Delft - schön wie ein Gemälde

Heike Weichler
Foto: Foto: vermeer

Grachten und Inseln: Die Stadt ist vom Wasser geprägt. Ihr Charme inspirierte den Maler Jan Vermeer und begeistert heute die Besucher

Wo hat er denn gemalt, und wo gewohnt?” Oder: „In welchem Haus wurde er geboren?” Diese Fragen bekommt Gretel Pitzer oft zu hören, und sie weiß auf alle eine Antwort. Die Stadtführerin kennt viele Plätze in Delft, die in Johannes Vermeers Leben eine Rolle gespielt haben.

Fast sein gesamtes, nur kurzes Leben von 1632 bis 1675 verbrachte der weltberühmte „Maler des Lichts” in der südholländischen Stadt. So führt die gebürtige Deutsche auf Rundgängen in die Voldersgracht Nr. 25, wo seine Eltern den Gasthof „Zum fliegenden Fuchs” betrieben und wo Vermeer geboren wurde. Im letzten Jahr eröffnete nebenan in der Nr. 21 das multimediale Vermeer Centre, das anschaulich das Leben und die Arbeit des Künstlers illustriert und ebenso die Geschichte hinter vielen seiner Bilder dokumentiert.

Das Sträßchen Hooikade am De Kolk-Hafenbecken zeigt ungefähr das Panorama, das Vermeer in seiner „Ansicht von Delft” festhielt. „Er sammelte auf Spaziergängen seine Eindrücke und brachte sie dann zuhause auf die Leinwand”, erzählt Gretel Pitzer. „Die Freiluftmalerei war damals noch unbekannt. Aus Gründen der Bildharmonie wurden schon mal Gebäude dazukomponiert oder Details wie Bäume und Brunnen.”

In der Oude Langendijk Ecke Jozefstraat bewohnte der Künstler lange Jahre mit seiner großen Familie ein Haus, das später abgerissen wurde. In dieser Umgebung entstanden 2003 auch die meisten Außenszenen für den Kinofilm „Das Mädchen mit dem Perlenohrring”, der auf einem Roman um das bekannteste Bild des Malers basiert. Zeitweise wusste Vermeer, der auch als Kunsthändler arbeitete, kaum seine Frau und die elf Kinder zu ernähren.

Ironie des Schicksals, dass 2004, als eines seiner nur 36 erhaltenen Bilder versteigert wurde, die „Junge Frau am Virginal” über 24 Millionen Euro bei einer Kunstauktion von Sotheby's in London erzielte. Auf die Frage, wo in Delft Vermeers Werke zu sehen sind, muss Gretel Pitzer enttäuschen: „Keines der Gemälde blieb in der Stadt. Drei Bilder sind im Königlichen Gemäldekabinett in Den Haag zu sehen, vier hängen im Rijksmuseum in Amsterdam.”

Wenigstens ist in Delft Vermeers Grab zu finden. Beigesetzt wurde der Meister in der Alten Kirche, erbaut um 1246 am Kanal Oude Delft. Auch sein Zeitgenosse Anthony van Leeuwenhoek (1632 - 1723) fand hier seine letzte Ruhestätte. Der Tuchhändler schliff Vergrößerungslinsen, um Stoffe besser beurteilen zu können und entwickelte später Mikros-kope. Als Amateur-Wissenschaftler war er der Entdecker von Bakterien und Körperzellen. Der Kirchturm mit fünf Spitzen neigt sich wegen des sandigen Untergrundes über zwei Meter aus dem Lot. Damit das Gemäuer nicht noch weiter in Schieflage gerät, wird die schwere Glocke nur selten geläutet. Zuletzt, als Prinz Bernhard im Dezember 2004 beerdigt wurde.

Egal, ob man sich einem geführten Rundgang anschließt oder lieber einfach umherschlendert: Delft ist überall malerisch schön. Die Struktur der Stadt hat sich in den letzten 500 Jahren kaum verändert. 80 Brücken verbinden elf Inseln, über 600 restaurierte Gebäude aus der Blütezeit der Stadt zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert säumen die Gassen. Delfts Wohlstand gründete auf seiner Bedeutung als wichtige Handelsmetropole. Der Import von Gewürzen und Porzellan aus Fernost florierte, Bierbrauereien, Tuchwebereien und Töpfereien machten gute Geschäfte. Keramikwerkstätten begannen die beliebten chinesischen Fayencen zu kopieren. Heraus kam dabei das bis heute berühmte Porzellan Delfter Blau.

Die einzige Manufaktur, die noch seit jener Zeit besteht, ist Royal Delft am Rotterdamseweg 196, südlich der Altstadt.

Bei einer Führung kann man die Herstellung erleben und den Porzellanmalern zuschauen. Im Museum sind die schönsten Stücke aus der 350-jährigen Geschichte des Unternehmens ausgestellt. Säulen, Brunnen und Wandmedaillons aus glasiertem Ton zieren den begrünten Innenhof – zeitweilig wurde auch Baukeramik in Delft gefertigt. Natürlich gibt es einen Fabrikverkauf. Antike Fliesen allerdings finden sich dort nicht. Die gibt es bei Koos Rozenburg, der seine Schätze im schmucken Giebelhaus am Markt 2 feilbietet. Etwa 2000 Stück hat er zusammengetragen, die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Zwischen 10 und 290 Euro liegen die Preise, sein ältestes Exemplar ist von 1575. „Die ersten Fliesen waren mehrfarbig bemalt, später dann im traditionellen Blau”, erzählt Koos und gibt noch einen Tipp: „Je dicker die Fliese, desto älter.”

Antiquitäten anderer Art sind im wichtigsten Museum der Stadt zu sehen, dem Prinsenhof am St. Agathaplein gegenüber der Alten Kirche. In diesem früheren Kloster residierte ab 1572 Willem van Oranje, der Gründer der Oranier-Dynastie. Mit seinen protestantischen Untertanen rebellierte er im 80-jährigen Glaubenskrieg gegen die spanisch-katholische Besatzungsmacht. Ausstellungen dokumentieren die Geschichte der Stadt und der Oranier. Neben Stillleben Delfter Meister sind beeindruckende Sammlungen Delfter Porzellans und höfischen Hausrats zu sehen.

Der spanische König übrigens setzte ein Kopfgeld für den aufständischen Oranier aus – mit Erfolg. Ein treuloser Gefolgsmann meuchelte Willem van Oranje, zwei Einschusslöcher sind noch im Treppenhaus zu sehen. Beigesetzt wurde der Prinz dann in der Neuen Kirche auf dem Marktplatz. Die spätgotische Kreuzbasilika, erbaut zwischen 1396 und 1496, ist seither die Grabeskirche des niederländischen Königshauses. Willems Mausoleum aus weißem Marmor und bronzenen Skulpturen dominiert den Chor. Vom 109 Meter hohen Turm hat man eine großartige Aussicht über die Stadt. Das interessanteste Gebäude aus dieser Höhe ist sicher das reich verzierte Renaissance-Rathaus gegenüber auf dem Marktplatz.

Trotz großer Historie – Delft ist auch eine junge Stadt. Von den rund 95 000 Einwohnern sind über 13 000 Studenten. Das spürt man besonders an den Wochenenden, wenn sich die Altstadt in eine Open-Air-Bühne verwandelt.

Auf den Plätzen und an den Grachten bauen Händler ihre Stände auf für Bücher, Antiquitäten und Kuriositäten, Kleinkünstler beleben die Gassen. Verliebte flanieren unter den alten Platanen rund um den Beestenmarkt – das Denkmal mit der bunten Kuh erinnert an seine Vergangenheit als Viehmarkt. Kneipiers und Caféhausbesitzer stellen ihre Tische nach draußen. Straßentheater und Festivals machen die Nächte lang. Eine Szenerie, wie sie Vermeer vielleicht gerne gemalt hätte. Auch Besucher können in Delft zum Pinsel greifen. Es muss ja nicht gleich ein Werk in Öl sein. Wie wäre es mit einer Fliese im typischen Blau? Bei Royal Delft vermitteln die Porzellanmaler Besuchern erstaunliche Techniken. Fünf Tage später wird das fertig glasierte und gebrannte Werk dann ins Haus geschickt. Auch Anfänger werden ihren Augen kaum trauen, so gelungen wirkt das Fliesenbild. Versprochen.