Die wilden Pfade Winnetous

Foto: MSG

Die Nationalparks Kroatiens boten Kulissen für die Karl May-Filme und wurden so selbst zu Stars

Mühsam kriecht eine schmale Straße durch die steinige Prärie, in der kniehohes Gestrüpp wuchert. Eine Landschaft, die nicht für Autos, sondern für Indianer-Pferde geschaffen scheint. Anfangs erkennt man den Zrmanja-Canyon bloß als beige-grauen Riss. Plötzlich erhebt sich nach dem Erdspalt ein Hügel aus dem Ödland hervor. Noch einige hundert Meter weiter zu Fuß über Felsbrocken und karge Büsche hinweg, dann steht man über dem blau-grünen Fluss Zrmanja auf einer Anhöhe: Hier stand vor mehr als 45 Jahren Lex Barker als Winnetous Blusbruder Old Shatterhand gefesselt an einem Marterpfahl, denn dort wurde der Film-Klassiker „Winnetou I" gedreht. Hier im Hinterland der kroatischen Hafenstadt Zadar bauten die Filmleute auch das Pueblo von Winnetous Stamm auf. Unten in der Zrmanja, die im Film zum Rio Pecos wurde, musste Old Shatterhand gegen Häuptling Intschu Tschuna um sein Leben kämpfen.

Neben Lex Barker und Pierre Brice als Apachenhäuptling, stiegen auch die kroatischen Naturschönheiten zu Stars auf. Jahrzehnte später ruht das Plateau des Indianerdorfs einsam und unberührt, als wäre das Lager erst gestern abgebaut worden. Jedes Jahr spüren hunderte Karl-May-Fans aus Deutschland den Bildern ihrer Kindheit nach. Die große Paklenica-Schlucht, wo monströse Felsblöcke fast senkrecht in die Höhe ragen, ist für sie immer noch das „Tal der Toten". „Eine deutsche Touristin kommt jedes Jahr hierher", sagt Park-Ranger Vrane Spalg, der am Eingang der Schlucht sein Büro hat und Besucher durch den Nationalparks Paklenica führt, in dem mehr Bären als Menschen leben: „Sie hat ein Buch dabei und sucht die einzelnen Film-Motive systematisch ab." Nach einem halben Jahrhundert entdeckte sie endlich den Felsüberhang unter dem sich Old Surehand einst auf der Flucht vor einer Stein-Lawine flüchtete.

In den Hotels von Starigrad-Paklenica bieten Agenturen indes Jeep-Safaris zu den alten Drehorten an. Aber echte Fans brechen wie Schatzsucher alleine auf. Sie kommen mit Fachbüchern, in denen genaue Wegbeschreibungen zu den Drehorten führen. Viele Kroaten kennen nicht mal die Filme, aber im Nationalpark Plitvice fragen selbst ganz normale deutsche Touristen, wo der Schatz im Silbersee versteckt liege. Sie suchen den See „Kaluderovac", wo umgeben von tosenden Wasserfällen noch immer die Höhle aus dem ersten Winnetou-Film von 1963 die Fantasie der Besucher beflügelt.

Schuld an diesem Kult ist Stjepan Gurdulic´, der ehemalige Direktor von Jadran-Film, der koproduzierenden Filmgesellschaft. Er erinnerte sich an die Ausflüge mit seiner Geographie-Klasse zu blau-grünen Seen, Wasserfällen und Felsmassiven. Gurdulic´ überzeugte den deutschen Regisseur Harald Reinl von den Drehorten. Der Wilde Westen der Winnetou-Reihe lag fortan in Kroatien. Legendäre Motive von damals haben bis heute nahezu unverändert überlebt. Etwa die Krka-Wasserfälle, wo Lex Barker mit der Französin Marie Versini flirtete, die Winnetous Schwester Nscho-tschi spielte. Noch heute spucken Büsche unzählige Wasserfontänen aus und fließen unten zu einer türkisfarbenen Badewanne zusammen. Beim Betrachten der Landschaft spulen sich im Kopf pausenlos Szenen aus den Filmen ab. Diese Zeitreise in die Filmwelt der sechziger Jahre ist möglich, weil die meisten Motive in Nationalparks wie Krka, Paklenica oder Plitvice gedreht wurden. Die Karstwunder der Wasserfälle etwa werden streng geschützt und locken die Touristen an. Doch eine Reise in den kroatischen Wilden Westen führt bisweilen inmitten realer Historie.

Unweit des Zrmanja-Canyons in der Nähe des Ortes Obrovac weist ein kleines Schild den Weg nach „Sveti Rok". In der Ferne türmt sich das Velebit-Gebirge auf. Die alte Pass-Straße führt zum Gipfel Tulove Grede am Mali Alan, wo Winnetou durch die Kugel des Banditen Rollins starb und so Millionen Zuschauer zu Tränen gerührt wurden. Die schmale Straße windet sich am Berg entlang, vorbei an einer Bauxit-Grube und kreuzt eine neue Schnellstraße.

Dann verliert sich der Asphalt in einem Schotterpfad, der sich durch mächtige weiße Felsen in den Berg schraubt. Am Wegesrand warnen Schilder mit Totenköpfen vor Landminen: Im Jugoslawien-Krieg kamen hier serbische Soldaten über den Mali Alan. Erbitterte Gefechte folgten, ganze Orte wurden zerstört. Beide Seiten, Kroaten und Serben, legten Minen aus, auch am Straßenrand. Nationalpark-Ranger Vrane Spalg hat davor gewarnt die Straße zu verlassen: „Es gibt Karten, in denen wurden die Lage der Minen eingetragen." Doch niemand mag versichern, ob diese tatsächlich komplett sind. Mehr als 15 Jahre nach Kriegsende säumen Ruinen wie Mahnmale den Weg. Ein verlassener Gefechtsstand lugt unter einer Geröllhaube hervor. Eine Gruppe vierrädriger Motorräder staubt von oben heran, danach herscht wieder vollkommene Stille. Ein Kranz mit den Nationalfarben Kroatiens liegt an einem Stein und erinnert an die gefallenen Soldaten, bereits eine Kurve weiter liegt hinter einer Steinmauer die legendäre grüne Wiese mit den bizarren Felsen, wo Pierre Brice seinen Filmtod Winnetous mimte. Eine Park-Rangerin sagt, dies sei der schönste Ort Kroatiens, warnt jedoch im selben Moment davor den schmalen Pfad zu verlassen, um über das Grün hinüber zu Winnetous Sterbeort zu eilen. Mittlerweile haben Spezialisten die Felsenwiese zwar Meter für Meter nach Minen abgesucht. Ein falscher Tritt kann aber noch immer den Tod bringen. So bleibt dem Besucher nur der Blick auf einen mythischen Ort, über den die Wolken wie Rauchzeichen ziehen und reelle Gefahren lauern. Einige Todesmutige steigen trotzdem in die Felsen, verkleidet als Winnetou mit Perücke und Büchse ausstaffiert. Im Internet posieren sie vor der Kultstätte indem sie exakt die alten Kameraeinstellungen für Fotos nachstellen.

In einem Kasten an der Mauer liegt ein Buch: „Karl May Fanbuch 2" prangt in typischen Western-Film-Lettern auf dem Titel. Im Buch haben sich deutsche und wenige tschechische Winnetou-Pilger verewigt. Zwischen den wenigen Zeilen teilen sie allesamt die selbe Faszination, die sie stets zurückkehren lässt. Zu diesem Ort, wo vor einem halben Jahrhundert dutzende Pferde mühsam den Pass heraufgeführt werden mussten, um zwischen malerischen Felsen den Showdown zwischen Indianern und Banditen zu inszenieren. Dort, wo die Apachen ihr Gold versteckten und Winnetous Vater und Schwester ermordet wurden. Es braucht nur einen Blick auf die Wiese mit den Felsen und man befindet sich in Winnetous Welt.

Vor einiger Zeit wanderte Pierre Brice durch die Paklenica-Schlucht, durch die er einst mit seinem schwarzen Pferd galoppierte. Seine Begleiter sahen einen alten Mann, der mit jedem Schritt weiter in die Vergangenheit zurück stieg: „Es ist alles noch genauso schön wie damals", sagte der Film-Star. Seine Fans stimmen dem zu.

 
 

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