Die Kraft der Kerne

Foto: MSG

Neuerdings kommt der Kürbis sowohl im Massageöl als auch im Kochtopf zum Einsatz.

Augen zu und entspannen. Zwei sanfte Hände setzen an zur magischen Acht. Die Augen kurz geöffnet und durch das Loch in der Massageliege auf die Hosenbeine der Masseurin geschaut: Ihre ganze weiße Gestalt scheint mitzuwiegen, während ihre Hände über den Rücken der Besucherin gleiten. Wie ein Schwamm saugt die Haut das Öl auf, das geschulte Finger auf dem ganzen Körper verteilen.

Magische 8 heißt dieses Ritual, das Gerti Krobath, Leiterin des Syrian Spa in der Therme Bad Waltersdorf, gemeinsam mit der Kurärztin Dr. Margit Wiessner entwickelt hat. Lange haben sie ausprobiert und getüftelt, bis die richtige Kombination aus Kürbisfruchtfleisch und Kürbiskernöl, vermischt mit Mandelöl und Rosskastanienextrakt, gefunden war. Die geschmeidige Mixtur wird mit fließenden Achterbewegungen einmassiert, wie in einem Tanz schwingt der ganze Körper der Masseurin in einer riesigen dreidimensionalen Acht über der Liege. Das Ganze soll Muskeln entspannen, Gelenke lockern, Stress lindern und ganz einfach gut tun.

Leib und Seele schmelzen dahin, und der Kopf nickt zustimmend, wenn man sich vorher die Ideen zu Gemüte geführt hat, die der „Magische 8-Kürbisölmassage” zu Grunde liegen: „Wir wollen einfach das nutzen, was die Natur uns schenkt”, so Margit Wiessner. „Schauen Sie doch mal raus: Überall Kürbisfelder, Weinberge und Apfelgärten.”

Apfel, Traub und Kürbiskern

Eines muss man den Österreichern wirklich lassen: Sie verstehen es bestens, ihre regionalen Produkte mit Geschäftssinn und Charme zu vermarkten. Denn wer würde bestreiten, dass Kürbis und Äpfel, Trauben und Wein besser in die ländlichen Gefilde Austrias passen als Shiatsu und Ayurveda?

Durch die Rückbesinnung der Einheimischen auf ihre Wurzeln kommen die Gäste in den Genuss genuin steirischer Bodyschmankerln wie Getreide-Kürbiskern-Packung, Steirisches Polenta-Peeling, Apfel-Entschlackungsmassage mit Apfelsaft und Leinöl oder Gesichtsbehandlung mit Extrakten der weißen Weintraube und des roten Weinblattes. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt - und wie schon seit jeher durch den Magen geht die Liebe jetzt eben auch unter die Haut.

Sieben topmoderne Thermen

Die Ingredienzen für die neue alte Errungenschaft wirft die Natur den Menschen direkt vor die Füße. Schließlich gilt die südöstliche Steiermark mit ihrem sanften Hügelland, fruchtbaren Böden und milden Klima schon immer als Speisekammer Österreichs. Kürbis-, Mais- und Weizenfelder wechseln sich ab mit üppigen Obst- und Weingärten. Dazwischen Burgen, Bauerndörfer und heiße Quellen - überbaut von gleich sieben topmodernen Thermen.

Im Mai werden in dieser Gegend Millionen kleine Pflänzchen des Steirischen Ölkürbisses in die Felder gesetzt, bestrahlen im Juni und Juli das ganze Land mit ihrer leuchtend gelben Blüte. Im Oktober wird geerntet, was sich natürlich mit der neumodischen Halloween-Mania bestens trifft. Kommerziell genutzt werden beim Steirischen Ölkürbis nämlich nur die Kerne. Auch wenn Steirisches Kürbiskernöl heute weder in der Gourmetküche noch in der Wellness-Oase fehlen darf und in ganz Europa vermarktet wird, hergestellt wird es noch häufig in kleinen Familienbetrieben.

In Fehring beispielsweise betreiben Müllermeisterin Diana Berghofer und ihre Schwester Liane in sechster Generation die Berghofer-Mühle. Der vierstöckige Bau am Ufer des Flüsschens Raab geht auf eine Mühle aus dem 12. Jahrhundert zurück.

Nach wie vor treibt der Bach - heute allerdings mittels Turbinen - die Maschinen an. Ein Höllenlärm empfängt die Besucher, Mehlstaub liegt in der Luft, es duftet wunderbar nach frisch gemahlenem Korn und gerösteten Kürbiskernen. Auf Bestellung bereitet Mama Berghofer für Besucher eine traditionelle „Kernöa-Oaspeis” zu, zu Deutsch Rührei mit Kernöl und Kürbiskernen. Im Mühlenladen gibt's neben Getreideprodukten die verrücktesten Kürbiskern-Variationen: vom leicht gesalzenen Knabberkern bis hin zu Kürbiskernen mit weißer Schokolade und Orangenaroma oder auch mit Wasabi, dem höllenscharfen japanischen Meerrettich. Auch Kürbiskernlikör, Kürbisblütenbrand und Kürbiskernölseife sind zu haben.

Ebenfalls in Fehring hat auch Johann Koller die Zeichen der Zeit erkannt. Gemeinsam mit einem befreundeten Koch ersann der 40jährige Besitzer des Kürbishofs Koller Leckereien wie Kürbiskernpesto, getrüffeltes Kürbissschmalz, Kürbischutney oder auch Kürbiskonfitüre mit Ingwer. Darüber hinaus bietet die Frucht den Köchen der Region noch eine Menge Spielraum.

Da der einheimische Ölkürbis kulinarisch nicht gerade eine Offenbarung ist, baut man seit einiger Zeit auch viele andere Sorten an - groß und klein, grün, rötlich und gelb, zart oder dickschalig, kugelig oder in der Form von Ufos.

Kürbissuppe oder -strudel gehören zu den Klassikern, aber auch moderne Kreationen wie Kürbisnockerln, Spargel mit Prosciutto und Kürbiskernpesto oder Kürbisblüten mit Pfifferlingfüllung auf Kürbiscreme sind heute schon auf vielen Speisekarten zu finden. Zum Dessert empfiehlt sich dann ein Kürbiskernparfait mit Himbeermark. Liebe geht eben doch nicht nur durch die Haut.

 
 

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