Ist das Handy-Verbot im Flugzeug überhaupt noch zeitgemäß?

Telefonieren mit dem Handy im Flugzeug - das ist nur unter bestimmten technischen Voraussetzungen erlaubt.
Telefonieren mit dem Handy im Flugzeug - das ist nur unter bestimmten technischen Voraussetzungen erlaubt.
Foto: thinkstock
Theoretisch können Handys den Flugzeugfunk und -navigation stören. Doch in der Praxis ist bislang kein einziger Fall bewiesen. So sind sich die Wissenschaftler weiter uneinig, ob durch das Telefonieren mit dem Mobilfunkgerät ein Flugzeug abstürzen kann. Unterdessen rüsten Airlines weiter auf und um.

Essen. Es ist ein Rätsel unserer Zeit. Warum darf ich in den meisten Flugzeugen nicht mit meinem Handy telefonieren? Kann ich mit einem kleinen Smartphone einen großen Jumbojet abstürzen lassen? Nicht wirklich? Oder doch? Beeinflusst die elektromagnetische Strahlung von Handy, Laptop, Tablet-PC die Bordtechnik? Darüber rätseln sogar viele Wissenschaftler. Denn welche konkreten Auswirkungen die Nutzung von Mobiltelefonen und Co. im Flieger hat, darüber ist sich die Forschung bis heute nicht einig. Und dennoch gilt fast in allen Flugzeugen das Verbot dieser elektronischen Geräte.

Sechs Chinesen wurden vor wenigen Tagen am Flughafen in Peking festgenommen. Sie saßen in einer niederländischen KLM-Maschine, die Richtung Amsterdam abheben sollte. Doch die sechs Chinesen wollten partout nicht ihre Handys ausschalten. Der Streit an Bord und die Verhaftung sorgten für so viel Aufsehen, dass die Zeitung „Shanghai Daily“ darüber berichtete. Wir lesen öfter solche Nachrichten. Manchmal werden die Passagiere als Terrorverdächtige, denn mit ihren Mobiltelefonen könnten sie mögliche Bomben fernzünden.

Kein einziger bekannter Fall in der Geschichte der Luftfahrt

Dabei ist bisher kein einziger Fall bekannt, bei dem ein wissenschaftlich stichfester Zusammenhang zwischen der Handynutzung eines Passagiers und einem Ausfall von Bordelektronik bestand. „Grundsätzlich gilt“, so erklärt Stephan Frei, Professor für Bordsysteme an der TU Dortmund, „dass jedes elektronische Gerät elektromagnetische Felder erzeugt.“ Diese könnten Reaktionen in anderen Geräten hervorrufen. „Theoretisch kann es zu einer Interaktion kommen“, so Frei. Besonders empfindlich seien dabei die Funksysteme der Flugzeuge, erklärt der Wissenschaftler.

In der Praxis gebe es seines Wissens nach aber bisher keinen nachweisbaren Fall einer Störung. „Beim Fliegen ist sicherlich das Telefonieren mit dem Handy das Ungefährlichste.“ In der Vergangenheit gab es verschiedene Untersuchungen, erklärt Frei, dabei hatten viele Passagiere in den Flugzeugen ihre Handys eingeschaltet beziehungsweise wurden künstlich sehr hohe Störungen erzeugt – ohne dass je die Elektronik des Fliegers gestört wurde.

Geheimer Bericht spricht von 75 Zwischenfällen 

Wie aber kommt es dann dazu, dass einige Menschen geradezu panisch reagieren, wenn der Nachbar im Flugzeug sein Mobiltelefon zückt? Vielleicht, weil es eine Anzahl von Zwischenfällen gibt, bei denen Piloten von Geräteausfällen berichteten und sich zeitgleich ein Passagier in der Kabine befand, der sein Handy, sein internetfähiges Laptop oder Ähnliches benutzte.

Diese Fälle sind in einem unveröffentlichten Aufzeichnung der IATA, des weltweiten Dachverbands der Fluggesellschaften, aus dem Jahr 2011 aufgezählt. Dem amerikanischen Sender ABC lag dieser Report vor. In einem Bericht des Senders heißt es: In sechs Jahren sei es weltweit zu 75 Zwischenfällen gekommen, bei denen Bordelektronik ausfiel und die Crew anschließend Passagiere entdeckte, die ihr Handy, Blackberry und Co. nutzen. So hätten sich zum Beispiel Autopiloten abgeschaltet, aber auch Höhenmesser, die bei der Landung besonders wichtig sind.

Surfen im Flieger - Laptop mit WLAN seit 2008 erlaubt

Die Beeinträchtigung zwischen elektronischen Geräten sei schon sehr lange bekannt, so Wissenschaftler Frei. Aufgrund der mangelnden Erfahrung am Anfang des Handyzeitalters hätten damals viele Fluglinien das Telefonieren mit dem Handy verboten, weil sie die Risiken nicht abschätzen konnten.

In Deutschland regelt die Luftfahrzeug-Elektronik-Betriebs-Verordnung, kurz LuftEBV, den Gebrauch von Handys und elektronischen Geräten in Flugzeugen. 2008 gab es eine Neufassung der Verordnung: Demnach dürfen keine elektronischen Geräte mit Sendefunktion in einem Flugzeug benutzt werden, wenn sie nicht zur Bordtechnik gehören. Dafür sind seit 2008 erstmals Laptops mit WLAN-Internetverbindung erlaubt. Allerdings nur, wenn es in dem Flugzeug einen Hotspot gibt.

Auch bei den Handys macht die neue LuftEBV eine Ausnahme. Wenn die Fluggesellschaften eine sogenannte Umschaltstation im Flugzeug eingebaut hat, dann dürfen die Fluggäste mobil telefonieren. Aber auch für sie gilt: Der Pilot darf jederzeit das Telefonieren verbieten, wenn er etwa eine Störung entdeckt, erklärt Cornelia Cramer, Sprecherin des Luftfahrt-Bundesamtes.

Über den Wolken telefonieren - nur unter besonderen Voraussetzungen 

Für diejenigen, die über den Wolken telefonieren wollen, gibt es also gute Nachrichten. Für diejenigen, die im Flieger ihre Ruhe haben wollen, leider schlechte. Denn immer mehr Airlines rüsten auf. Bei Emirates Airlines können Passagiere auf ausgewählten Flügen mit ihrem Handy telefonieren. Und das schon seit 2008. Täglich auf 200 Flügen. Elf Millionen SMS wurden aus den Fliegern der Gesellschaft seither verschickt, 17,4 Millionen Menschen schalteten ihr Handy über den Wolken ein. Kein einziges Flugzeug stürzte ab.

Auch Emirates Airlines, benutzt wie andere ausländische Fluggesellschaften, eine spezielle Umschalt- oder Basisstation, die im Flieger verbaut ist. Die Basisstationen hält Professor Frei für eine „vernünftige Lösung“. Durch diese Technik an Bord wird die Belastung durch elektromagnetische Felder sehr gering gehalten.

Alle Handytelefonate laufen über diese Station. Sie schickt ein Signal über die bordeigene Antenne des Fliegers. Telefonate, ähnlich wie auch das WLAN an Bord, werden über die flugzeugeigene Technik aus dem Flugzeug herausgeleitet. Die Roaming-Gebühren werden über den jeweiligen Provider des Handybesitzers abgerechnet. Das Argument, Handys könnten Terroristen als Auslöser für Bomben dienen, ist damit eindeutig geschwächt.

Bei der Lufthansa wollen die Kunden einfach nur Ruhe

Telefonieren über den Wolken – das ist bei der Lufthansa aktuell kein Thema. Eine Basisstation haben die Flieger nicht. „Es ist nicht ganz geklärt, welchen Einfluss die Mobiltelefone auf die empfindliche Sensorik haben“, erklärt Lufthansa-Sprecher Florian Gränzdörffer. Es sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass Passagiere an Bord nicht mit dem Handy telefonieren dürfen.

Aber noch ein weiterer Grund spielt bei der Lufthansa eine Rolle. Viele Passagiere wollen gar nicht im Flieger telefonieren. „Unsere Kunden sind überwiegend froh, wenn sie ihre Ruhe haben“, sagt Gränzdörffer. Das sei einer der Hauptgründe, warum die Fluggesellschaft das Telefonieren im Flieger nicht anbiete, unabhängig vom Handy oder vom Satellitentelefon.

Dafür will die Lufthansa, wie andere Airlines auch, verstärkt auf das Internet setzen. Mit dem System Flynet wird auf der Langstrecke bereits gesurft – nicht ganz billig, eine Stunde kostet 10,95 Euro. Aktuell testet Lufthansa mit BoardConnect ein System, das WLAN auf Kurz- und Mittelstrecke ermöglichen soll. Ähnlich wie bei den Umschaltstationen fürs Handy, gibt es dabei bordeigene Server.

Metallfolie gegen elektromagnetische Felder - ein Experiment 

Telefonieren im Flugzeug ist auch ein Thema für die Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Gerade hat das dortige Institut für Flugsystemtechnik eine sogenannte Messkampagne abgeschlossen. "Im Flugzeug kommen immer mehr elektrische Systeme und elektronische Komponenten zum Einsatz", erklärt Henrik Oertel: "Es muss gewährleistet sein, dass sich diese Geräte nicht gegenseitig elektromagnetisch beeinflussen oder die Luftfahrzeugsysteme stören."

Die Wissenschaftler erforschten unter anderem, wie man mit Hilfe von dünner Metall-Folie an der Decke und den Wänden die Passagierkabine so abschirmen kann, dass langfristig sendefähige elektronische Geräten genutzt werden können. Denn so würden die Geräte die Navigations- und Kommunikationssysteme der Flieger nicht mehr stören.

Ein Knackpunkt bleiben aber die Starts und Landungen. Auch bei Fliegern mit Umschaltstaion gilt per Gesetz: Elektronische Geräte ausschalten! Warum? „Das ist die kritischste Flugphase“ erklärt Cornelia Cramer vom Luftfahrt-Bundesamt.Die Gefahr, dass die Handys die Technik der Flieger störe, könne nicht 100-prozentig ausgeschlossen werden.

Ist ein herumfliegender Tablet-PC gefährlicher als ein Twilight-Band?

Und dann gibt es ja noch diejenigen, die sagen, Handys, Ipad, Laptop und Co. gehören während Starts und Landungen ausgeschaltet in die Tasche, damit sie ihre Besitzer nicht ablenken oder womöglich bei Turbolenzen durch die Gegend fliegen. Dabei stellt sich die Frage: Von einem Buch, das ein Fluggast während Start oder Landung liest, ist er mindestens genauso abgelenkt wie zum Beispiel von einem Ipad. Bücher müssen aber beim An- und Abflug nicht weggeräumt werden. Und nur mal angenommen, es kommt in dieser kritischen Phase zu Turbolenzen: Was möchten ich lieber an den Kopf bekommen, den 900 Gramm schweren Band der Twilight-Saga oder einen 500 Gramm schweren Tablet-PC?

Wir werden sie wohl also noch etwas hören, die Sicherheitsansage der Stewardess, so oder so ähnlich: "Bitte beachten Sie, dass Mobiltelefone an Bord unserer Maschine nicht gestattet sind. Bitte schalten Sie während des Starts alle elektronischen Geräte aus und schalten Sie sie erst wieder an, wenn wir die Reiseflughöhe erreicht haben."

 
 

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