Der ewige Zweite

Am Ziel einer beschwerlichen Reise: Mac
Am Ziel einer beschwerlichen Reise: Mac
Foto: Mona Contzen
Der Inka Trail in Peru wird von tausenden Touristen zu Tode geliebt. Dabei gibt es mit dem Salcantay Trek eine lohnenswerte Alternative.

Ein Schluck aus der Wasserflasche reicht schon, um außer Atem zu geraten. Die Luft am Fuße des Salcantay ist klar und frisch – und so dünn, dass sich schnell dröhnende Kopfschmerzen einstellen. Wer in den peruanischen Anden von der Höhenkrankheit verschont bleibt, muss sich den Weg zur legendären Inkastadt Machu Picchu trotzdem hart erkämpfen. Denn irgendwann bringt der Salcantay Trek fast jeden Wanderer an seine Grenzen. Steile Abstiege belasten die Gelenke, staubige Straßen die Atemwege und riesige Mücken zerren an den Nerven. Der Wanderweg ist nicht nur etwa doppelt so lang wie der berühmte Inka Trail, er gilt auch als ungleich härter – und als einer der schönsten Pfade der Welt.

Das Abenteuer beginnt so, wie es sich für ein Abenteuer gehört: In den frühen Morgenstunden ruckeln wir auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens den ersten Hügel hinauf. Das Handy zeigt keinen Empfang mehr, für die nächsten vier Tage sind wir auf uns gestellt. Natürlich gibt es auf einem Wanderweg, der zur berühmtesten Sehenswürdigkeit des Landes führt, keine vollkommene Einsamkeit. Doch vom Massenpilgern auf dem Inka Trail, wo sich tagtäglich 500 Touristen nach monatelanger Voranmeldung in einer langen Parade die Berge hinaufwinden, ist der Salcantayals Nummer zwei auf der touristischen Beliebtheitsskala noch weit entfernt.

Einer etwas korpulenten Belgierin ist das allerdings gerade völlig egal. Schon beim ersten kurzen Aufstieg helfen die Wanderstöcke nicht mehr. Mit reichlich Verzögerung und nach Luft japsend erreicht sie die grüne Wiese, von der die Gruppe schon die Aussicht auf sanfte Hügel und grasende Pferde genießt. „All diese Wege hier in den Bergen sind Pfade, die schon lange vor den Inka benutzt wurden“, erklärt Wanderführer Juan Carlos Quispe Quispe, kurz Carlos. „Den kommerziellen Inka Trail vermarktet die Regierung allerdings schon seit den 70er Jahren. Der Salcantay kam erst in den 90er Jahren als Alternative hinzu.“ Ihm fehlen zwar die Inka Ruinen entlang des Weges, stattdessen führt der Salcantay durch drei Klimazonen, deren Vielfalt ihm einen Platz auf der vom National Geographic Magazin geführten Liste der 25 schönsten Wanderwege der Welt gesichert hat.

Von Schwindelattacken geplagt

Der Trek beginnt hoch und führt immer höher. Kühe fühlen sich hier noch wohl, am Wegesrand wächst üppiger Flieder, auf der anderen Seite plätschert ein Bach. Die erste Etappe der rund 75 Kilometer schlängelt sich von Mollepata zwischen grünen Hügeln hindurch geradewegs auf den Salcantay zu, einen schneebedeckten, beeindruckenden Sechstausender. Kurz vor dem Ziel sitzt ein sportlicher Amerikaner von Schwindelattacken geplagt und sichtlich blass am Wegesrand. „Eigentlich trainiere ich gerade für einen Marathon“, sagt er entschuldigend und beißt entkräftet in einen Schokoriegel.

Etwa 150 Urlauber wandern in der Hochsaison täglich auf dem Salcantay. Entlang des Weges ist davon nicht viel zu spüren, erst im Zeltcamp treffen die Gruppen wieder aufeinander. Die Infrastruktur im Vilcabamba Gebirgszug ist auf den Wandertourismus ausgelegt: Kleine Buden verkaufen Wasser zu mehr als drei Euro den Liter, Pferde und Maultiere stehen für den Gepäcktransport bereit. In Cusco, dem Ausgangspunkt für alle Wandertouren in Richtung Machu Picchu, gibt es über 3000 Wanderführer – „und die reichen manchmal nicht aus“, sagt Carlos, der schon seit zehn Jahren Ausländer durch die Berge leitet.

Eine lebendige Kultur

„Wir hatten das Gefühl, wir müssen uns den Machu Picchu verdienen, das richtige Gefühl dafür entwickeln“, erklärt ein Schweizer Pärchen, warum es die Wanderung der Zugfahrt zur Inkastadt vorgezogen hat. Doch schon der zweite Tag auf dem Salcantay, nach einer eisigen Nacht im Zelt, zehrt an den Kräften. Der Pass über den „wilden Berg“, wie er in Quechua, der Sprache der Einheimischen, heißt, liegt auf 4600 Metern Höhe. Die Belgierin ist auf ein Pferd umgestiegen, inmitten der Geröllwüste klopft Carlos aufmunternd einer Kanadierin auf den Rücken, die sich unter einer Asthmaattacke krümmt.

Nicht nur Touristen quälen sich hier hinauf. Auch viele Peruaner, die in der Gegend Kartoffeln und Mais anbauen, machen dem Berg ihre Aufwartung. Obwohl die Spanier in Peru durchaus erfolgreich missioniert haben, halten die Quechua als Nachkommen der Inka an den Traditionen ihrer Vorfahren fest. „Diese Kultur ist immer noch lebendig“, erklärt Carlos. „Vor allem die Menschen in den Bergen leben noch mit den alten Traditionen, denn den Wind, die Sonne und die Berge konnten die Spanier nicht zerstören.“

Das Herz eines Vogels

Besonders die blumige Sprache, die in Peru mittlerweile zweite Amtssprache neben Spanisch ist, erinnert noch stark an das alte Volk – statt einem einfachen „danke“ sagt man hier „du hast das Herz eines Vogels“. „Quechua haben wir im Blut, Spanisch lernen die meisten Kinder aus den Bergen erst in der Schule“, sagt der 29-jährige Carlos, selbst Quechua. Und während Jesus und seine Jünger in der Kathedrale von Cusco beim letzten Abendmahl Meerschweinchen essen, das traditionelle Gericht der Region, müssen die Pferde- und Wanderführer unterwegs mit den weichgekauten Bällen aus Coca-Blättern vorlieb nehmen, die sie in den Wangen herumrollen. Das Allheilmittel gegen Hunger und Höhenkrankheit, das schon die Inka auf den Terrassenfeldern desMachu Picchu angebaut haben, hinterlassen sie auch dem Geist des mächtigen Salcantay als Zeichen des Respekts.

Doch sobald es an den Abstieg geht, hilft auch Coca nicht mehr. Ein großer Deutscher humpelt mit gequältem Gesicht und einer improvisierten Bandage in Richtung subtropische Zone. Die Mondlandschaft wird schnell zum Garten Eden, in dem Wanderer die Walderdbeeren, die Passionsfrüchte und Bananen nach Lust und Laune von den Bäumen und Sträuchern pflücken können. Reißende Gebirgsbäche rauschen ins Tal, Mücken schwirren um die schmerzenden Waden.

Doch schließlich schaffen sie alle es, die Belgierin und die Kanadierin, der Amerikaner und der Deutsche, bis zu den Schienen, die direkt nach Aguas Calientes führen. Das selbsternannte „Pueblo Machu Picchu“, das mit einem Mix aus kitschigen Inka-Statuen und dutzenden Pizzerien auf 3000 Touristen pro Tag bestens vorbereitet ist, liegt nur rund 1800 Stufen von einem der sieben neuen Weltwunder entfernt.

Mystische Inka-Stimmung

Und tatsächlich sollen die Schweizer recht behalten: Das richtige Gefühl, die mystische Inka-Stimmung, die sich wohl jeder Besucher von der Stadt erhofft, stellt sich im Morgengrauen mit den ersten Nebelschleiern ein, die um die kegelförmigen Berge wabern. Rund 500 Einwohner soll der „alte Berg“ bis ins 16. Jahrhundert gehabt haben – ebenso viele Touristen streifen jetzt durch die Ruinen. Denn die Wandergruppen, die sich die Inkastadt mühsam erkämpft haben, genießen diesen einen Vorteil: Sie erreichen Machu Picchu vor den Massen.

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