Jesu Leben frei zur Buchung

Foto: MSG

Im Januar startet der Vorverkauf für die Passionsspiele, die nur alle zehn Jahre stattfinden

Ich glaube, wir sind das Dorf mit den meisten Bürgerentscheiden in Bayern - und die meisten haben mit den Passionsspielen zu tun.” Spielleiter Christian Stückl lacht. Mit Querelen um die Aufführungzeit waren die Passionsfestspiele vor einigen Monaten in den Medien. Nun ist Ruhe eingekehrt. In friedlicher Eintracht planen die Verantwortlichen die nächste Festspielsaison im Jahr 2010.

Die wichtigste Neuerung im Programm ist die Verlegung des Bibelspiels in die Abendstunden. Mit der Premiere am 15. Mai 2010 beginnen die Passionsspiele nicht mehr um 9.30 Uhr, sondern erst um 14.30 Uhr. Gespielt wird dann zunächst bis 17 Uhr, und nach dreistündiger Pause geht's um 20 Uhr weiter bis 22.30 Uhr.

Um diese revolutionäre Abkehr von der Tradition hatte Stückl lange gekämpft. Erst der vorerst letzte Bürgerentscheid des Alpendorfes gab dem Spielleiter Recht: „Jetzt beginnen wir nachmittags”, freut er sich, „damit der Einzug in Jerusalem bei schönstem Sonnenlicht stattfindet. Und mit der Auferstehungsszene, die sowieso immer schwierig ist, habe ich nachts ganz andere Möglichkeiten als bisher.” Dabei verspricht Stückl allerdings auch, dass er die Pietät nicht mit einer überzogenen Lightshow stören wird. Für das Jahr 2010 hat Stückl erstmals das Vorschlagsrecht, wenn der Gemeinderat über die Besetzung der Hauptrollen abstimmt, und er will weiterhin stetig am Stück arbeiten.

Nicht nur Musik und Bühnenbild verändern sich mit der Reife des Regisseurs, auch die Figuren befinden sich im Wandel: „Vor 20 Jahren habe ich Jesus als Revolutionär dargestellt, heute interessiert mich viel mehr, mit welcher Konsequenz der Mann seinen Weg ging.” Außerdem will Stückl die Großszenen ausbauen: „Die kommen einfach gut an.”

Seit 1634 wird das Oberammergauer Passionsspiel - mit wenigen Lücken - alle zehn Jahre aufgeführt. Damit erfüllen die Oberammergauer ein Gelübde aus dem Jahr 1633. Sie hatten gelobt, regelmäßig ein Passionsspiel aufzuführen, wenn Gott fortan ihre Mitbürger vor der Pest bewahre.

Getragen wird die Darbietung ausschließlich von Laien aus Oberammergau. Wer mitwirken möchte, muss hier geboren sein oder seit mindestens 20 Jahren im Dorf leben. Ausnahmen gibt's nur bei Kindern, die alle mitspielen dürfen. Neben den großen Figuren Jesus, Petrus, Judas, Pontius Pilatus und Maria gibt es 120 größere und kleinere Sprechrollen, und schon jetzt, zweieinhalb Jahre vor den nächsten Passionsspielen, hat Christian Stückl keine Ruhe mehr: „Ich laufe ständig mit einem Castingblick herum und höre kaum mehr, was jemand sagt - nur noch, wie er es sagt.”

Da jeder Bürger Oberammergaus aufgrund des Gelübdes ein Mitspielrecht hat, kann Stückl nie einschätzen, wie viele Schauspieler er unterbringen muss. Bereits ab Februar 2009 werden alle mitwirkenden Männer, dem „Haar- und Barterlass” folgend, die Haare wachsen lassen, und im Oktober 2009 beginnen die Proben.

Noch vom letzten Spielzyklus lagern hinter der Bühne Kostüme und Requisiten, der Tisch fürs letzte Abendmahl, das Kreuz Jesu - und 2200 Paar Sandalen. Einige Schuhe müssen wohl noch zugekauft werden. Denn aufgrund der Verlegung des Stückes in die Abendstunden rechnen die Verantwortlichen mit der Rekordzahl von etwa 2500 Darstellern - das wäre die Hälfte der Einwohner.

Außerdem erwartet man insgesamt 500 000 Besucher, die vom 15. Mai bis 3. Oktober 2010 nach Oberammergau pilgern werden. Gespielt wird fünfmal pro Woche vor maximal 4800 Zuschauern, die gut geschützt vor Wind und Regen das Spektakel genießen können.

Momentan erhält auch die Bühne ein bewegliches Dach - allerdings vor allem für Opern- und Theateraufführungen außerhalb der Festspielzeit. Während der Passionsspiele, darauf besteht Christian Stückl, sollen die Schauspieler weiterhin unter freiem Himmel agieren: „Ich liebe einfach das Atmosphärische. Allerdings kann ich mir jetzt schon vorstellen, dass es nach zwei, drei Regentagen einen Antrag im Gemeinderat geben wird: Der Spielleiter muss das Dach schließen!”

Darüber wird dann einer sicherlich nur schmunzeln: Der heute 97jährige Max Schilcher ist seit 80 Jahren bei den Passionsspielen dabei und hat wirklich alles gesehen: Sonne und Sturm, Gewitter und Regen. Und er hat noch lange nicht genug: „Ich glaube”, so teilte er Festspieleiter Stückl kürzlich mit „du wirst mich wohl nochmal dabei haben müssen.” 2010 ist Schilcher dann 100 Jahre alt.

 
 

EURE FAVORITEN