15. Eintrag: Senhoras fantastico

Foto: MSG

Um 6 Uhr 24 rast, ausgelöst durch die Bordradiodurchsage, eine Schockwelle durch das Schiff. Der Seidenreiher ist weg! Seit Belem hatte er mehrere Tage lang die Chance an Land zu gehen und tat es nicht. Und jetzt, nach dem sich der "Reiherrat" gründete und für ihn weitreichende Entschlüsse gefasst hatte, nimmt er sein Schicksal doch lieber in die eigene Hand.

Dazu hat er sich eine exklusive geografische Lage im Amazonasgebiet ausgesucht, die weitläufigen Ufer des "Rio Tapajos", dessen Mündung in den Hauptstrom wir in der Nacht passiert haben. Das Besondere besteht in der glasgrünen Klarheit des großen Amazonaszuflusses und in dem fast subtropischen Klima dieser Feuchtsavannenregion. Das war es also, adeus "Mindi" und viel Glück in Brasilien!

Wie schön diese Gegend ist, sieht man wenig später, als die ASTOR bei Alter do Chao vor Anker geht. Weiße, karibisch anmutende Strände vor hügeliger grüner Landschaft mit azurblauem Himmel darüber, machen vergessen, dass wir uns mitten im Amazonasgebiet befinden. Mit offenen Tenderbooten werden wir an den Anleger des Indianerdorfes gebracht und stapfen, als wären wir mit dem Kanu gekommen, 200 Meter durch Puderzuckersand zum Dorf hinauf. Dort warten die Schulbusse der Gegend auf uns, denn es ist Sonntag und wir können sie nutzen, um unser Ausflugsziel zu erreichen. An der Röststation für Maniokmehl trifft Johannes Milkereit einen Fußballfan. Wir sollen erfahren, wie der Kautschuk, der das Amazonasgebiet einst in alle Munde brachte, gewonnen wird und wie das Hauptnahrungsmittel der Einheimischen, der Maniok, hergestellt wird. Bei der vierzigminütigen Fahrt durch die Grünsavanne erzählt ein lokaler und sehr versierter Touristenführer allerlei Wissenswertes über diese Doppelstromgegend. Besonders angetan ist er von den Mythen und Legenden um die rosa Delfine, die von den Indianern als beseelte Wesen von verstorbenen Stam-mesangehörigen verehrt werden.

Wie bedeutend und kompliziert die Gewinnung von Nahrungsmitteln aus den Wurzeln der Maniokpflanze ist und das damit uraltes Indianerwissen angewandt wird, erfahren wir bei der Führung durch die Produktionsstätten. In einem mehrstufigen Herstellverfahren wird der Maniokwurzel der giftige Blausäureanteil entzogen und fast rückstandsfrei zu vielerlei Teilprodukten verarbeitet. Ich probiere einen Kaffee aus einer kleinen und scharf gerösteten Bohne mit einer Haube aus Maniokkörnern, die dem Getränk einen eigenwilligen Geschmack verleihen.

An der Röststation für Maniokmehl erlebe ich eine lustige Überraschung. Der junge Halbindianer, der das Mehl dort mit einer Machete wendet, damit es nicht anbrennt, grinst mich an und sagt unvermittelt: Senhoras fantastico, Senhores nix gutt! Ich brauche ein bisschen, um zu ergründen, was er meint. Er spricht von unseren Frauen-Fußball-Weltmeisterinnen und der Männernationalelf. Das er Letztere mit zwei deutschen Worten klassifiziert, zeigt, dass wir nicht die ersten Besucher dieser Maniokplantage sind.

1. Eintrag: Es geht wieder los

2. Eintrag: Die Abreise

3. Eintrag: Der erste Tag auf See

4. Eintrag: Madeira

5. Eintrag: Captain's Dinner

6. Eintrag: Besuch in der Schiffsküche

7. Eintrag: Die Kapverdischen Inseln

8. Eintrag: Juan Tabscos scharfer Auftritt

9. Eintrag: Blinder Passagier an Bord

10. Eintrag: Wettkampf auf hoher See

11. Eintrag: Äquatortaufe

12. Eintrag: Land in Sicht

13. Eintrag: der Amazonas

14. Eintrag: der Regenwald

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