Gute Nacht Istanbul

Foto: ddp

Am Bosporus steigen die besten Partys des Landes – 2010 feiert man als Europäische Kulturhauptstadt

Selma strahlt vor Glück. Wäre da nicht das bunte Aufblitzen hunderter Discolichter, im Wettstreit mit ihren grünen Augen, funkelten wohl allein die Sterne hoch über dem Bosporus. „Morgen heiratet sie”, sagt eine Freundin. „Wir feiern Junggesellinnen-Abend”.

Eine Ebene weiter unten eröffnet sich unter freiem Himmel die Party-Arena des Diskogroßklubs „Reina”: amerikanischer Pop, tanzorientiert und elektronisch aufgepeppt. Der Refrain des nächsten Songs setzt ein: „Disco Disco Partizani”, ein in der West-Türkei längst zum Evergreen avancierter Hit des rumänischen Balkan-Punk-Ska-Künstlers Shantel. Alle reißen ihre Arme in die Luft. Man feiert sich selbst. Und die Nacht.

Über dem Großraumclub auf der asiatischen Seite Istanbuls thront glanzvoll die mächtige Bosporusbrücke in changierenden Farben. Auf der anderen Seite des Marmarameeres, das Europa und Asien voneinander trennt, setzen Fährboote vom Szeneviertel Ortaköy herüber, einer Flaniermeile der gehobenen Variante mit kleinem historischen Hafen und ebenso verzweigten wie lebhaften Ausgehgassen.

Einige Gäste haben den Abend auf „Suada” begonnen. Szenegänger Burak gehört dazu und erzählt von dem riesigen Hightech-Floß. Die künstliche Insel überzeuge mit quirliger Atmosphäre und maritimem Flair – tagsüber und in lauen Sommernächten. Der noble Beachclub ist mit seinen Restaurants und Bars ein Treffpunkt für Touristen und Einheimische. Attraktive Seelage, guter Service und schöne Menschen tun ihr Übriges für die Popularität. Gelegenheit zum Feiern gibt es in der bis zum Mittelalter als Konstantinopel benannten 14-Millionenstadt zu genüge. Zugleich konzentriert sich in Istanbul der Großteil der wohlhabenden türkischen Oligarchie. Mitsamt ihrer Party-Entourage, rekrutiert aus Medien-Starlets, Künstlern, Akademikern und Schönheitschirurgen. So sind die Nobelclubs des legendären Gastro-Bosses Izzet Çapa erstens groß und zweitens aufregend genug, um der verwöhnten Klientel auch tatsächlich zu gefallen. Im Stadtviertel Besiktas residiert so ein Lokal. Dort, auf dem imposanten Boulevard Suleyman Seba Cad, wo schmucke Paläste im Kleinformat aus dem 19. Jahrhundert nur schnöde als Reihenhäuser tituliert werden, lädt Gastwirt Çapa auf bescheidenen 400 Quadratmetern in seine Clubsensation „It´s a Joke Perestroyka” zum Dinieren und natürlich Partymachen ein.

Virtuose Dekorideen dominieren das Ambiente, kräftiger Club-Sound unterhält das feierwillige Publikum. Der Laden sprenge den Rahmen üblicher Bar-Normen: „Edel, schick und außergewöhnlich aufregend im Design”, sagt Burak. Der Grafiker liebt seine Heimatstadt, gefällt sich in seiner selbst auferlegten Rolle als ehrenamtlicher Nightlife-Guide und preist Istanbul als „Die Hauptstadt aller Partystädte.” Im „Frame” – ebenfalls in Besiktas – geht die Party auf der Terrasse weiter. Wie im „Reina”, „Feriye” und „Perestroyka” feiert man hier im Sommer draußen. Wird es im Januar zu kalt, geht die Feier dachgeschützt munter weiter.

„Istanbul zeigt sich gern als die Schöne der Nacht”, schmeichelt Burak seiner Stadt am Goldenen Horn. Im Stadtteil Beyoglu flaniert die Jugend selbst werktags bis weit in die Nacht auf der autofreien Promenade Istiklal Caddesi. Mit historischen Gewändern uniformierte Eisverkäufer animieren ohne Unterlass mit zur Schau gestellter Fröhlichkeit kokett zur süßen Sünde. In den Seitengasse sind die Polsterstühle oder Bankreihen der Bars und Musikertreffs mit Shisha rauchenden Teetrinkerinnen, Köfte genießenden Touristen oder heimischen Nachtschwärmern besetzt.

Burak weist den Weg: Vom Taksim-Platz aus geht es die Istiklal Caddesi hinauf, quer durchs Musikerviertel. Blau illuminiert, von weißen Möwen umschwirrt, erblicken Touristen den golden schimmernden Galataturm.

Kurz danach: Der Jazz-Club Nardis. Die Sängerin unterhält die gut gelaunte Gästeschar mit Blues- und Jazzrock-Klassikern. Auffallend: Graumeliert und gut geliftet legt auch die ältere Generation stets Wert darauf, im Laufe der Partynacht einen atemberaubend guten Eindruck zu hinterlassen. Der 34-jährige Klarinetten-Meister Serkan Cagri bestätigt das. Der prominente Musiker nippt an seinem kühlen Bier. Eben gab er einer Moderatorin vom türkischen Privatfernsehen ein Interview, um die Vorzüge Istanbuls als Kulturhauptstadt 2010 zu preisen. Jetzt möchte der Star der Hochkultur aber ins pralle Leben der Subkultur abtauchen – kein Problem. Denn unangekündigt stehen auf den Clubbühnen des Viertels Beyoglus hochkarätige Unbekannte und honorierte Größen. Ska, orientalischer Straßen-Folk und britische Songkultur verschmelzen hier zu einer vor Kreativität überschäumenden Melange. „Egal, wo du herkommst oder worauf du stehst”, meint Burak, und fährt beseelt fort: „Istanbul macht glücklich.”

Die Band legt mit einer Punkversion von Disco Disco Partizani los. Alle Gäste strahlen – wie die Sterne über dem Bosporus.

 
 

EURE FAVORITEN