Barrierefreiheitist vielseitig

Oliver Kauer-Berk

Menschen gehen auf Reisen. Sie wollen entspannen, Kraft tanken, andere Menschen kennen lernen oder fremde Kulturen erleben und ihren Horizont erweitern. Mögen die Beweggründe auch verschieden sein, Reisen ist aber offensichtlich ein Grundbedürfnis – das viele Menschen nicht befriedigen können: Für knapp sieben Millionen Menschen in Deutschland (etwa 50 Millionen in Europa) stellt Reisen jedoch eine besondere Herausforderung dar. Menschen mit Behinderung welcher Art auch immer treffen beim Reisen immer wieder auf Barrieren. Die Nationale Koordinationsstelle Tourismus für Alle (NatKo) in Düsseldorf ist ein Ratgeber für barrierefreies Reisen. Ein Gespräch mit Rüdiger Leidner.


Wo fängt Barrierefreiheit an?
Mit dem barrierefreien Zugang zu Informationen für die Reiseplanung. Für Rollstuhlfahrer kann das der barrierefreie Weg ins Reisebüro sein, für blinde und sehbehinderte Reisende bedeutet es auch den Zugang zu Informationen in Großdruck oder akustischer Form beziehungsweise die Präsentation auf einer barrierefreien Website. Für Reisende mit Lernbehinderungen besteht Barrierefreiheit in dieser Phase, wenn die Informationen in leichter Sprache verfügbar sind.

Wohin verreisen Menschen mit einem Handicap am liebsten?

Alle Umfragen zeigen, dass behinderte Reisende dieselben Wünsche haben wie alle anderen. Eine im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums vor einigen Jahren durchgeführte Umfrage hat aber gezeigt, dass Schwerbehinderte Inlandsreisen bevorzugen. Insofern müssten sie für deutsche Anbieter von besonderem Interesse sein.


Können große Konzerne die nötige Individualität bieten?
Die Tourismuswirtschaft stellt sich allmählich auf die Veränderungen der Nachfrageseite ein. Für schwerbehinderte Reisende gibt es aber immer noch erhebliche Barrieren. Sie bestehen nicht nur in der geringen Anzahl barrierefreier Hotelzimmer, sondern auch in den Schwierigkeiten beim Transport. Die Zahl der Rollstuhlplätze in Zügen ist sehr begrenzt, und auch der Service an den Bahnhöfen beim Ein-, Um- und Aussteigen fehlt an kleineren Bahnhöfen oft völlig. Ganz zu schweigen von den fehlenden Toiletten für Rollstuhlfahrer in Flugzeugen.


Dabei ist die Rede von einem 2,5-Milliarden-Euro-Markt.
Diese Zahl stammt aus dem Jahr 2002 und dürfte heute deutlich höher sein. Dieser Umsatz bezieht sich auch nur auf Reisen mit Übernachtungen, vernachlässigt aber den Tagestourismus. Außerdem ist noch nicht berücksichtigt, dass ein schwerbehinderter Tourist selten alleine reist. Wenn er mit seiner Familie oder Freunden unterwegs ist, geben seine Bedürfnisse den Ausschlag für die Wahl des touristischen Angebots. Die Investition rentiert sich also schnell. Hinzu kommt, dass von barrierefreien Angeboten nicht nur Schwerbehinderte profitieren, sondern auch Eltern mit Kinderwagen oder Reisende mit viel Gepäck oder temporären Einschränkungen etwa aufgrund eines Skiunfalls. Eine europaweite Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass das Umsatzpotenzial für barrierefreie touristische Angebote in Europa bei 166 Milliarden Euro liegt.


Doch selbst wenn das Hotel barrierefrei ist, passt das Drumherum in Ort und Region oft noch nicht.
Das ist richtig. Die gesamte Reisekette muss barrierefrei sein, also auch das touristische Angebot am Zielort. Es geht also auch um Restaurants, Sehenswürdigkeiten oder Konzertsäle. Hier ist noch viel zu tun.


Was raten Sie, wenn Menschen mit Handicap gemeinsam auf Reise gehen wollen, beispielsweise eine Gruppe Rollstuhlfahrer?
Auch wenn das zynisch klingt, der Rat lautet: Bringt viel Zeit mit! Denn da die Zahl der Rollstuhlplätze in Zügen sehr begrenzt ist, kann die Gruppe vermutlich nicht zusammen verreisen. Zudem gibt es für eine Gruppe von Rollstuhlfahrern, die zusammen in einem Hotel übernachten will, kaum eine Wahlmöglichkeit beim Reiseziel. Man sieht hieran, wie weit wir noch von dem Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention entfernt sind, auch Menschen mit Behinderungen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.