Butterbrot statt Luxusboot

Foto: MSG

Die Besucher der Urlaubsinsel kürzen ihr Budget – auch die Einheimischen achten auf jeden Cent

Anklagend hält José García seine kleinste Cappuccino-Tasse in die Luft. „So etwas bestellen die Touristen in diesem Sommer”, sagt der Wirt und tippt sich an die Stirn. „Zu zweit.” Es sei offensichtlich, dass die Urlauber kein Geld hätten, „die Pommes bestellen sie schon zu viert.” Seine Umsätze seien um mehr als die Hälfte eingebrochen, „Ende des Jahres mache ich hier den Laden zu.”

Nicht bei jedem in Can Picafort ist Katastrophenstimmung angesagt, aber dass die Urlauber weniger Geld zum Ausgeben haben, darin sind sich alle befragten Gastronomen und Einzelhändler einig. García ist besonders sauer, weil er täglich mit anschauen muss, wie sich die Touristen selbst versorgen. „Sehen Sie diese Frau, die gerade aus dem Hotel kommt?”, fragt er und deutet auf eine Dame, die ihr All-inclusive-Lunchpaket unter dem Arm trägt – in seiner Bar werde sie bestimmt nicht einkehren.

Auf der anderen Straßenseite bricht gerade Familie Bartz aus der Gegend von Rostock mit ihren vier Lunchpaketen zum Tagesausflug auf. Es soll in einen Wasserpark gehen – mit zwei Kindern werde das sicherlich nicht billig, sagt Stefanie Bartz. Sie habe ohnehin gedacht, Mallorca sei günstiger, „aber schon im Supermarkt ist hier alles teurer.” Die Busfahrt nach Palma habe über 70 Euro gekostet, und dort habe man sich dann von einem Straßenkünstler schief anschauen lassen müssen, als man ihm statt zwei Euro – wie viele andere – nur 50 Cent in den Hut warf. „Er hat dann gleich gefragt, ob wir Deutsche sind.”

Die Touristen aus Alemania haben ohnehin den Ruf, genau auf die Preise zu schauen, bestätigt Dolores Ortega vom Supermarkt Gran Bahía in Can Picafort. Aber auch die Briten, ehemals „gute Kunden”, seien wegen des schwachen Pfunds sehr sparsam geworden. Den Umsatzrückgang in diesem Jahr beziffert Ortega mit 30 bis 40 Prozent. Die Touristen kauften das Nötigste, als Verkaufsrenner habe sich das günstigste Päckchen Käse erwiesen – fünf Scheiben, genau passend für zwei Brötchen, die die Urlauber dann offenbar selbst belegten, statt sie im Café zu bestellen.

„Wasser und Brot”, das sei das Einzige, was sich gut verkaufe, klagt auch Elena von einem anderen Supermarkt. Die Packungen mit deutschen Backwaren sind direkt am Eingang gestapelt, aber auch die seien vielen Urlaubern noch zu teuer. „Wir sind hier auf einer Insel und in der Hochsaison”, erklärt Elena den Kunden, die sich beschweren. „Ich öffne sechs Monate lang, die Miete fällt aber für das ganze Jahr an.” Im Übrigen müsse auch sie mit den Mallorca-Preisen klarkommen.

Wie viel Geld die Urlauber auf Mallorca ausgeben, wird offiziell erst im Herbst feststehen, wenn das balearische Tourismusministerium seine Statistik vorstellt. Vorher will man dort keine Einschätzung abgeben. In der Branche kursieren unterdessen Schauermärchen über knauserige Urlauber, die Teile des Frühstücksbuffets mitgehen ließen, All-inclusive-Getränke weiterverkauften und es spanischen Jugendlichen nachahmten, die sich beim sogenannten „botellón” lieber auf der Straße betrinken statt in den Bars.

Rückschlüsse über die Ausgaben sind über die Studie „World Travel Monitor” möglich, für die pro Jahr 20 000 Deutsche befragt werden. Demnach ging die Zahl der Auslandsreisen in den ersten sechs Monaten des Jahres um sieben Prozent zurück, die Ausgaben insgesamt um zehn Prozent. Da die Reisekosten aber insgesamt gestiegen seien, könne man vermuten, dass die Menschen die Mehrkosten vor Ort kompensierten und sparsamer seien, sagt Marktforscher Dennis Pyka. Ganz oben auf der Streichliste steht da natürlich die Tagesgastronomie.

Die detaillierten Ergebnisse der Studie will das balearische Tourismusministerium im September in einem Workshops vorstellen, Titel: „Wie sich das Verhalten der Touristen in Krisenzeiten ändert und wie die Branche auf den Balearen darauf reagieren kann.”

Nach Ansicht der Urlauber Angelika und Frank Fritz sollten es die Einzelhändler und Wirte mit moderaten Preiserhöhungen und gutem Service versuchen. Es sei nicht nachvollziehbar, wenn von einem Jahr zum anderen kräftig erhöht werde. Das Tretboot koste jetzt 12 statt 10 Euro, kritisiert Frank Fritz. Vergangenes Jahr habe er sich zudem morgens noch drei Tassen Kaffee im Straßen-Cafe´ gegönnt. Jetzt koste er 1,20 statt 1,05 Euro. Und die Bedienung sei sehr viel langsamer, „da lege ich meine 1,20 eben auf den Tisch und gehe.” Ansonsten spare er nur ein bisschen, vor allem bei den oftmals zu teuren Souvenirs.

Das bekommt etwa der Argentinier Carlo Luma zu spüren. Gingen sonst in seinem Kunsthandwerksladen schnell mal drei Gürtelschnallen über den Ladentisch, sei es in diesem Jahr meist nur eine pro Kunde. Seine persönliche Bilanz: 10 Prozent weniger Touristen, aber 30 Prozent weniger Ausgaben. Die Klagen der Urlauber über die Preise kann er nicht nachvollziehen, die der mallorquinischen Kollegen aber auch nicht – als Argentinier habe er da schon ganz andere Krisen erlebt. Und: Die Anwohner seien früher auch viel spendierfreudiger gewesen.

 
 

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