Eine Reise wert - der erste ESC-Austragungsort Lugano

1965 fand hier der ESC statt - der Luganer See.
1965 fand hier der ESC statt - der Luganer See.
1956 war Lugano Schauplatz des ersten "Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea". Und noch heute ist der Schweizer Ort eine Reise wert.

Lugano.. Rosa Mina Schärer aus Rupperswil im Kanton Aargau steht auf dem Schlauch. Sie singt nur noch lalala, weiß ihren Text nicht mehr. Halb vor Schreck, halb vor Freude, denn die Schweizerin – Künstlername Lys Assia – hat soeben den ersten Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen und soll den Siegertitel „Refrain“ erneut darbieten. Da steht sie nun, am 24. Mai 1956, eine adrett ondulierte Dame im langen Abendkleid, wie festgenagelt hinterm Standmikro. Aus gutem Grund – Tanzschritte sind 1956 bei der ESC-Premiere namens „Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea“ verpönt. Dafür gibt’s einen Chor, das 24-köpfige Orchester in weißen Anzügen und einen Moderator namens Lohengrin Filipello. Kaum ist der letzte Ton verklungen, da windet sich ein Bubi in kurzen Hosen von hinten um Lys Assia herum und überreicht ihr brav einen Blumenstrauß.

Diese Bilder wurden erst 2005 im Archiv entdeckt – wackelige Amateuraufnahmen vom ersten ESC – das noch junge Schweizer Fernsehen hatte zwar live gesendet, aber nichts aufgezeichnet. Die örtliche Zeitung „Südschweiz“ berichtete 1956 in einer Kurzmeldung über den Wettbewerb, der erfunden worden war, um das neue Medium Fernsehen bekannter zu machen. Zehn Länder sollten antreten – Österreich, Großbritannien und Dänemark verschwitzten die Anmeldung. So holprig startete die heute weltweit größte Musikshow, fast keiner schaute zu: Kein Publikum im Saal, nur zwei Prozent der Haushalte hatten 1956 ein TV-Gerät.

Palmen, Vespas und schwarzgelockte Ragazzi

Nur der Schauplatz war damals wie heute erstklassig: Das barock verspielte „Teatro Kursaal“ – inzwischen einem Casino-Neubau gewichen – lag direkt am Ufer des smaragdgrünen Luganer Sees, dort wo immer noch der Top-Panorama-Photopoint aller Lugano-Besucher ist. Sie schlendern durch den damals wie heute liebevoll mit bunten Blumenbeeten verzierten Parco Ciani, bleiben am völlig funktionslosen, schmiedeeisernen Tor stehen, das die Gebrüder Ciani nur hinstellen ließen, weil’s gut aussieht beim Blick über den See auf den Monte San Salvatore, einen grün bewaldeten, 912 Meter hohen Zuckerhut-Berg. Wer an dieser Promenade oder beim Bummel durchs Gassengewirr der Altstadt die grauen Betonklotz-Bausünden der 60er und 70er Jahre ausblendet, sieht ein besenreines Eidgenossen-Städtchen mit Bella-Italia-Touch: Palmen, Vespas und aufgeregt gestikulierende, schwarzgelockte Ragazzi.

Schweizerische Akkuratesse gepaart mit sonnenverwöhntem Dolce Vita – dieser Mix gefiel schon bald nach der ESC-Premiere vielen deutschsprachigen Künstlern.

Freddy Quinn fällt aus der Rolle

Freddy Quinn war 1956 mit Freundin und VW Käfer drei Tage lang nach Lugano gekurvt, um dann bei der ESC-Premiere mit seinem Rock ‘n Roll-Titel „So geht das jede Nacht“ ein wenig aus der Rolle zu fallen inmitten all der getragenen Chansons. Doch der Junge kam bald wieder, wohnte hier Jahrzehnte lang, ebenso wie Nadja Tiller, Walter Giller, O.W. Fischer oder Peter Kraus, der noch heute in Morcote bei Lugano lebt. Inzwischen ein teures Vergnügen, vor allem in Luganos von Arkaden gesäumter Vorzeige-Shoppingmeile Via Nassa.

Doch Lugano kann auch günstig: In der steilen Via Cattedrale gibt es viele kleine Geschäfte, die pfiffigen Schmuck und Mode verkaufen. „Il Capello“ etwa oder die „G-Gallery“, deren kreative Inhaberin Halsketten aus den von George Clooney angepriesenen, bunten Kaffeekapseln entwirft. Statt eines eintägigen ESC unter Ausschluss der Öffentlichkeit gibt’s jährlich im Juli das einmonatige „Longlake-Festival“ mit 200 Events aus Klassik und Comedy, Kino, Lesungen und Pop – Eintritt überall frei. Inzwischen bei Longlake quasi eingemeindet ist das traditionsreiche „Estival Jazz“, bei dem seit 1979 alle Weltstars wie Miles Davis, B.B. King oder Ray Charles spielten – im „Salon“: So nennen die Luganer ihre Piazza della Riforma mit Rathaus, Obstständen und pastellfarbenen Café-Fassaden.

Museum über Hermann Hesse

Doch die Tessin-Metropole bietet nicht nur den See und ihre Altstadt als Blickfang, sondern auch viele eingemeindete Dörfer drumherum. Gandria, der stille, ehemalige Fischerort mit wunderschönen Olivenhainen, klebt förmlich an den Felsen, ist am besten per Ausflugsdampfer erreichbar und dann zu Fuß zu erkunden. Hoch nach Brè auf den gleichnamigen Berg hingegen ruckelt eine gut hundertjährige Standseilbahn. Das Dorf selbst, vom Gassenpflaster bis unter die Dachfirste komplett aus Felssteinen gebaut, ist gespickt mit Kunstwerken: Malereien an Wänden, rostige Figuren auf Sockeln vorm Stall und rätselhafte Skulpturen vor Hauseingängen.

In Montagnola schließlich lebte der weltweit immer noch meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller Hermann Hesse rund 40 Jahre. Das ihm gewidmete Museum eröffnet Einblicke in die Gedankenwelt des Nobelpreisträgers, in seine Leidenschaft als Gärtner und seine Marotten: Hesses Kinder durften ihn täglich nur wenige Stunden sehen, seine Frau durfte ihm abends zwar vorlesen, tagsüber aber nur schriftlich mit dem Dichter kommunizieren – die Haushälterin musste Briefbotin spielen. Gut möglich, dass Hesse-Fan Udo Lindenberg mal wieder sinnierend im Museumsgarten sitzt. Oder die US-Rockerin Patti Smith gibt gerade eines ihrer Benefizkonzerte für’s Museum. Sie verehrt den Dichter so sehr, dass sie die Museumsdirektorin überredete, Hesses persönlichen Stempel aus der Vitrine zu holen und in Pattis Reisepass zu drücken.

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