Barbarastollen - Gedächtnis der Nation schlummert in Stein

Der Barbarastollen: ein Versteck für die Ewigkeit, dem selbst Erdbeben und Atombomben nichts anhaben können.
Der Barbarastollen: ein Versteck für die Ewigkeit, dem selbst Erdbeben und Atombomben nichts anhaben können.
Foto: picture-alliance/ dpa
Der Barbarastollen im Hochschwarzwald ist einer der geheimen Orte der Republik. Dort lagert die Bundesregierung Kopien wichtiger Dokumente.

Hochschwarzwald.. Die Weltnachrichten sind im Krisenmodus. In solchen Zeiten ist es spannend, die Phantasie in Jahrhundertsprüngen spielen zu lassen. Was war? Was wird sein? Wie werden unsere Nachkommen in 500 oder 1000 Jahren erfahren, was bei uns heute politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell los ist? Werden sie sich auf Aufzeichnungen, Dokumente, Bilder, Filme und die ganze IT-Hinterlassenschaft des Jahres 2016 verlassen können? Oder haben Kriege, Vandalismus und Klimawandel dann vieles längst vernichtet?

„Wir wollen späteren Generationen übermitteln können, wie wir und unsere Vorfahren gelebt haben“. An diesem Projekt arbeitet der Bundesbeamte Lothar Porwich in Oberried, einem idyllischen Fleck im Hochschwarzwald. Das Rathaus der 2800-Einwohner-Gemeinde wirbt mit einem schönen Kräutergarten und dem ersten Natur-Bergfriedhof Deutschlands. Kein Wort verliert das amtliche Touristikmarketing aber über den Barbarastollen, der nach kurzer Fahrt vorbei am Gasthof „Zum Goldenen Adler“ zu erreichen ist. „Privatweg“, warnt ein Schild. Dahinter führt es 400 Meter tief ins Granitgestein des Schauinsland-Massivs. Porwichs Revier. Vielleicht so etwas wie seine Area 51.

Bis zum Mauerfall war das Versteck eine Verschlussache

Es ist einer der geheimen Orte der Republik – mit Kameras und anderer Technik fast so gesichert wie die Hauptquartiere der Nachrichtendienste oder die Ostsee-Insel Riems, wo Mediziner gefährliche Erreger erforschen. Die Bundesregierung hatte das Versteck bis zum Mauerfall als Verschlusssache klassifiziert. Ein Gitter und eine große Stahltür versperren heute noch den Zugang zu ihrem „zentralen Bergungsstollen“. Doch drei oder vier Mal im Jahr stehen sie offen. Dann werden Edelstahl-Tonnen, 78 Zentimeter hoch und 43 Zentimeter breit, in den Berg gebracht und für eine kleine Ewigkeit verschlossen.

Der Barbarastollen ist das erdbeben- und atombombensichere Langzeit-Gedächtnis der Nation. Er birgt die Sicherungskopien der deutschen Historie. Neben ihm sind in Europa nur der Vatikan und das Amsterdamer Reichsmuseum mit dem höchsten Kulturschutzstatus der Haager Konvention gesichert. Der Bundeswehr sind in einer Drei-Kilometer-Zone Zutritt und Überflüge verboten. „Es sind staatstragende Dokumente und Urkunden, die hier eingelagert werden“, sagt Lothar Porwich.

Porwich stammt aus dem Rheinischen. Sein Schreibtisch steht eigentlich in Bonn im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Heute ist er wieder auf dem Außenposten. Er nimmt einen roten Schutzhelm aus dem Spind und empfiehlt warme Kleidung für den Marsch ins Granit. 10 Grad plus herrschen dort bei einer Luftfeuchtigkeit von 75 Prozent. Will der Mann aus Bonn in seinen Berg, öffnet ihm ein Kollege die Stahltür mit einem Code, den nur drei Beamte kennen.

Das Grundgesetz in der Tonne

Porwich hat derzeit viel zu tun. Am Einheitstag im Oktober, bei der nächsten Einlagerung, wird die Zahl von einer Milliarde Fotos von Urkunden und Dokumenten, Bauplänen und Briefen erreicht sein, die in den bislang 1400 Behältern abgelegt sind. Man wird den Anlass mit einem Tag der Offenen Tür feiern – und mit dem Einschließen eines besonderen Papiers. Das Grundgesetz samt seiner Geschichte kommt in die Tonne. „Nie“, sagt Porwich, „lagern wir einzelne Urkunden ein. Nur komplette Unterlagen. Die Geschichte um die Urkunde muss erkennbar bleiben“.

Grüne Notbeleuchtung führt uns durch den mit Beton verputzten früheren Silberbergwerksstollen. Am Ende des ausgebauten Teilstücks liegen zwei je 50 Meter lange Seitenzweige. Hinter ihren rostfarbenen Tresortüren ist der Inhalt der dicht an dicht stehenden Fässer nur zu ahnen: Zeugnisse von Kultur und Geschichtsschreibung aus eineinhalb Jahrtausenden.

Das Gründungspapier des Klosters St. Emeram von 794 ist hier verborgen, Ottos Krönungsurkunde zwei Jahrhunderte später, die Baupläne des Kölner Doms oder auch der Vertrag über den Westfälischen Frieden von Münster. Neben 50 Werken, die zeitgenössische Künstler ausgesucht haben, finden sich Relikte wie die „Goldene Bulle“, der Gründungsbrief Bayerns als Königreich von 1806 und der Spielplan der Bayreuther Festspiele.

Dokumente aus dem Landesarchiv NRW

Eine der jüngeren Einlagerungen ist die Ernennungsurkunde Hitlers zum Reichskanzler vom 30. Januar 1933. Auch die Folgen des Datums sind in Oberried dokumentiert: Mit den Protokollen der Entnazifizierungsverfahren zum Beispiel, die teils aus dem Landesarchiv von Nordrhein-Westfalen stammen. Die Duisburger Behörde hat auch die Rheinbundakte, Urkunden aus dem Archiv der Familie von Galen oder den Heiratsvertrag der Anna von Kleve mit Heinrich VIII. in den tiefen Südwesten geschickt.

Alle Exponate sind Kopien. Sie sind für den möglichen Fall der Vernichtung der Originale in den Museen oder Archiven in Schwarz-Weiß auf Mikrofilm gebannt. „Der hält 500 Jahre, mindestens“, sagt Porwich. CDs und jedes andere IT-Speichermedium würden viel schneller verfallen. Die Auswahl des Lagerguts sowie die Verfilmung erledigen Archivare in den Bundesländern. Der Aufwand hat sich bereits gelohnt: Als am 3. März 2009 in Köln das Stadtarchiv einstürzte, wurden viele Dokumente zu matschigem Brei. Im Barbarastollen fanden sich nicht nur die Kopien der zerstörten Zeugnisse, sondern auch Duplikate der Kölner Sicherungsfilme.

Hat es, bei so hohem archivarischen Wert, schon einen Einbruch gegeben? „Wir haben zweihundert Meter Gestein hier drüber. Drei verschiedene Sicherungssysteme schlagen Alarm, sollte jemand eindringen“. Tatsächlich habe es im September 2011 einen Ernstfall gegeben, räumt Porwich ein. Polizei und Sicherungsdienste waren schnell vor Ort. Sie fanden Spuren des Eindringlings: Mäusekot. Jetzt ist auch die letzte Spalte am Tor mit einem dicken, gelben Streifen abgedichtet. Als Warnung steht dort: „Deutsche Geschichte. Staatsgeheimnis.“

 
 

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