DGzRS rettet seit 150 Jahren Schiffbrüchige

Der Seenotkreuzer "Hermann Rudolf Meyer" ist eines der 60 Schiffe der DGzRS.
Der Seenotkreuzer "Hermann Rudolf Meyer" ist eines der 60 Schiffe der DGzRS.
Seit ihrer Gründung vor 150 Jahren hat die DGzRS rund 82.000 Schiffbrüchigen das Leben gerettet. Heute sind an Nord- und Ostsee 60 Schiffe im Einsatz.

Essen.. Frostig ist es an diesem frühen Frühlingsmorgen. Als ob er sich wärmen wollte, hat sich der Himmel über Norddeutschland in einen dicken, schmuddelweißen Nebelmantel gehüllt. Der einzige Farbtupfer ist die weithin leuchtende rote Signalfarbe des Seenotkreuzers „Hermann Rudolf Meyer“. Am Alten Vorhafen zwischen Geeste und Weser warten Mannschaft und Schiff auf ihren Einsatz. „In unserer Region tummeln sich viele Freizeitskipper. Deshalb geht es überwiegend von Ostern bis Oktober rund. 2000 Quadratkilometer beträgt unser Revier. Von Brake an der Unterweser, Richtung Vogelinsel Mellum, Leuchtturm Roter Sand bis zur Westkante der Insel Neuwerk“, erzählt Klaus-Dieter Muth, während er in der kleinen Kombüse frischen Tee aufbrüht.

Er ist einer von 25 aktiven Freiwilligen der Bremerhavener Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Insgesamt sind die 60 Schiffe, die sich auf 54 Stationen zwischen Borkum in der Nordsee bis Ueckermünde an der Ostsee verteilen, im vergangenen Jahr knapp 2200 Mal ausgelaufen. 768 Menschen wurden gerettet. Wobei Sport- und Berufsschifffahrt gleichermaßen betroffen waren.

Am 29. Mai ist es genau 150 Jahre her, dass die DGzRS in Kiel gegründet wurde. Auslöser sind Mitte des 19. Jahrhunderts tragische Schiffsunglücke mit zahlreichen Toten vor allem in der Nordsee vor den ostfriesischen Inseln.

Leben einsetzen,um Leben zu retten

Zunächst ist es nicht leicht für die Verfechter und Wegbereiter, die Bevölkerung an der Küste zu motivieren, ihr Leben freiwillig zur Rettung fremder Menschen einzusetzen. Nach und nach bilden sich kleine Rettungseinheiten an Nord- und Ostsee. Sie schließen sich 1865 zur „Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ mit Sitz in der Hansestadt Bremen zusammen.

Offene Ruderboote aus kannelliertem Eisenblech, Raketenapparate, um Taue zu den Schiffbrüchigen zu schießen und diese mittels Hosenbojen an Bord zu hieven, sind die ersten Ausstattungsmaterialien. Die Retter selbst tragen Ölzeug und Korkschwimmwesten. Ab 1911 erleichtern dieselbetriebene Motorboote die riskante Arbeit. „Die heutigen Schiffe sind im Netzspantensystem komplett aus Aluminium gebaut und als Selbstaufrichter konstruiert“, erklärt Vormann Ulrich Fader: „Das bedeutet, sie richten sich selbst nach einem Durchkentern in schwerster See wieder auf.“

Unzählige Einsätze sind in 150 Jahren gefahren, wohl 82.000 Leben gerettet worden. Freizeitkapitäne fahren kurz vor einem Gewitter noch raus aufs Meer, Menschen fallen von Bootsstegen, Kreuzfahrtschiffen oder Fähren oder laufen ins Watt. In der frühen Vergangenheit waren es die Auswandererschiffe, die kenterten. Sie transportieren auch Kranke von Halligen/Inseln. Aber auch Geburten gab es schon auf einem Kreuzer.

Freiwilligkeit und Unabhängigkeit

Von Anfang an setzte man auf Freiwilligkeit und Unabhängigkeit. Die DGzRS ist ein rechtsfähiger Verein kraft staatlicher Verleihung, der aber keinerlei Unterstützung aus Steuergeldern erhält, sondern sich nur aus freiwilligen Zuwendungen wie Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Nachlässen oder Bußgeldern finanziert. Bereits 1875 werden die ersten Sammelschiffchen, das Symbol der Seenotretter, aufgestellt. 15 000 sind es immer noch, die zwischen Sylt und Oberstdorf vornehmlich auf Theken in Gaststätten und Hotels für die DGzRS werben. Insgesamt 180 festangestellte Mitarbeiter und 800 Freiwillige sind derzeit für die Seenotrettung tätig.

Ihren Namen erhielten die 20 Seenotkreuzer und 40 Rettungsboote häufig nach großen Mäzenen, Orten, aus denen besonders viele Spenden kommen, oder Männern, die während einer Rettungsaktion ihr Leben verloren. „Der Name „Hermann Rudolf Meyer“ geht auf den 1979 verstorbenen Verleger des Bremer „Weser-Kuriers“ zurück“, sagt Fader. Vier Personen arbeiten im zweiwöchigen Schichtdienst. Neben mindestens zwei Nautikern muss auch ein Maschinist an Bord und ein Mitarbeiter als „Ersthelfer See“ ausgebildet sein. Wenn erforderlich, fährt ein Arzt mit.

Seit zwölf Jahren ist Ulrich Fader Vormann des 23,1 Meter langen Seenotkreuzers. Der gebürtige Schwabe ließ sich bei der Reederei Hamburg Süd als Matrose ausbilden. Die DGzRS rettete ihn vor der Arbeitslosigkeit. Das ist jetzt schon über 30 Jahre her. Neben Ulrich Fader (52 Jahre alt) verrichten noch Torsten Möllenberg (54) und Stev Klöckner (48) als Festangestellte ihren Dienst. Der vierte der echten Kerle, Klaus-Dieter Muth (62), „heuerte“ nach seiner Pensionierung bei der Marine als Ehrenamtlicher an. Im Unterdeck hat jeder ein bisschen Privatsphäre, die eigene Kabine.

Über der Kombüse prangen fünf Sterne. „Die „Hermann Rudolf Meyer“ ist berühmt für sehr gute Küche“, meint Torsten Möllenberg. Gegessen wird am halbrunden Tisch in der Messe, der auch dazu dient, Verletzte zu versorgen.

Leckereien in der Gourmet-Kombüse

Das Oberdeck ist das Revier der beiden Nautiker Fader und Möllenberg. Die Brücke ist mit modernsten Navigations-, Kommunikations- und auch Peilanlagen ausgestattet. Koordiniert werden sämtliche Einsätze über die Seenotleitung Bremen, das MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre). Rund um die Uhr arbeiten hier die Funker und die Nautiker in einem Drei-Schicht-Dienst.

Während die Crew in Bremerhaven an der Nordsee einen ruhigen Tag verlebt, geht am späten Nachmittag bei der Seenotleitung Bremen ein Hilferuf aus der Ostsee ein. Im dicksten Nebel hat sich ein Mann im kleinen Schlauchboot südlich von Fehmarn zum Angeln aufgemacht – und schon nach zehn Minuten die Orientierung verloren. Die Kollegen des Seenotkreuzers „Bremen“ von der Station Großenbrode laufen sofort aus, machen sich auf die Suche. Doch die gestaltet sich schwierig.

Wie sich später herausstellen soll, sieht der tollkühne Fischer zwar die rote Signalfarbe, die Seenotretter aber den tollkühnen Fischer nicht. Das Telefon – Akku leer. Das Wetter: kalt und mies. Die Nacht – eine Gefahr. Auch die Entscheidung des Fischers, dem Seenotkreuzer hinterher zu fahren, erleichtert die Suche nicht. Nach Stunden nimmt eine dramatische Geschichte ein gutes Ende.

Da köchelt in der Gourmet-Kombüse der „Hermann Rudolf Meyer“ bereits eine kräftige Kartoffel-Lauch-Suppe. Fünf Sterne für die Seenotretter!

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