Auf Bali tanzen die Mädchen für Tradition, Götter und Touristen

Sandra Malt
Auf Bali spielt die Kultur eine wichtige Rolle. Traditionen und Tourismus gehören zusammen.
Auf Bali spielt die Kultur eine wichtige Rolle. Traditionen und Tourismus gehören zusammen.
Auf Bali tanzen junge Mädchen seit Generationen den gleichen Tanz: den Legong, Tanz der balinesischen Paläste. Voller Hingabe folgen sie der Tradition. Denn Bali ist von seiner Kultur abhängig. Gelebt wird aber vom Tourismus. Und so sind es inzwischen auch die Zuschauer, die zum Tanzen motivieren.

Bali. Sie reißt die großen dunklen Augen dramatisch auf und rollt sie zur Seite, zieht sie ruckartig nach oben und nach unten. Der türkis-pinke grelle Lidschatten und die hochgesteckte Haarmähne unterstützen die Dramatik. Das junge Mädchen ähnelt fast einer Geisha. Die Hände spreizt sie elegant zur Seite. Sie wiegt sich langsam hin und her in ihrem lila-gold glänzenden Sarong und hebt das Bein leicht an – die riesige Krone aus Blüten und vergoldeten Blättern vorsichtig auf dem kleinen Kopf balancierend.

Die achtjährige Ari tanzt mit ihren Freundinnen den Tanz der balinesischen Paläste, den Legong. Graziös, voller Leidenschaft und Hingabe. Metallisch-klirrende Klänge im Hintergrund: Gamelan-Spieler sitzen neben der mit roten Tüchern bezogenen Bühne und schlagen mit Hämmern auf ihre Metallophone. „Meine Mutter tanzt oft im Tempel, das möchte ich auch eines Tages.“ Die scheue Ari keucht, die dicke Schminke läuft ihr den Hals hinunter, während sie von der Bühne steigt.

Tourismus und Kultur gehören zusammen

Der Legong ist eine alte Tradition, die auf der indonesischen Insel noch immer von Generation zu Generation weitergegeben wird. Am Bühnenrand steht Ketut Sudirawan und lächelt. „Die Kinder sind Teil unserer Kultur.“ Der Direktor leitet seit 16 Jahren die Tanzschule „Sudirawan“ nahe der Stadt Ubud und unterrichtet Kinder ab sechs Jahren. „Erst ab diesem Alter nehmen sie den Tanz ernst“, meint er.

Schnell kommt der Ex-Tanzstar auf den wieder boomenden Tourismus Balis zu sprechen. Denn Tourismus und Kultur würden sich hier extrem gegenseitig bedingen. „Die Tänzer werden motiviert durch zuschauende Touristen und – natürlich – die Honorare in den Hotels.“

Terror erschütterte die„Insel des Friedens“

Vor zehn Jahren waren die Hotels leer. 2002 wurde die Insel des Friedens mit ihren immer freundlichen Bewohnern, Tausenden von grünen Reisfeldern und teilweise noch sehr ursprünglichen Dörfern vom Terrorismus erschüttert: Über 200 Menschen kamen bei zwei Bombenanschlägen in der Touristenhochburg Kuta ums Leben.

Die Besucherzahlen sackten ab von 1,3 Millionen auf 900 000 im Jahr 2003. „Wir erkannten plötzlich, wie sehr wir vom Tourismus abhängig sind und jahrzehntelang unsere Landwirtschaft vernachlässigt hatten“, erzählt Nyoman Sandhi in fließendem Deutsch. Der Balinese zeigt Reisegruppen seit 20 Jahren seine traumhaft schöne Heimat.

Ein feucht-dampfender Nebelwald 

Doch der Tourismus erholte sich. 2012 besuchten schon wieder knapp drei Millionen Urlauber die Insel der tausend Tempel. Den Göttern sei Dank.

Ein nach wie vor beliebtes Ziel ist das kulturelle Zentrum Balis: Ubud, im feucht-dampfenden Nebelwald gelegen. Schon seit Jahrhunderten leben hier im Landesinneren die besten Holzschnitzer, Maler und Steinmetze. Seinen Backpacker-Charme hat der Ort nicht verloren, auch wenn sich inzwischen an der Monkey Road Shop an Shop reiht, viele Reisebusse am Königspalast Halt machen und immer mehr Luxushotels in den Schluchten der tropischen Wälder eröffnen. Doch es reicht, nur ein paar Straßen weiter zu fahren, um in eine andere Welt einzutauchen.

Eine Ruhe des Friedens

„Die meisten Urlauber kommen für einen Tag und meinen, jetzt kennen sie den Ort. Aber das hier ist das wahre Ubud“, sagt Agung Rai morgens früh um sechs Uhr in Taman, einem winzigen Dorf, keine fünf Minuten von dem Kulturort entfernt. Hinter dem Ubuder mit dem verschmitzten Grinsen zieht der Frühnebel noch über wassergetränkte Felder. Knatschgrüne Reispflanzen sprießen der Sonne entgegen. Majestätische Palmenwälder spiegeln sich in den Gewässern wider. Das hektische Hupen der Mopeds in den Straßen Ubuds ist weit weg.

In den verwunschenen, mit Moos bedeckten Hindutempeln legen Frauen in farbenprächtigen Sarongs Opfergaben auf Palmenblätter nieder, murmeln Mantras. Eine Ruhe des Friedens.

Haustempel zeigt den Wohlstand an

Rai ist weit gereister Kunsthändler und Gründer des ARMA-Museums, der größten Privat-Gemäldesammlung Balis. Doch bei seiner „Golden Hour Tour“ verwandelt sich der 58-Jährige wieder in den Bauernsohn, als der er geboren wurde. Sein 92-jähriger Vater arbeitet noch immer jeden Tag auf dem Reisfeld. „Meine Familie lebt seit vielen Jahrzehnten mit mehreren Generationen unter einem Dach. Wir Kinder lernen alles von unseren Eltern“, erklärt Rai die immer noch große Bedeutung des Familienbundes auf Bali.

Während des Spaziergangs durch Taman redet er ununterbrochen. Von Tradition, Familie, Tempelfesten, Gesellschaftsschichten. Unterschiede sind schnell festzustellen: Der Wohlstand einer balinesischen Familie zeigt sich in ihrem Haustempel, in den mit Sarongs behangenen, vergoldeten Pagoden, in der Reichhaltigkeit ihrer Opfergaben. Die Dorftempel sind alle ähnlich, weniger üppig gestaltet.

Arbeitswelt steht still, wenn ein Fest ansteht 

Dann macht Rai plötzlich an einem Versammlungsplatz des Dorfrates Halt, die Ruhe ist vorbei. Überall sitzen Frauen in weißen Spitzenblusen und dunkelroten Sarongs, schwatzen miteinander, sind arg beschäftigt. Sie stellen Hunderte von Mabanten, kleinen Opfergaben, her: Kegel aus Reis – die den Vulkanen Balis ähneln, verziert mit Blüten und Früchten in kunstvoll zusammengesteckten Palmenblättern. „Alle Generationen nehmen an den Vorbereitungen teil“, weiß Rai. Stundenlang, tagelang. Die Arbeitswelt steht still, wenn ein Fest ansteht.

Doch nur die Älteren bearbeiten die geflochtenen Opfertürme, schon als Kinder erlernen die Frauen die komplizierten Flecht-, Steck- und Backtechniken. An den Türmen werden meist Bananen, Reiskuchen, Hibiskus- und Amaryllisblüten befestigt.

Ein Fest, gewidmet denGeistern der Unterwelt

Auch im mit gelben und roten Schirmen geschmückten Dorftempel herrscht reges Tun. Der süße Duft von Räucherstäbchen zieht um die lavagrauen Götterstatuen: Ein Wildschwein wird über offenem Feuer gebraten. Alles kommt auf die Opfertürme – und wird den Bhataras, gottgewordenen Ahnen, bei der Zeremonie später angeboten.

An diesem Tag steht das Pemungkah-Fest an: „Es geht um Revitalisierung, neue Energie für den Tempel. Und es ist den Geistern der Unterwelt gewidmet“, erklärt Rai, während auch er ein Schälchen mit Reiskörnern und Blüten hinlegt. Die Balinesen leben nur für ihren Glauben – und der Tanz ist ein wichtiger Bestandteil dessen. „Bei den Zeremonien huldigen die Mädchen mit ihren Tänzen den Göttern, egal wie talentiert sie sind“, sagt Direktor Sudirawan.