Der gute Geschmack Eivissas

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Es gibt viele verschiedene Vorlieben, auf Ibiza lernt man die Unterschiede zu schätzen. Modisch und kulinarisch

Der Mercado Nuevo ist kein Ort für Romantiker. Die neue Markthalle ist vielmehr ein praktikabler Betonbau, der sich zwischen die umliegenden Wohnblocks zwängt. Nicht der schönste Ort der spanisch benannten Insel Ibiza, aber dennoch der wohl geschmackreichste Platz in Eivissa, der katalanisch bezeichneten Hauptstadt der Baleareninsel, wenn man sich auf die Suche nach dem Geschmack der Insel begibt.

„Der Markt ist die Basis”, sagt Joan Riera. Der Chef des Ca Ñ´ Alfredo muss es wissen, schließlich ist sein Restaurant berühmt für traditionelle ibizenkische Kochkunst. An den Marktständen findet sich auch alles, was die Küche der Insel ausmacht. Bei den unförmigen Würsten, die am Stand neben dem Seiteneingang herunter baumeln, handelt es sich ohne Zweifel um Sobrasadas. Wie auf Mallorca genießt die Mettwurst auch auf Ibiza eine fast heilige Verehrung. Je nach Form unterscheiden die Kenner zwischen Riazada, Llonganissa, Bufeta, Culana und Bisbe. Der „Bischof” unter den Sobrasadas erreicht die Größe einer Reisetasche, ist aber ein gefüllter Schweinemagen. Berühmt sind die Pitiusen, so wird das nah beieinander liegende Insel-Duo Ibiza und Formentera genannt, auch wegen des Raor-Fisches. Für den baskischen Sternekoch Juan Mari Arzak ist es der „beste Fisch der Welt.” In der Markthalle sucht man ihn jedoch vergebens. Er ist so selten geworden, dass er nur noch vom Spätsommer bis zum Herbst gefangen werden darf.

Gegenüber dem Mercado Nuevo befindet sich ein seltsamer kleiner Laden mit allerlei Kräutern und Tees. Der Name Café-Shop bezieht sich auf das Regal hinter der Verkäuferin. Dort sind Beutel mit wunderbar altmodischen Designs aufgereiht, die von „Cafés Ibiza”, der einzigen Inselrösterei stammen. Selbstverständlich werden die Bohnen noch an Ort und Stelle gemahlen.

Auf dem Weg in Richtung Hafen sollte ein Tourist, der sich aufmacht den Insel-Geschmack zu erkunden, unbedingt einen Halt einlegen. Enotecum, auf der Avenida Isidor Macabich 43, ist die führende Adresse Ibizas in Sachen Wein. Vier Weinkellereien gibt es derzeit auf dem Eiland. „Typisch sind milde Rotweine mit Nuancen aromatischer Kräuter”, erklärt Javier Escandell. Als Kauftipp empfiehlt der Weinhändler den roten Merlot von Can Maymó, einer Kellerei in Sant Mateu d ´Albarca.

Die für Ibiza typischen Anis- und Kräuterliköre stehen selbstverständlich auch in den Regalen der Weinhandlung, aber man kann sie auch direkt beim Erzeuger kaufen. Man geht einfach einige hundert Meter weiter in Richtung Hafen. An der Avenida Santa Eularia 19 hat seit gut 80 Jahren die Licorería Aniseta ihren Platz. Doch wo vor einem Jahr noch ein einfaches Fischerhaus stand, in dem man handgemachte Schnäpse erwarb, macht sich nun ein mehrgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus breit. Trotz der neuen Verkaufsräume hat sich an den Zutaten für einen Hierbas, einem Kräuterlikör, nichts geändert. „Wir sammeln alle unsere Kräuter auf der Insel”, erklärt der Inhaber Fernando Ferrer: „Anis, wilde Minze, Salbei, Eukalyptus, Orangen- und Zitronenschalen, Kamille, Thymian sowie Rosmarin.”

Gegenüber im Hafen legt gerade eine Fähre aus Formentera an. Die großen Schiffe hinter dem Fährbahnhof brechen am Nachmittag nach Denia und Palma de Mallorca auf. Eivissa ist eine echte Schönheit, das sieht man besonders gut vom Moll de Pescadors, wo die kleinen Kutter der Fischer liegen. Auf dem Wasser des Hafenbeckens spiegeln sich die drei oder viergeschossigen Wohnhäuser der Altstadt, die den Stadtberg in mehreren Ringen umgeben. Darüber erhebt sich eine mächtige Mauer, die die ältere Hochstadt, die Dalt Vila, umschließt. Seit zehn Jahren gehört die Dalt Vila zum Unesco-Weltkulturerbe.

Eivissa hat seinen eigenen Stil und ist kaum mit einer Stadt des spanischen Festlands oder auch mit Mallorca vergleichbar. Das liegt zum einen an den Häusern und Gassen der Altstadt, die sich hoch hinauf zur Kathedrale winden, wo in der Antike eine Akropolis gestanden haben soll. Zum anderen ist es die Mischung vielfältiger Lebensstile und Traditionen: Künstler, Film- und Musikstars, Alt- und Neuhippies, gleichgeschlechtlich Liebende, Partytouristen, Kulturreisende oder Ruhesuchende – die 47 000 Einwohner-Stadt nimmt sie alle freundlich auf.

Vielleicht gelingt das so gut, weil eines auf dem anderen aufbaut oder jeder über ein paar Ecken mit jedem verbunden ist. Zum Beispiel die Mode: Ibiza ist berühmt für den so genannten Adlib-Stil. Die legere Mode, meist aus weißem oder schwarzem Leinen, entstand in den 70er Jahren und ist eine Fusion aus traditionell mediterranen Stilen und Trends der Hippiekultur. Heute spielen junge Modefirmen mit der Adlib-Tradition und mixen sie mit Trends der Club- und Partyszene. So wird Eivissa zu einem Transformator für neue Ideen, den auch internationale Designer wie Custo Dalmau, Jordi Labanda oder Paola Fendi zu schätzen wissen. In den Boutiquen rund um den Passeig Vara de Rey, dem Hauptboulevard der Stadt, findet man die aktuellsten Modetrends der Insel. Dort behauptet sich übrigens auch das Traditionshaus Ca Ñ Alfredo gegen alle neukulinarischen Trends. Gerade hat sich der Restaurantchef an einen freien Tisch vor seinem Lokal gesetzt und genießt die Sonne. „Man lebt hier sehr ruhig”, meint er: „Gleichzeitig hat man in Eivissa-Stadt alles was man braucht.” Und was empfiehlt Joan Riera zum Essen? Eine Borrida de Rajada, ein traditioneller Fischeintopf, dazu ein Wein von der Kellerei Sa Cova und als Nachspeise eine Greixonera, eine Art Brotpudding mit feinem Zimt und Zitronen-Aroma. Und genau so gut schmeckt auch Ibiza!

 
 

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