Im Kiez auf Spurensuche

Berlin-Neukölln ist Multikulti auf kleinstem Raum. Ausgerechnet Einwanderer führen Reisende ins deutsch-böhmischen Erbe des Problemviertels

Auf der Karl-Marx-Straße pulsiert das Leben. Handy-Läden reihen sich an Gemüsehändler, Teppichläden und türkische Bäckereien. Der U-Bahnhof Neukölln spuckt unermüdlich neue Menschen aus. Fatima Ibrahim steht vor dem Bahnhof und wartet auf ihre Freundin Meryem. Die Siebzehnjährige ist elegant gekleidet, sie trägt einen halblangen schwarzen Mantel, dazu Jeans und schwarze Chucks, ihr Kopftuch hat sie mit violetten Stecknadeln festgesteckt. Dann kommt Meryem die Treppen der U-Bahnstation herauf, bepackt mit Tüten.

Die Mädchen gehen zusammen in die Oberschule. Aber an Wochenenden zeigen sie Touristen ihren Kiez. Nicht den Kiez, den die Menschen aus der Zeitung kennen. Berlin-Neukölln, das ist der Stadtteil, der durch den Vorfall an der Rütli-Schule zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Den Stadtteil mit Müll in den Ecken und kaputten Fensterscheiben.

Fatima und Meryem winken ab: „Es gibt einige, die hier unter schlimmen Bedingungen leben, aber wir zeigen dir unser Neukölln.” Es beginnt gleich hinter dem Bahnhof, in den kleinen Seitenstraßen. Hier haben die Häuser Farbe, sind gelb und grün, nicht dreckig braun wie an der Karl-Marx-Allee. An der Ecke von Braunschweiger Straße und Wipperstraße zeigt sich auf wenigen Quadratmetern, wer die Einwohner Neuköllns sind: An der Ecke ist ein Balkan-Bistro, gegenüber liegt der Treffpunkt der palästinensischen Gemeinde, schräg gegenüber hat der Verein für Aserbaidschanisch-Deutsche Solidarität sein Zuhause, daneben kündigt ein Schild von einem türkischen Café. „Früher war in dem Café eine Moschee untergebracht”, sagt Meryem. Heute liegt die Gazi Osman Pascha Moschee ein paar Minuten weiter in Richtung des alten Ortskerns. Es ist ein weißes Haus, die Fenster haben türkisfarbene Rahmen, vorne ist ein türkischer Supermarkt, nichts deutet auf eine Moschee hin. Es ist Samstag, der Gebetsraum ist abgeschlossen und der Imam unterwegs.

Berlin-Neukölln, das ist Multikulti auf kleinstem Raum. In Neukölln leben pro Quadratkilometer fast 13 000 Menschen, insgesamt sind es rund 150 000 Einwohner. Tendenz steigend, seitdem die Wohnungspreise in Kreuzberg explodieren, zieht es immer mehr Subkulturen in das Viertel, das im Süden an Kreuzberg angrenzt. Ein Großteil der Neuköllner hat seine Wurzeln außerhalb Deutschlands. Fatimas Eltern stammen aus dem Libanon, Meryems Wurzeln liegen in der Türkei. Sie beide sind Berliner und haben auch nicht vor wegzuziehen. „Warum woanders hingehen?”, fragt Fatima. Sie sei in Neukölln gereift, ihre Familie sei hier und ihre Freunde. „Und es gibt so viele schöne Ecken hier, die keiner kennt.”

Der Richardplatz gehört dazu. Er ist das Herz des alten Neuköllns. Ein großer, ovaler Platz, der einst das Zentrum von Rixdorf war. So hieß Neukölln vor rund hundert Jahren noch, bevor es umbenannt und eingemeindet wurde. Auf dem Platz steht ein kleiner runder Bau, kaum größer als eine Litfasssäule, aber nicht ganz so hoch und mit einem tropfenförmigen Dach. Gegenüber liegt Meryems und Fatimas Schule, ein Pavillon für die Wachmänner steht vor dem Eingang. „Seit dem Vorfall mit der Rütli-Schule haben viele Schulen in Neukölln Sicherheitspersonal”, sagen die Mädchen. In ihrer Schule sei aber noch nie etwas passiert.

Einige Schritte von der Schule entfernt steht ein kleines Haus. Es sieht aus als habe es jemand aus einem norddeutschen Dorf nach Berlin verfrachtet. An der gelben Fassade ranken sich Weinreben. Der Giebel ist nach unten gezogen, ganz so als lasten die Jahre der Geschichte auf ihm. Eine Steinmauer schützt es vor der Großstadt. Es ist die alte Schmiede, früher war es einmal der wichtigste Teil des Dorfes. Hier wurden die Pferde beschlagen und die Waffen gemacht. Heute ist die Werkstatt eine Kunstschmiede, manchmal kommen Schüler vorbei und schauen sich an, wie das Handwerk funktioniert.

Die alte Schmiede liegt genau an der Grenze zwischen dem alten Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf. Denn das was heute Neukölln ist, hat eine lange Geschichte der Einwanderung. Bereits vor 270 Jahren fanden böhmische Glaubensflüchtlinge hier eine neue Heimat. Dass es einmal ein böhmisches Dorf mitten in der Stadt gab, erkennt man spätestens wenn man vom Richardplatz wieder in Richtung Karl-Marx-Straße läuft: Kurz vor der Einkaufsmeile, eingequetscht zwischen den alten Wohnhäusern, steht ein Metalltor, darüber steht in altdeutscher Schrift: „Böhmischer Gottesacker”. Es ist der zweitälteste Friedhof von ganz Berlin, es gibt ihn seit 1751.

Der Lärm der Einkaufsstraße weht herüber, keine fünfzig Meter weiter wälzen sich die Menschen von Laden zu Laden. Der Menschenstrom ebbt nicht ab. Das Dorf Neukölln haben wir hinter uns gelassen, willkommen in Berlin. Willkommen im Leben.

Info: www.neukoelln-tourismus.de, Führungen auf Voranmeldung. Kosten: zehn Euro pro Person.

 
 

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