Kajakfahren und Yoga-Training in der Bay of Fundy in Kanada

Die Bay of Fundy: Sieben Autostunden ist dieses Naturparadies von der nächsten großen Stadt entfernt. Entsprechend gerne kommen Touristen im Sommer an die kanadische Atlantikküste, um beispielsweise mit Guy Quinn die Gezeitenströmung mitzuerleben.

Bay of Fundy. Guy Quinn trägt sein Kajak weit den steinigen Strand hinauf. "Das wird nötig sein", meint er. Wenig später zeigt er auf zwei helle Punkte, die sich auf einem Felsen befinden. Rund 75 Meter weiter, im eiskalten Wasser. "Auch diese beiden werden nach unserem Lunch nicht mehr da sein", sagt er bestimmt. Dann richtet Guy auf einem angeschwemmten Birkenstamm eine kleine Mahlzeit an: kaltgeräucherter Lachs, dazu Cracker, Gurken, Melone und schwarzen Tee.

Guy ist ein drahtiger Mann mit einem weißen Vollbart. Ein Typ Kanadier, wie es ihn in der Atlantikprovinz New Brunswick häufig gibt: Im Sommer paddelt er mit Touristen zu den unbewohnten Inseln, die sich vor Deer Island aus dem Meer erheben. Den Rest des Jahres unterrichtet er in Montreal Outdoor- und Umwelterziehung. Aktiv sein und im Einklang mit der Natur leben. Das ist es, was ihn treibt. "Geld und Besitz sind mir nicht so wichtig."

Gezeiten spielen den Tieren einen Streich

Die Mühlen der Zivilisation arbeiten in sicherem Abstand zu Deer Island. Das Eiland im äußersten Südosten des Landes ist nur mit einer Autofähre zu erreichen. Die nächste Stadt von einiger Bedeutung ist Boston, etwa sieben Stunden weiter südlich.

Plötzlich zeigt Guy in Richtung des besagten Felsens, wo eines der beiden Objekte zum Start ansetzt. Ein Weißkopfseeadler, der nasse Füße vermeiden möchte. Bald darauf gibt auch sein Geselle den Standort auf. Wieder einmal spielen die Gezeiten in der Bay of Fundy den stolzen Raubvögeln einen Streich. Aus dem geruhsamen Frühsommertag auf dem Privatfelsen wird nichts.

Auch der erste Kajakrumpf wird von den Fluten umspült, die nirgendwo auf der Welt so energiegeladen sind, wie in der Bucht zwischen New Brunswick und Nova Scotia: 17 Meter beträgt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut an einigen Orten. Ein Naturereignis, das zweimal am Tag bis weit hinein ins Festland tiefe Furchen hinterlässt. Wenn das Meerwasser dann wenige Stunden später zurückkehrt, entwickelt es solche Kräfte, dass es in der Hafenstadt Saint John eine Stromschnelle nicht nur aufhält, sondern regelrecht zurückdrängt. Als "reverse falls", einen umgedrehten Wasserfall, bezeichnen die Einheimischen das Phänomen.

Spiegelglattes Wasser

Höchste Zeit für die Weiterfahrt. Guy navigiert seine kleine Gruppe um eine Klippe herum. "Ein Wiesel", jauchzt Ron aus Calgary, als er einen pelzigen Vierbeiner sieht. Doch Guy winkt ab. Das Tier, das über einen Teppich aus Algen gehuscht ist, gehört zu einer begehrteren Spezies. Schließlich blicken wir gerade auf "Mink Island". Die Insel der Nerze.

Trotz der rasant einfallenden Flut bleibt das Wasser spiegelglatt. Ein paar neugierige Seehunde nähern sich den Booten. Sie wollen wissen, wer sich in ihrem Revier tummelt.

Zurück an Land, verspricht Joanne eine transzendentale Erweiterung des Naturerlebnisses. Schließlich nennt sich die Disziplin, die hier ausgeübt wird, "Kayoga". Joanne bittet die Wassersportler auf blaue Matten. Es gilt, den Körper von den Anstrengungen des Tages zu entlasten: Mit Strategien zur Dehnung bestimmter Körperteile, dann mit Konzentrationsübungen. Beschwerte sich Ron anfangs noch, dass er kein "Stretcher" sei, ist von seiner Matte nun ein leises Schnarchen zu vernehmen. Als er wieder aufwacht, sagt er: "Wow, sogar das Yoga war gut."

Vermittlung von Glücksgefühlen

Nur wenige Kilometer weiter südlich versucht sich auch Sarah McDonald an der Vermittlung von Glücksgefühlen. Die 34-Jährige Blondine ist Kapitän der "Elsie Menota". Das motorisierte Segelschiff ist im Hafen von "Grand Manan" beheimatet, der größten Insel in der Bay of Fundy. Seit zwölf Jahren sticht Sarah an jedem Sommertag in See, denn die Bucht gehört zu den bevorzugten Refugien für Wale. "Die Flut spült alle zwölf Stunden jede Menge Köstlichkeiten herein", sagt Sarah: Plankton, Makrelen und Heringe.

Nach rund zwei Stunden lassen sich tatsächlich zwei Minkewale blicken. Kurz darauf steigt eine stattliche Fontäne aus dem Wasser. Der Vorbote dafür, dass nun ein majestätischer Finnwal seine Flosse zeigen wird. Nur der eine Blauwal, der sich laut Sarah in der Buch tummelt, will sich nicht blicken lassen.

Auch Sandy Flagg lebt vom Temperament des Wassers. Der 52-Jährige verkauft "Dulse" in allen Variationen - Meeresalgen, die Kenner in Salaten verarbeiten oder in Suppen. Mit beträchtlichem Aufwand pflücken Sandys Gehilfen die Gewächse, wenn die Ebbe es gerade zulässt. In Paketen von bis zu 50 Pfund karren sie ihre Beute an Land, wo sie getrocknet wird. Wenn es das Wetter erlaubt. Das Resultat duftet angenehm nach geräuchertem Salzwasser. Kundin Beth Johnston verrät: "Für mich ist das so gut wie Schokolade."

Hummer in rauhen Mengen

Feinschmecker mit einer etwas konventionelleren Ausrichtung bevorzugen den Hummer, der in der Bucht in rauen Mengen vorkommt. In St. Andrews by the Sea gibt es kein Restaurant, das während der Saison nicht wenigstens ein Lobster-Sandwich im Angebot hätte. Der Ort ist nur durch eine schmale Wasserstraße vom US-Bundesstaat Maine getrennt - und er hätte das Potenzial, Kanadas einziges Seebad zu sein. Doch der bedenkenlosen Vergabe dieses Prädikats steht wiederum die Bay of Fundy im Wege: Durch die Gezeiten kann sich das Wasser nicht aufheizen. Nur selten wird der Atlantik wärmer als zehn Grad - obwohl sich der Ort auf einem Breitengrad mit Wien befindet.

Pastellfarbene Holzhäuser prägen das Erscheinungsbild von St. Andrews. Dahinter erhebt sich auf einem Hügel das trutzige Algonquin Hotel. Wohlhabende New Yorker wussten die Sommerfrische hier schon vor 100 Jahren zu schätzen. Bis heute laufen zahlreiche amerikanische Yachten in den Hafen ein. Je nach Wasserstand verschwinden ihre Masten hinter den Pier-Anlagen. Aber höchstens für ein paar Stunden. (dapd)

 
 

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