Der Darß im Winter - draußen frieren die Wellen

Marlis Heinz
Der Winter auf dem Darß kann eisig sein.
Der Winter auf dem Darß kann eisig sein.
Foto: Flickr
Eine Wanderung durch die Boddenlandschaft oder ein Zeichenkurs an der Küste - die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst hat auch im Winter viel zu bieten.

Darß. Es ist grimmig kalt. Behäbig schieben sich die Wellen auf den Strand und häufen dort ihren gefrorenen Schaum auf. Die Buhnen tragen Kappen aus milchigem Eis. Das Meer, noch wärmer als die Luft, scheint unter einer dunstigen Decke einzuschlafen.

Der Winter auf dem Darß kann eisig sein, so eisig wie an diesem Tag. Und doch spazieren bunte Punkte am Strand entlang. In den kalten Monaten ist die Halbinsel längst nicht mehr so menschenleer wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Reisten in den 80ern gerade zehn Prozent der Gäste zwischen Oktober und April an, ist es jetzt schon ein Drittel – Tendenz steigend. Und auch die Preise sinken nicht mehr automatisch mit den Temperaturen. Der Darß hat aufgetakelt, bietet Gourmet-Küchen, Wellness-Tempel, Galerien. Ach so, noch schnell eine förmliche Entschuldigung bei Fischland und Zingst: Die Ostsee-Halbinsel trägt nämlich, nach ihren drei aneinandergereihten Landflächen, offiziell den sperrigen Namen Fischland-Darß-Zingst. Sagt aber keiner.

Wanderungen durch die Boddenlandschaft

Wenn das auf den Boddenwiesen stehende Wasser gefroren ist, dann packen die Einheimischen ihre Schlittschuhe aus – ebenso die Gäste, die mit dieser Möglichkeit gerechnet haben. Darüber hinausgehende Wintersport-Utensilien mitzunehmen, lohnt nicht. Eine Schneedecke lässt der Wind selten liegen.

Was bei jedem Wetter reizvoll ist, sind Wanderungen durch die Boddenlandschaft und an die Nordspitze der Halbinsel, möglichst mit einem Nationalparkführer wie Lutz Storm. Durch ihn entdeckt der Laie Dinge, die er sonst vermutlich nicht bemerken würde: den Seeadler, die Eis-Enten, die trompetenden Singschwäne. „Hier kann Goethe nie gestanden haben“, erläutert der Experte die fortschreitende Verlandung. Wo sich zu welcher Zeit der Strand entlang zog, liest er an den Bäumen ab. „Überall, wo Buchen stehen, war schon vor 5000 Jahren Land. Auf die jüngsten Flächen haben es bislang nur die Kiefern geschafft.“

Früher oder später zieht es dann dennoch jeden in die wohlige Wärme. Am besten gleich in eine der Gaststuben. Dicht an dicht sitzen die Strandwanderer in der „Teeschale“ von Prerow. Kuchenduft und Stimmengewirr füllen den kleinen Raum. Wer hier seine Strandwanderung beendet, den erfüllt die Zufriedenheit eines Gipfelstürmers.

Faszinierendes Licht und Atmosphäre

Während in Prerow auch die reichen Schiffseigner wohnten, was man an den dekorativen Haustüren sehen kann, hat die Geschichte nach Ahrenshoop weniger Wohlstand geweht. Deshalb war man in dem armen Fischerdorf zufrieden, als in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zuerst die Maler, dann auch andere Künstler um Kost und Logis baten und sich später ansiedelten.

Sie faszinierte das Licht, welches, reflektiert von den Wasserflächen des Boddens und der Ostsee, den schmalen Landstreifen überflutete. Und die Atmosphäre. Die erste Straße führte 1956 ins Dorf, manches blieb dem 700 Einwohner-Ort von dieser Stimmung. Hier und da lädt ein Kunsthaus zum Eintreten. Das Dornenhaus zum Beispiel, um 1660 erbaut, war schon Bauern-, Seefahrer- und Zollhaus. Heute birgt es eine Galerie und Werkstätten.

Auch im Winter zum Pinsel greifen

Hochmodern gibt sich das 2013 eröffnete Kunstmuseum von Ahrenshoop, das Sammlungen der frühen Jahre der Künstlerkolonie zusammenführte und neue Werke einbindet. Schon die Architektur des Neubaus ist sehenswert.

Wer Lust bekommt, selbst zu Kreide oder Pinsel zu greifen, hat im Winter jedoch eine reduzierte Auswahl, denn die Motive der Malkurse sind oft draußen zu finden. Ein Blick auf das Programm lohnt dennoch, immerhin passiert das Töpfern drinnen, auch Zeichenkurse laufen unter Dach und Fach. Zu den Anbietern solcher Seminare gehört Hans Götze, Maler und lange Jahre Bürgermeister von Ahrenshoop. Seine Meinung: „Wer hier nicht malt, ist selber schuld.“ Sein Versprechen: „Nach fünf Tagen bringt selbst der Laie Akzeptables zu Papier.“

Tierische Begegnungen erhoffen sich die Teilnehmer mancher Foto-Workshops von Zingst, im Winter aber zumindest bizarre Eis-Landschaften. Rund ums Jahr werden dort Kurse für Profis, Amateure oder Neueinsteiger organisiert. Und die finden alles, was des Lichtbildners Herz begehrt – von der Druckerei über die Bildband-Sammlung bis zum Technik-Verleih. Und Motive.