Aber bitte nicht im Urlaub

Foto: MSG

Warum wir uns im Altagsleben oft sehr viel klimabewusster verhalten als auf Reisen

Alle reden von Erderwärmung. Sind auch Touristen klimasensibler geworden?Unser Autor Andreas Lorenz-Meyer sprach mit dem Reise-Experten Martin Lohmann, der an der Leuphana Universität Lüneburg Tourismuspsychologie lehrt und in Kiel als Leiter des „Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa” arbeitet.

Professor Lohmann, hat der Klimawandel den deutschen Urlauber umweltbewusster gemacht?

Lohmann: Die Deutschen sind sich der Klimafolgen ihres Reiseverhaltens bewusst, was aber nicht zu einer wesentlichenÄnderung ihres Reiseverhaltens führt. Das erscheint zuerst verblüffend. Aber niemand fährt in den Urlaub, um die Umwelt zu schützen. Ich war im letzten Jahr zum Paddeln in Südnorwegen. Auf den ersten Blick ein umweltfreundlicher Urlaub: Das Paddelboot stößt keine Abgase aus, die Campingplätze sind ökologisch einwandfrei. Ich bin aber nicht losgefahren, um das Klima zu schonen, sondern weil ich Norwegen erleben wollte. Außerdem bin ich mit dem Auto angereist.

Dann verzichtet auch niemand dem Klima zuliebe auf die Flugreise?

Lohmann: Das allgemeine Verhalten bei der Anreise hat sich nicht geändert. Zwischen 35 und 40 Prozent fliegen in den Urlaub, 47 Prozent nutzen das Auto. Und dann bleibt schon nicht mehr viel für Bus und Bahn. Neun Prozent nehmen den Bus und fünf Prozent die Bahn. In den letzten 50 Jahren sind Bahnreisen kontinuierlich zurückgegangen.

Fühlen sich Urlauber von freiwilligen Flugkompensationen angesprochen?

Lohmann: Zahlungsbereit sind 20 Prozent der Flugreisenden, tatsächlich gleichen aber nur zwei bis fünf Prozent die klimatischen Kosten ihres Fluges aus. Klimaschutz funktioniert besser mit als gegen die Menschen. Und da bringen die freiwilligen Abgaben eine entscheidende Voraussetzung mit: Sie wollen dem Urlauber seine Gewohnheiten nicht nehmen. Die meiste Akzeptanz finden Klimaschutzkonzepte, bei denen man ein kleines bisschen zahlen, aber sein Verhalten nicht ändern muss. Das tun auch Urlauber nicht gerne.

Der Entdecker, der Outdoor-Urlauber oder der Kulturreisende: Urlauber haben unterschiedliche Vorlieben. Welche Klientel ist gegenüber nachhaltigen Angeboten offener eingestellt?

Lohmann: Das sind die besser Gebildeten und Besserverdiener. Eine attraktive Zielgruppe, um die sich viele bemühen. Die meisten möchten sich aber das bisschen Urlaub nicht von Besorgnissen verderben lassen. Für alle Urlaubertypen gilt: Was die Freiheit einschränkt, ist unerwünscht. Denn gerade auf Reisen möchten wir den Zwängen des Alltags entfliehen. Wer nachhaltigen Urlaub macht, für den sind Fahrradfahren oder biologisches Essen eine Quelle der Freude – und keine Selbstkasteiung.

Ist Reisen noch ein Traum oder nur noch Schnäppchenware?

Lohmann: Tourismus ist kein geschlossenes Phänomen mit einer bestimmten Sinngebung. Der Ausflug zur Oma nach Passau ist genauso Tourismus wie die Fernreise nach Mauritius. Der Eindruck, man habe es mit einem Schnäppchenmarkt zu tun, erklärt sich wohl aus der Branchensituation. Die Produkte werden immer ähnlicher und austauschbarer. Die Reiseveranstalter versuchen, den Wettbewerb über Preiskampf zu gewinnen und drängen mit großen Preisschildern in die Werbung.

Wie kann der Tourismus nachhaltiger gestaltet werden?

Lohmann: Im Südschwarzwald steht ein imposanter Kasten aus den Sechziger Jahren, der Feldberger Hof. Der Hotelier stellte eines Tages fest, dass die Heizkosten nach und nach ins Unermessliche steigen könnten. Er hat sein Haus ökologisch umgerüstet und damit einen Umweltpreis gewonnen. Die Triebfeder für den Unternehmer war aber nicht der Umweltschutz, sondern die Reduzierung der eigenen Kosten. So kann Tourismus nachhaltiger werden.

Werden durch den Klimawandel auch neue Urlaubertypen entstehen?

Lohmann: Die grundlegenden Bedürfnisse bleiben: angenehmes Klima, den Alltag hinter sich lassen, entspannen, sich frei fühlen. So etwas ändert sich nicht durch die Erderwärmung. Nur die für diese Zwecke klimatisch geeigneten Regionen ändern sich. Urlauber sind da sehr flexibel. Langfristig, nicht in 20 Jahren, aber danach, verschieben sich die Urlauberströme nach Norden. Dann tauchen möglicherweise italienische Sommerflüchtlinge in Massen an der deutschen Ostseeküste auf.

Ist der Alltagsmensch als Urlauber umweltbewusster?

Lohmann: Zuhause achten wir mehr auf Energieverbrauch und damit auf die Kosten. So gesehen sind wir im Alltag umweltbewusster. Das finde ich beruhigend, denn der Urlaub dauert letztlich nur zwei Wochen. Es ist mir lieber, wenn in den restlichen 50 Wochen etwas mehr auf die Umwelt geachtet wird.

 
 

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