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Entschleunigung im Zauberland auf der Nordsee-Insel Juist

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Auf manchen Inseln ticken die Uhren anders als auf dem Festland – ein gutes Beispiel dafür ist Juist in Ostfriesland. Denn hier bewegt man sich per Kutsche oder Fahrrad fort, und es gibt keine Hotelburgen oder Flaniermeilen. Genau der richtige Ort also, um einmal dem Großstadt-Tempo zu entfliehen.

Juist – klingt irgendwie wie Sylt. Allerdings sind die beiden Nordsee-Inseln nicht nur geographisch weit voneinander entfernt. Auf Juist gibt es keine exorbitant hohe Cabrio-Dichte, keine Edelboutiquen, keine Whiskystraße und keine Strandhütten mit Promifaktor. Ruhe und Beschaulichkeit ist hier angesagt, Entschleunigung auf dem schmalen Streifen zwischen Borkum und Norderney das Stichwort. Nicht umsonst nennen die Einheimischen ihre Insel „Töwerland“ – ein plattdeutsches Wort für Zauberland.

Auf den letzten Autokilometern auf der B 72 ist allerdings eher Beschleunigung angesagt. Gnadenlos tickt die Uhr, seit wir im Emsland in diesen Stau geraten sind. Zwei Stunden und 55 Minuten hatte der Routenplaner für die 290 Kilometer lange Strecke bis zum Schiffsanleger Norddeich angegeben. Allerdings hatten auch viele andere aus dem Pott Lust auf ein Wochenende an der Nordsee. Wir machen uns schon Gedanken über eine Zwischenübernachtung auf dem Festland. Denn die Überfahrt nach Juist ist von den Gezeiten abhängig. Und heute legt nur eine Fähre ab.

Endlich auf dem Parkplatz, bleiben uns nur noch wenige Minuten. Hoffen, dass das Schiff noch da ist – es ist noch da.

Keine Hotels in Loog

Auf der 90-minütigen Überfahrt mit friesisch herbem Erfrischungsgetränk auf dem Sonnendeck tickt die innere Uhr schon merklich ruhiger, spätestens bei der Ankunft im Juister Hafen glauben wir, einen Ausflug in die Vergangenheit gebucht zu haben. Hier rollen keine PS strotzenden Luxuslimousinen vom Shuttlezug, hier sind echte Pferdestärken zur Fortbewegung gefragt. Ein wenig Glamour versprühen eigentlich nur die beiden Wahrzeichen der Insel: das 17 Meter hohe Segel auf der Seebrücke am Hafen sowie das „Weiße Schloss am Meer“. So wird das im Stil der Grandhotels des 19. Jahrhunderts erbaute Strandhotel Kurhaus Juist genannt.

Nachdem alle Koffer neben zahlreichen Obst- und Gemüsekisten auf dem Anhänger platziert sind, steigen wir in den Planwagen. Ein kurzes Kommando des Kutschers, und schon trotten die beiden Kaltblüter brav zum Ortsteil Loog. In der einen Kilometer vom Hauptort entfernten Enklave sind wir endgültig in den 1960er Jahren angelangt. Keine Hotels, keine Luxusbungalows, sondern einfache Privatunterkünfte, und mittendrin mehrere Jugendherbergen und Schullandheime. Die jodhaltige Seeluft ist heute mehr denn je gut für Allergiker und Asthmatiker.

Das Leben auf der Holzbank genießen

Am nächsten Morgen haben sich die Wolken verzogen, Juist präsentiert sich von der sonnigen Seite. Beim Koopmann kommt die Verkäuferin mit dem Backen kaum nach, und der Fahrradverleih freut sich über rege Nachfrage. Ausgestattet mit Tourenrädern, nehmen wir Kurs auf das Westende, rauschen vorbei an der Domäne Loog und dem Hammersee und erreichen das Ausflugslokal Domäne Bill. Spezialitäten sind hier eine üppige Scheibe Rosinenstuten mit Butter, Milchreis und die Sanddornschorle. Am Selbstbedienungsschalter ist der Andrang gerade überschaubar, und auf einer Holzbank sind noch zwei Plätze frei. Wir setzen uns in die Sonne, genießen das Leben.

Am nächsten Morgen ist es trüb und grau. Wir ziehen die Trekkingjacken an und machen uns mit den Fahrrädern auf, den Insel-Osten zu erkunden.

Vom Kutter in die Küche

Am kleinen Flughafen ruht der Betrieb. Nebel liegt über dem Watt, die Propellermaschinen können nicht starten. Das ist also auch der Grund dafür, dass es keine aktuellen Zeitungen gibt. Auf dem Rückweg kommen wir am Hafenrestaurant vorbei. „Da ist es immer voll, da müssen sie reservieren“, hatte uns unsere Vermieterin mit auf den Weg gegeben. Und die Wirtin hat tatsächlich nur dann zwei Plätze frei, wenn wir früh kommen. Angesichts der gesunden Seeluft, die hungrig macht, ist uns 17.30 Uhr ganz recht, und wir erfahren, warum die gute Stube mit ihrer Seemanns-Deko so beliebt ist. Hier stimmt nicht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis, hier kommt der Fisch vom Kutter direkt in die Küche.

Am Sonntag sind wir wieder da, am Hafen. Stehen diesmal aber in der Schlange der Rückreisenden. Als die Fähre am Nachmittag Kurs auf Norddeich nimmt, überfällt uns ein wenig die Sehnsucht. Morgen ist wieder Alltag. Und der wird uns schon auf der A 31 einholen.