Die MS Albatros ist noch immer ein Schiff zum Liebhaben

Bereits zum neunten Mal stechen Leserinnen und Leser des Reise Journals mit der "weißen Lady" in See.
Bereits zum neunten Mal stechen Leserinnen und Leser des Reise Journals mit der "weißen Lady" in See.
Neue Freundschaften schließen, alte Bekannte wieder sehen, schöne Orte erkunden - für die knapp 250 Passagiere der MS Albatros ging dieser Traum auf der Galafahrt durchs Mittelmeer und Schwarze Meer in Erfüllung. Viele sind Stammgäste und haben viele heitere oder romantische Geschichten auf Lager.

Nizza. Mit jedem Meter, den sich der Bus näher in Richtung Hafen schlängelt, werden die Reisenden unruhiger. Doch noch ist nichts zu sehen von ihr. Nur Wohnhäuser, Gemüseläden und Autos. Viele Autos. Nizza spannt seine Besucher noch ein bisschen auf die Folter. Knapp 1200 Kilometer haben sie geduldig hinter sich gebracht, doch jetzt, so kurz vor dem Wiedersehen, mag niemand mehr warten. Einmal noch abbiegen, dann endlich taucht sie auf. Erst das Heck, dann der türkisfarbene Schornstein, dann liegt sie da in voller Länge: die MS Albatros.

Bereits zum neunten Mal stechen Leserinnen und Leser des Reise Journals mit der „weißen Lady“ in See. Knapp 250 gehen diesmal mit an Bord, wollen während der Tour durchs Mittel- und Schwarze Meer den Ätna auf Sizilien besteigen, Istanbul bei Nacht kennenlernen oder durch die Katakomben von Odessa streifen.

Hinaus aufs Meer

Auch Ursula Scheffler-Huneke ist gespannt auf die vielen Ausflüge. Einer liegt der Essenerin aber besonders am Herzen. Im italienischen Städtchen Taormina möchte sie einen Freund wiedersehen, den sie dort vor 46 Jahren kennenlernte. Lockeren Kontakt haben sie und Rosario seitdem gehalten. Eine Postkarte hier, ein kleines Geschenk da. Nur getroffen haben sie sich danach erst einmal – aber auch das ist schon wieder rund 30 Jahre her. „Als ich gesehen habe, dass die Reise auch nach Taormina führt, habe ich im Internet nach seiner Telefonnummer gesucht“, erzählt die 70-Jährige. Und sie hat sie gefunden. Obwohl er kein Deutsch und sie kein Italienisch spricht, haben sich die beiden verabredet. „Irgendwie haben wir das hingekriegt“, sagt Scheffler-Huneke. Fragt sich nur, ob Rosario das auch so sieht.

In zwei Tagen wird die Essenerin mehr wissen. Jetzt heißt es erst mal Leinen los und Abschied nehmen von Nizza, hinter dessen Hügeln die Sonne längst untergegangen ist und dessen Lichter nun so absurd hübsch glitzern, dass es keine passendere Kulisse für das geben kann, was jetzt aus den Lautsprechern schallt: Zu den Klängen von Vangelis’ „Conquest of Paradise“ schiebt sich die Albatros in Richtung Meer. Es ist einer der raren Momente, in dem sich die alte Lady nicht von ihrer bescheidenen Seite zeigt.

Die Leute einfach anquatschen

Denn eigentlich ist sie genau das: ein Schiff zum Liebhaben und wohlfühlen. Kein anonymer Luxuskreuzer, sondern ein Ort, an dem man zusammenkommt. Ob mit den Tischnachbarn im Restaurant Pelikan, beim Frühschoppen am Pool oder Schunkeln in der Casablanca Bar – auf der Albatros ist man nie allein. Auch wenn man allein gekommen ist.

Christa Ansorge, Mechthild Kasperowski und Franz Dwornik haben sich im vergangenen Jahr gefunden. „Wir saßen beim Essen am gleichen Tisch und haben von Anfang an harmoniert“, sagt Ansorge, die seit dem Tod ihres Mannes alleine reist. Erst trafen sich nur die beiden Frauen aus Duisburg und Oberhausen, dann nahmen sie auch den Dinslakener Dwornik unter ihre Fittiche. „Das war so ein Eigenbrötler“, erinnert sich Ansorge. „Ich wollte euch bloß nicht stören“, entgegnet Dwornik. Ansorge lacht. „So bescheiden is’ er. Ich quatsch’ die Leute ja einfach immer an.“

Kapitän seit acht Jahren an Bord

Geschichten wie diese findet man viele auf der Albatros. Freundschaften werden hier geschlossen, Wiedersehen gefeiert, manch einer soll sich gar auf dem Schiff verliebt haben. Einer, der sich in das Schiff verliebt hat, ist der Mann, der jeden Morgen fröhlich „von de Brrrügge“ grüßt. Kapitän Morten Hansen gehört zur Albatros wie die Wellen zum Meer. Auch wenn er scherzhaft von sich behauptet, er sei nur für drei Dinge da – „Anlegen, ablegen, hinlegen“ – kann man sich die Albatros ohne ihn kaum vorstellen. Seit der ARD-Doku-Serie „Verrückt nach Meer“ ist der Norweger Kult. Manche Gäste buchen die Reise auch wegen ihm und seiner lockeren Art. „Man sieht, dass das nicht aufgesetzt ist“, findet etwa Horst Ruta, der mit seiner Frau Gabriele zum ersten Mal auf der Albatros ist. „Die gesamte Crew ist sehr professionell, aber menschlich. Und das Schiff ist für mich ein Traum“, sagt er.

Selbst Stammgäste, die die Albatros seit Jahren kennen, sind immer noch begeistert. „Weil sie so klein und gemütlich ist“, sagt Ingrid Pyka aus Bochum. Zwar sei sie mit ihrem Mann auch schon mit größeren Schiffen unterwegs gewesen, „aber das war Käse hoch vier“, findet der. Auch Kapitän Hansen hat es mit anderen Schiffen versucht. „Ich hab’ alles ausprobiert, vom kleinen Fischkutter bis zum Öltanker und Containerschiff“, sagt er. Doch als er 1989 auf seinem ersten Kreuzfahrtschiff anheuerte, war klar: Das und nichts anderes. Die Beziehung zur Albatros dauert nun acht Jahre.

Ein Strand vor einem halben Jahrhundert

Über so eine Zeitspanne kann Ursula Scheffler-Huneke nur lachen. Vor 46 Jahren hat ihr Rosario sein Sizilien gezeigt, ist mit ihr nachts aufs Meer hinausgefahren, um Fische zu fangen, hat ihr „Azzurro“ von Adriano Celentano vorgespielt und ihr die erste Pizza ihres Lebens spendiert.

Fast ein halbes Jahrhundert später hat sie Rosario tatsächlich wiedergetroffen. Er ist mit ihr zum Strand vor der kleinen Insel Isola Bella gefahren. „Ich hab’ ihn gefragt, ob er sich noch erinnern kann, wie wir in der Blauen Grotte Seeigel gegessen haben.“ Er konnte – und musste lachen. „Seine Art zu lachen, die hatte ich schon ganz vergessen. Aber stimmt, dachte ich, genau so hat er damals auch gelacht.“

Ob sich die beiden noch einmal wiedersehen? Verabredet haben sie sich nicht, doch eins ist sicher: Scheffler-Huneke war nicht zum letzten Mal auf der Albatros.

 
 

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