Ein kleines Stück "Good old Germany" am kanadischen Atlantik

Fischerboote in der Mahone Bay: Die ersten Siedler zog es 1754 hierher. Sie kamen aus Lunenburg, das ein Jahr zuvor gegründet wurde und ganz in der Nähe liegt.
Fischerboote in der Mahone Bay: Die ersten Siedler zog es 1754 hierher. Sie kamen aus Lunenburg, das ein Jahr zuvor gegründet wurde und ganz in der Nähe liegt.
Foto: getty
Die kanadische Provinz Nova Scotia ist geprägt von Einwanderern. Ein Besuch in Lunenburg und auf Cape Breton Island, dem keltischen Herz der Region.

Essen.. Zwischen der Bay of Fundy und der Südküste von Nova Scotia liegt in der Mitte „Keji“, der Kejimkujik Nationalpark. Auf rund 400 Quadratkilometer erstreckt sich eine nahezu wilde, unberührte Natur, die man am besten mit dem Kanu, Kajak, Fahrrad oder per pedes entdeckt. Undurchdringliche Waldgebiete, einsame Seen und Wasserwege bieten Rotwild, Bibern, Elchen und sogar Schildkröten ein Zuhause.

Auch Todd Labrador (54) hält sich hier gerne auf. Als Mi’kmaq gehört er zu den Ureinwohnern von Kanada, denn die Geschichte seiner Vorfahren, der First Nations, umfasst mehr als 10.000 Jahre. In Nova Scotia leben um die 25.000 Mi’kmaqs und manche sprechen auch noch die eigene Sprache, in der sie ihre enge, spirituelle Verbindung zur Natur ausdrücken können. „Wir Mi’kmaqs lieben den Wald und die Küstenregionen“, sagt Todd. „Hier baue ich meine Kanus, mache Holzarbeiten und flechte Körbe aus Birkenrinde. Aber es gibt auch Mi’kmaqs, die als Lehrer oder Rechtsanwälte arbeiten. Heute haben auch wir die Chance, das zu werden, was wir wollen.“

Die Legende von der gehörnten Schlange

Seinen Enkeln Selme und Movel und auch den Parkbesuchern erzählt Todd gerne die Legenden von der gehörnte Schlange, wie das Licht in die Welt kam oder vom Mond „Tepkunaset“ und der Sonne „Nakusset“, die man beide im Original an einem langen Tag im Park erleben kann.

Beim Abschied gibt uns Todd noch einen heißen Tipp mit auf den Weg: Hummeressen in Hall’s Harbour an der Bay of Fundy mit dem höchsten Tidenhub (16 Meter) – das sei eine Klasse für sich.

Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und besuchen das idyllische Fischerdorf an der Bay of Fundy, wo wir die gut gelaunte Lobster-Lady Sheila Bishop treffen. Sie kennt sich aus mit den Schalentieren, die sie liebevoll auf dem Arm balanciert.

Knallroter Hummer mit Käsenudeln – lecker!

Dabei erklärt sie, wer Männchen und Weibchen ist, dass auf See mit einem Messgerät die Größe der Tiere geprüft wird und zu kleine Tiere zurück ins Wasser gehen. „Cull“-Lobster, mit nur einer Schere oder einem Fühler werden aussortiert. Nach 20 Minuten in Meerwasser gekocht bekommen wir je ein knallrotes Exemplar mit heißer Butter und Käsenudeln serviert – und sind begeistert vom frischen, feinen Geschmack.

[kein Linktext vorhanden] Warum Hall’s Harbour das beste Hummerfanggebiet von Nordamerika sei, erkläre sich durch den ex-tremen Tidenhub. „Da sich unsere Bucht von 130 Meter auf zehn Meter stark verengt, wirkt das wie ein Trichter und es kommt zum extremen Tidenhub.“ Die begehrten Luxusexemplare haben dabei den Vorteil, immer frisches Wasser und Nahrung zu bekommen, so dass auch der Export nach China, Japan, USA und Belgien zum Supergeschäft wurde.

Gegen Nachmittag erreichen wir Lunenburg, die älteste deutsche Siedlung, von den Briten 1753 in Kanada errichtet. Der Stadtname geht zurück auf den englischen König Georg II., der zugleich Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg war. Im ersten Moment glauben wir nicht, was wir sehen. Die Kleinstadt wirkt wie der Drehort für einen Märchenfilm. Der ehemalige Fischerort mit stolzen 250 Jahren Geschichte auf dem Buckel ist Unesco-Weltkulturerbe und fasziniert die staunenden Besucher aus aller Welt.

Einst am Reißbrett geplant, reihen sich die imposanten Holzhäuser in den schrillsten Farben aneinander. Giftgrün, quietschpink oder dottergelb. Die Kombination als farbenfroh zu bezeichnen, wäre stark untertrieben. „Die Anbauten, wie Erker und Türmchen, nennt man die ,Witwengänge’“, erfahren wir von Ashlee Fiiner, Stadtguide mit deutschen Vorfahren. „Wenn die Fischerfrauen aus Sehnsucht nach ihren vermissten Männern auf die Bucht spähten, wollten sie unbeobachtet sein.“

Vergangenheit wird im Highland Village Museum lebendig

Die überladene Verzierung im Zuckerbäckerstil des 19. Jahrhunderts, die Zimmermanngotik der katholischen Kirche, in der am Heiligen Abend die Messe sogar deutsch gelesen wird, und die monumentale Fassade der Musikschule erinnern exakt an Good old Germany, und das an der Atlantikküste Kanadas!

Cape Breton Island ist geografisch gesehen ein Anhängsel von Nova Sotia. Verbunden mit dem Festland durch nur eine Brücke, beeindrucken die spektakuläre Szenerie der Küstenlandschaften, die kilometerlangen Sandstrände und die pittoresken Seenlandschaften. Hier schlägt das keltische Herz von Nordamerika. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts emigrierten an die 50.000 Schotten auf die Insel, im Gepäck ihre gälische Sprache und Kultur.

Und viel hat sich bis heute erhalten. Ganz besonders im Highland Village Museum wird die Vergangenheit anhand von originalgetreu nachgebauten Gebäuden und Laienschauspielern wieder lebendig. Wie vor 150 Jahren beschlägt hier der Schmied die Pferde, in der dunklen Kaderei sitzen die Frauen und spinnen die Wolle und im Takt des Webstuhls wird gesungen. Wie anno dazumal bekommt man Eier, Butter und die neuesten Nachrichten im Gemischtwarenladen. Und das Blockhaus dient als Treffpunkt für die Familien. Sie sitzen rund um die Herdstelle, erzählen Geschichten oder einer greift zur Fiedel und spielt unvermittelt gälische Lieder.


Kanada, das in der Irokesensprache „Dorf“ heißt, hat über die Jahrhunderte Menschen aus vielen Nationen ein neues Zuhause gegeben und damit das Land international geprägt.

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