Die Hauptstadt der Palmen

Andreas Steidel

Palma de Mallorca liegt nur wenige Kilometer vom Ballermann entfernt – und ist mehr als ein Geheimtipp

Letztlich ist es die Frage, ob man am Flughafen links oder rechts fährt. Links geht es zum berüchtigten Ballermann, zum Zentrum des schlechten Benehmens, von dessen Ruf Mallorca bis heute ebenso profitiert wie es leidet. Rechts hingegen liegt Palma, die Hauptstadt der Insel. Eine Stadt mit 40 Museen und mindestens ebenso vielen Kirchen, einem großflächig erhaltenen Altstadtensemble und Jugendstilhäusern. Zwei Reiseziele in der gleichen Bucht, 15 Kilometer voneinander entfernt, mit komplett unterschiedlichen Urlaubswelten.

Wir sind rechts abgefahren. Ein Taxi hat uns in unser Altstadthotel gebracht. Die Stadtgrenze war im Nu erreicht, doch das Gezirkle durch die Altstadtgassen abenteuerlich. Wie gut, dass wir uns gegen einen Mietwagen entschieden haben. Wo hätten wir parken sollen? Und wo fahren? In der Altstadt gibt es entweder Einbahnstraßen oder Fußgängerzonen.

Das Hotel San Lorenzo ist ein Traum. Ein altes Stadtpalais, umfunktioniert zur Touristenherberge, auf der Dachterrasse ein kleiner Swimmingpool, platziert zwischen Palmen und einem Kirchturm.

Das Zimmer liegt im dritten Stock. Französischer Balkon, zur Gasse hin. Wäsche und Vogelkäfig des Nachbarn sind fast greifbar. In der Mitte der Gasse läuft ein dickes Kabelknäuel, ein abenteuerliches Konstrukt.

Man spricht am besten ein paar Brocken Spanisch oder Katalan in Palma. Mit Deutsch wie auf dem Ballermann kommt man nicht sehr weit. Mit Englisch auch nicht.

Es gibt diese Orte tatsächlich in der Hauptstadt Mallorcas. Bars, in denen Kellner mit hochgezogenen Augenbrauen auf die Bestellung warten und man tunlichst wissen sollte, was man haben möchte. Die Bar Bosch ist so ein Original, direkt an der Placa Rei Joan Charles I. gelegen. Hier gibt es einige der besten Langostas der Stadt, geröstete Sandwiches mit Olivenöl, Schinken und Käse und einen köstlichen „cafe con leche”. Hier ist die Speisekarte immerhin noch übersetzt, in der Xocolateria Ca'n Joan de S'Aigo hingegen ist alles landestypisch. Dieses Juwel eines Cafe´- oder Schokoladenhauses versteckt sich in einer Altstadtgasse, unweit der Placa Major. Zu einem Spottpreis von 1,60 Euro servieren die Kellner eine Trinkschokolade vom Allerfeinsten.

Hat man sich sprachlich durchgekämpft, landet man schließlich bei der „Enseimada”, dem puderzuckersüßen Blätterteiggebäck, das typisch für Mallorca ist.

Wir lassen uns nun durch die Altstadt treiben. Verwinkelte Gassen, schöne Shopping-Promenaden, viele Plätze, kleine Läden, Cafe´s und Restaurants. Alles blitzsauber, wie geleckt ist das Pflaster der Fußgängerzone und der schicken Einkaufsstraße Rei Jaume III. Der Tourismus hat Mallorca reich gemacht. Diesen Reichtum muss man ja nicht im Hinterhof verstecken.

Plötzlich stehen wir vor dem Bauwerk aller Bauwerke in Palma, der alles überragenden Großkirche „Sa Seu”, dem Wahrzeichen. Ein Priester in weißem Talar bereitet gerade die Messe vor, geht um einen Marmoraltar herum, über dem ein verspielt wirkender Jugendstilbaldachin schwebt. Überall prangen goldene und grüne Palmenornamente. Selbst im Inneren der Kirche ist der Namensbaum der Stadt allgegenwärtig. Früher einmal lag die Kathedrale direkt am Meer. Heute sind ihr ein Park, eine Straße und eine Strandpromenade vorgelagert. Eine Strandpromenade, die zwischenzeitlich sogar mit einem Radweg ausgestattet ist. Auf ihm könnte man weiterradeln bis zum Ballermann. Doch das wird nicht passieren: Wer in Palma Urlaub macht, den zieht es nicht in die Sangria-Hochburgen. Und die, die dort sind, interessieren sich wohl nicht für das Leben in der Hauptstadt. Wir jedenfalls haben sie nicht gesehen.

Übrigens waren wir nicht einmal im vielgelobten Hinterland, sondern sind volle drei Tage in der Hauptstadt geblieben. Langweilig war es nie und vermisst haben wir auch nichts. Nur Palma ein bisschen, am letzten Abend, als wir mit dem Taxi wieder Richtung Flughafen abbiegen mussten.