der Burger-Läden und Starbucks-Filialen, die in den peruanischen Touristenzentren genauso erfolgreich wie austauschbar um Kundschaft buhlen, setzt Sonia auf „Slow Food“ im wahrsten Sinne des Wortes: Die Produkte sind frisch und lokal, ihre Zubereitung harte Arbeit.

Seit Sonia 15 ist, steht sie um sechs Uhr morgens in ihrer kleinen, fensterlosen Küche und knetet den frischen Brotteig. Das wettergegerbte Gesicht ihrer Mutter, die unablässig trockenen Dung und Papier in den schmalen Lehmofen schiebt, leuchtet im Feuerschein. Schon bald brennt der dichte Qualm in den Augen, das Geschirr türmt sich neben der Waschschüssel. Während Sonias Vater auf dem Feld einen Erdofen für die Kartoffeln baut, melken die Frauen die Kühe, um aus der Milch den Käse für das Mittagessen zu pressen.

Zutaten sind wichtig – und positives Denken

Wenn in der Gemeinde Feste veranstaltet werden, ist Sonia meist die erste Anlaufstelle. Nicht selten kocht sie für 200 Personen oder mehr, manchmal auch für Reisegruppen. Meist muss sie dann an andere Orte ausweichen, ihre Küche ist trotz ihres in landesweiten Kochwettbewerben erlangten Renommees von einer professionellen Restaurant-Ausstattung weit entfernt. Tütchen um Tütchen Mehl, Getreide und Gewürze holt Sonia aus dem spärlich bestückten Regal. An der Wand hängen zwei Messer, ein Sieb und ein halbes Dutzend Kochlöffel. Sonias Einstellung zum Kochen ist entsprechend bodenständig: „Natürlich sind die Zutaten wichtig“, sagt sie. „Und positives Denken.“

Obwohl die 23-Jährige Wert auf die traditionelle peruanische Küche ihrer Region legt, betritt sie mit eigenen Experimenten immer wieder Neuland: Die Algen aus dem See werden zu Eis, statt zu einer Suppe verarbeitet. Das Couscous-ähnliche Quinua kommt nicht in die heiße Hauptspeise, sondern in den Salat. Bekannte Restaurants in Lima haben die junge Köchin schon als kreative Ideengeberin eingeladen. Doch Sonias Traum ist ein eigenes Restaurant, auf dem Acker gleich hinter ihrer Küche, in dem sie nicht für, sondern mit den Touristen gemeinsam kocht.

„Früher haben mich die Leute für verrückt gehalten“, sagt Sonia. Heute kann sie darüber lachen. Stolz hält sie eine goldbestickte Schärpe in die Sonne: Zur „Seniorita Turismo“ gekürt durfte sie ihre Region schon bei Kochwettbewerben in Bolivien und Chile repräsentieren, sogar Radio und Fernsehen haben inzwischen bei ihr vorbeigeschaut.

Ein ungewöhnlicher Lebensweg

Doch Sonias Weg ist ein ungewöhnlicher. Innerhalb der ländlichen Bevölkerung Perus wird meist schon vor dem 20. Lebensjahr geheiratet, schnell kommen die ersten Kinder. Sonia selbst ist das jüngste von 13 Geschwisterkindern – und mit ihren 23 Jahren immer noch Single. „Alle Männer wollen mich heiraten, weil ich so gut kochen kann“, erzählt die junge Frau. Aber neben ihrer einen großen Leidenschaft bleibt nicht viel Zeit für anderes: Sonia reist durchs Land, um neue Rezeptideen zu sammeln, sie macht jeden Kochkurs mit, der ihr unter die Nase kommt, gibt selbst Workshops in Schulen.

Und so steht Sonia mit nur drei der über 3000 Sorten peruanischer Kartoffeln in der Schürze auf einer kleinen Wiese am Rand des Titicacasees irgendwie zwischen dem alten und dem neuen Peru. Zwischen Landwirtschaft und Tourismus, Emanzipation und Tradition.Auf dem Tisch duften verschiedene Huatia, Kartoffeln aus dem Erdofen, dazu gibt es einen dickflüssigen Dip aus Algen, selbstgemachten Kuhmilchkäse und einen Quinua-Salat – acht Stunden nachdem Sonia die erste Schüssel in die Hand genommen hat. Qualität braucht eben ihre Zeit, sagen die Gründer der „Slow Food“-Bewegung.

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