Fado mit Ausblick

Foto: Foto: TV Lissabon/www.visitlisboa.com

Gefühl und Timbre: Im Ruhrgebiet wurde er zum Fadista, doch der Musiker Telmo Pires kennt auch Lissabons Seelenleben

Der erste Ton: Ein sanfter Bariton, männlich gefühlsstark und zauberhaft fragil ergreift das Publikum, das sich dicht gedrängt an der vom Fadista mit Inbrunst angefachten Traurigkeit vergnügt.

Telmo Pires singt in der proppevollen Fado-Kneipe Tasca do Chico in Lissabon, im Fadoviertel Bairro Alto. Beeindruckt von großen Vorbildern, die als Bildergalerie das kleine Lokal schmücken, „hätte ich mich beinah nicht getraut”, gibt der Sänger mit den pechschwarzen Haaren zu. Ein Musik-Produzent wurde auf den portugiesisch singenden Deutschen aufmerksam: „Arbeiten und Leben in Lissabon, das ist seit der Kindheit mein Traum.”

Zeit für einen Absacker im Café Brasileira, wo die Bronzestatue des National-Poeten Fernando Pessoa zum nächtlichen Treiben schweigt. Der Dichter glaubte Saudade, die Seele des Fado, sei für Ausländer unbeschreiblich. Der Fadista von Heute erklärt: „Es bedeutet, Traurigkeit lieben zu lernen.” Telmo Pires' Leben spiegelt das wider. Die Eltern verließen Portugal nach der Nelkenrevolution von 1974. Die Hauptstadt am Atlantik, hat der kleine Telmo lange nicht zu Gesicht bekommen. Vielmehr lernt er als Gastarbeiterkind das Ruhrgebiet kennen, der Vater die harte Arbeit in der Schwerindustrie, die Mutter hört alte Fado-Schallplatten. Heimweh hat auch der Sohn: „Bis zum Abi fühlte ich mich in Bottrop fremd”, erzählt Pires. 2002 zog er fort nach Berlin, obwohl er mit Auftritten im Theater Courage oder Ebertbad Oberhausen längst zur Künstlerelite der künftigen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 zählt. Pires nimmt einen Happen von seinem süßen Pasteis de Nata – ein Puddingtörtchen – und erinnert sich: „Mein Debüt gab ich am 27. Mai 1995 im Kleinen Theater am Essener Gänsemarkt.” Dann senkt sich die Frühlingsnacht über die Altstadt Lissabons und Mondlicht lässt die Flussmündung des Tejos glitzern.

Der Tag zuvor beginnt bei strahlendem Sonnenschein, oben am Hügel des Königsparks. Unweit des Monuments zu Ehren des Marquês de Pombal. Mit onduliertem Haarschopf blickt der Schöpfer des neu aufgebauten Lissabons, den Prachtboulevard Avenida da Liberdade hinab, die in den barocken Kern des schachbrettgleich errichteten Viertels Baixa mündet. Die grünbraunen Augen des Fado-Künstlers tun es ihm gleich: „Erdbeben, Feuersbrunst und Tsunami; 1755 hat es die Stadt schwer erwischt, doch Pombal gab Hoffnung”, weiß Telmo, der ab den späten Siebzigern immer wieder zurückkehrt. „Hier bin ich der Deutsche: pünktlich und ungeduldig", sagt er und fummelt fürs Foto seinen übergroßen Schal zurecht.

Pires stoppt am Cinema São Jorge vor einem Konzertplakat des Fado-Stars Jorge Fernando. Früher saß Pires gebannt in den großen Kinopalästen entlang der Avenida. Heute residiert im Condes eine amerikanische Event-Kneipe und im Eden ein Apartment-Hotel. „Grüne Tomaten sah ich hier”, erinnert sich Pires. Danach schlossen die meisten Kinos. Der Eintritt in die EU brachte die Wende, der Verfall der Stadtpaläste konnte gestoppt, und manches altehrwürdige Gebäude dient erneut als Kulturtempel.

Tauben flattern vom Rossio-Platz in Richtung des Stadtklosters Do Carmo über den stählernen Stadtaufzug hinweg, der die Baixa mit dem Bairro Alto-Quartier verbindet. An der bereits mittags geöffneten Mini-Bar A Ginjinha reicht der Berliner einen Kirschlikör im Plastikbecher weiter. „Ich kenne dich”, ruft ein Mädchen in Schuluniform, stellt sich neben dem Jeans und schwarze Lederjacke tragenden Fadista und befiehlt: „Foto!”

An einer Mauer lungern afrikanische Gastarbeiter aus den ehemaligen Kolonien herum, Touristen kämpfen sich die steilen Altstadtgassen hoch: „Jetzt weiß ich woher”, sagt die Schülerin: „Ele é Fadista – er ist ein Fadista.” Fernsehauftritte, die ihn unter dem Brandenburger Tor in Berlin zeigten oder in Talkshow-Studios nach Lissabon führten, machten ihn populär. Brav bedankt sich der Teenager fürs Autogramm.

Ein Waggon der Tramlinie 28 rattert los. Die unzählig oft fotografierte Straßenbahn führt über Koppsteinpflaster ins Fado-Viertel Alfama, an der Kathedrale Sé de Lisboa und dem Aussichtpunkt Santa Luzia vorbei. Kunsthandwerkerinnen fertigen Souvenirs, bunte Wäsche trocknet an opulent gekachelten Häuserfassaden. Üppig wuchert Grün aus roten Dachziegeln empor. „Im Winter regnet es viel”, begründet Pires das Moos auf den Steinstufen, die den Weg zum Clube de Fado weisen. Im ockerfarbenen Licht des Sonnenuntergangs bereitet sich das Lokal auf die Gäste vor. Pires marschiert weiter: „Da unten ist das Fado-Museum.” Im rosa getünchten Gebäude betrachten Besucher das berühmte Gemälde „O Fado” von José Malho oder goutieren per Kopfhörer die Erfolge der hoch verehrten Diva Amália. Pires gehört zur neuen Fadogeneration, seine Erfahrungen im kulturellen Schmelztiegel Ruhrgebiet und Großstadtdschungel an der Spree prägten seinen Stil.

Nach dem langen Streifzug durch Lissabon isst der 1,75 Meter große Komponist eine pikante Portion Schweinefleisch mit Muscheln. In der historischen Kantine vom Casa do Alentejo macht ihm eine Tischnachbarin schöne Augen. Sie bleibt unbeachtet, vielmehr rührt sich Lampenfieber. Pires: „Wir müssen los!”

Wenige Minuten sind es bis zum Auftrittsort. Pires passiert die vielen Fado-Kultstätten im Bairro-Viertel: Im Faia entzückt das verräucherte, mit allerlei Tand und Fußballerschals vollgestopfte Ambiente. Ein kaum bekannter Fadista singt, die einheimischen Gäste sind hingerissen: „So hört sich Saudade an”, flüstert Pires.

Endlich macht er sich auf ins Tasca do Chico, begrüßt die Wirtin und steht, in plötzlicher Stille, im Mittelpunkt. Eine Schweißperle glänzt auf seiner linken Schläfe, er hebt die rechte Hand bis auf Kinnhöhe, verharrt und beginnt zu singen: Herzzerreißend schön und voller wehmütiger Romantik sein Timbre – zum Finale tost Applaus.

 
 

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