"Behindertengerecht sagt nichts aus!"

Christian Leetz
Foto: MSG

Reisen mit Handicap: „Allein der Versuch, etwas nicht zu tun, ist ein Schritt zurück.” - meint Johann Kreiter

Johann Kreiter sitzt seit seinem 29. Lebensjahr im Rollstuhl. Seitdem hat der heute 60-Jährige insgesamt 40 Länder auf vier Kontinenten bereist.

Das Reise Journal sprach mit dem Vorsitzenden der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle (Natko) über das Reisen mit Handicap.

Welche Note würden Sie den deutschen Reiseveranstaltern für ihr Angebot in Sachen „behindertengerechtes Reisen” geben?

Keiter: Das kann man nicht allgemein bewerten. Da gibt es kleine Busveranstalter, die perfekt auf Reisende mit körperlichen Einschränkungen eingestellt sind. Dann wieder große, die sich mit dem Thema noch kaum beschäftigt haben. Insgesamt ist es hier aber schon besser als beispielsweise in den USA.

Woran mangelt es denn?

Keiter: Die Veranstalter geben Menschen mit Handicap zuwenig Informationen darüber, was sie am Zielort erwartet. Eine Floskel wie „behindertengerecht” sagt ja nichts aus. Jemand mit Mobilitätseinschränkung braucht Detailangaben. Ich will als Rollstuhlfahrer wissen, ob ich die Außenanlage nutzen kann, wie breit die Tür zum Aufzug ist und wie viele Stufen es vielleicht im Restaurant gibt. Solche Informationen sind im Übrigen auch für alle älteren Gäste wichtig.

Worauf müssen Reisende mit Einschränkungen selbst achten?

Keiter: Vor allem gilt es bei der Buchung offen und ehrlich anzusprechen, wo die Probleme liegen. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Veranstalter weiß, was der Kunde wirklich braucht, wird vieles möglich gemacht.

Viel kann man durch Improvisation auch selbst erreichen, geben Sie einfach mal ein paar Tipps.

Keiter: Wer schlecht stehen kann, oder im Rollstuhl sitzt, kann sich zum Beispiel einen Plastikstuhl in die Dusche stellen lassen. Den bekommt man in jedem Hotel. Ganz generell darf man kein Problem damit haben, andere um Hilfe zu bitten. Man muss selbst die Initiative ergreifen, wenn man etwas von der Welt sehen will. Und Kompromisse schließen. Mit sich selbst, und der Welt da draußen.

Was für Urlaube kann man mit körperlichen Einschränkungen überhaupt machen?

Keiter: Das kommt natürlich darauf an, was man für ein Handicap hat. Für jemanden mit einer Sehschwäche gelten andere Ausschlusskriterien wie für einen Rollstuhlfahrer. Aber es kommt auch immer auf einen selbst an.

Kann also ein Rollstuhlfahrer theoretisch auf einem Kamel durch die Sahara reiten?

Keiter: Ja. Ich habe das schon gemacht, und ich saß sogar allein im Sattel. Ich kann alle nur ermutigen, das auch mal zu tun. Ein unglaubliches Gefühl! Anfangs hatte ich Zweifel, ob das klappt, weil die Idee im Sinai spontan aufkam. Aber der Versuch etwas nicht zu tun, ist schon ein Schritt zurück!

Wohin geht Ihre nächste Reise?

Keiter (lacht): Ich muss mich noch von fünf Wochen Kanada erholen. Ich werde nach Niedersachsen fahren.